Doppel-Interview Handwerk und Kunst gehören zusammen

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) wollen stärker kooperieren. Die DHZ hat deren Präsidenten in Berlin zum Gespräch getroffen. Wie Prof. Marion Ackermann und Jörg Dittrich das Kunsthandwerk stärken wollen.

ZDH-Präsident Jörg Dittrich und SPK-Präsidentin Prof. Marion Ackerman
Über das Verbindende von Handwerk und Kunst haben sich ZDH-Präsident Jörg Dittrich und SPK-Präsidentin Prof. Marion Ackermann im ­Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung ausgetauscht. - © Santiago Engelhardt

Frau Ackermann, Kunst kommt von Können. Der Aphorismus impliziert handwerkliches Know-how als Grundlage für die Entstehung von Kunst. Würden Sie dem zustimmen?

Marion Ackermann: Unbedingt. Über viele Jahrhunderte hinweg waren Handwerk und Kunst untrennbar miteinander verbunden. Erst durch die Konzeptkunst im 20. Jahrhundert wurde die Idee über das Objekt erhoben. Sie musste nicht ausgeführt werden, um als Kunst zu gelten. Nach dieser extremen Trennung von Kopf und Hand in den 1960er-Jahren spielt seit der Jahrtausendwende die Hand im Kunstwerk wieder eine größere Rolle, was beispielsweise im Kunstgewerbemuseum mit der Textilkunst von Sophie Dawo oder im Museum Europäischer Kulturen in der "Flechten!"-Ausstellung thematisiert wird.

Dieses Phänomen lässt sich aber weltweit beobachten. So pflegen in einem Museum in Bolivien indigene Frauen über 200 traditionelle Webtechniken, die sonst womöglich in Vergessenheit geraten würden. Heute stehen Handwerk und Kunst wieder gleichberechtigt nebeneinander. Die Bewahrung von Kulturtechniken und Mechanismen der Handwerkskünste spielt wieder eine wichtige Rolle.

Im Begriff Kunsthandwerk fließen Kunst und Handwerk ineinander. Was verbindet für Sie diese beiden Bereiche und wo verläuft die Trennlinie?

Jörg Dittrich: Ich halte es gar nicht für nötig, eine genaue Grenze zu ziehen. Was Kunst und Handwerk verbindet, umschreibt ganz gut der Satz: Geist fließt in Materie. Eine Idee nimmt durch die Bearbeitung eines Materials Gestalt an, sie wird haptisch und sichtbar. Als Dachdeckermeister habe ich aber tatsächlich erst im Ehrenamt als ZDH-Präsident so richtig wahrgenommen, wie vielfältig das Kunsthandwerk ist. Bei den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks wird das auf beeindruckende Weise deutlich.

Wenn wir zurückblicken, sehen wir, dass sich aus einer Handwerkstechnik einst eine Wissenschaft entwickeln konnte. Heute schafft die digitale Revolution neue Berührungspunkte zwischen akademischer und beruflicher Bildung. Wir sollten deshalb fragen: Wo liegen diese Schnittmengen? Was können wir tun, damit junge Menschen, die einen Handwerksberuf erlernen, später in ein Museum gehen und dort mit einem anderen Blick und dem Bewusstsein auf die Dinge schauen, was vom eigenen Handwerk, Können und Arbeit in den ausgestellten Werken wiederzufinden ist?

Was Kunst und Handwerk verbindet, umschreibt ganz gut der Satz: Geist fließt in Materie.
Eine Idee nimmt durch die Bearbeitung eines Materials Gestalt an, sie wird haptisch und sichtbar.

Jörg Dittrich

Marion Ackermann: Der Musik­instrumentenbau bietet ein gutes Beispiel für das Verbindende zwischen Kunst, Handwerk und digitalen Verfahren. Wir haben in unserer Sammlung historische Ins­trumente, die man nur deshalb wieder spielen kann, weil fehlende Stücke mittels 3D-Druck wieder eingepasst werden konnten. So können sich Handwerk und Kunst gegenseitig befruchten.

Prof. Marion Ackermann und Jörg Dittrich
Jörg Dittrich: Als ZDH-Präsident ist es mir ein großes Anliegen, das Kunsthandwerk stärker ins öffentliche Interesse zu rücken. - © Santiago Engelhardt

Jedes Frühjahr locken die Europäischen Tage des Kunsthandwerks – kurz ETAK – zahlreiche Besucher an. Trotzdem bleibt das Interesse in Deutschland im Vergleich zum Ursprungsland Frankreich relativ gering. Wie sollen die ETAK weiterentwickelt werden?

Jörg Dittrich: Als ZDH-Präsident ist es mir ein großes Anliegen, das Kunsthandwerk stärker ins öffentliche Interesse zu rücken. Dafür müssen wir mit den Partnern in der Kultur und insbesondere in den Museen darüber sprechen, was es dafür braucht. Die Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Ihre Präsidentin ist nicht nur bereit, Türen zu öffnen, sondern wünscht sich ausdrücklich mehr Aufmerksamkeit für das Handwerk und durch das Handwerk.

Marion Ackermann: Aus Befragungen wissen wir, dass es ein wachsendes Bedürfnis nach Taktilität gibt, also nach Berührungsmöglichkeiten, auch in Museen, wo man ja meistens nichts anfassen darf. Für das Kunsthandwerk ist das eine wichtige Botschaft. Es gibt eine Gegenbewegung zum Digitalen. Das kommt nicht nur in einer neuen Wertschätzung des Haptischen zum Ausdruck. Auch die Begegnung mit der "realen Welt", wie sie die Wanderschaft von jungen Gesellen bietet, erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Ganz toll finde ich die Erasmus-Plus-Programme, die internationalen Austausch ermöglichen, gerade mit Frankreich. Das sollte weiter gefördert werden.

Es gibt eine Gegenbewegung zum Digitalen.
Aus Befragungen wissen wir, dass es ein wachsendes Bedürfnis nach Berührungsmöglichkeiten gibt.

Marion Ackermann

Was kann die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) dazu beitragen, dass die ETAK an Anziehungskraft gewinnen?

Marion Ackermann: Wir öffnen unsere Werkstätten. Für das Handwerk ist das sehr spannend. Bei uns sind viele Gewerke vertreten, wir beschäftigen 32 Meister. Vieles ist einzigartig wie unsere Gipsformerei, in der Abgüsse aus früheren Jahrhunderten bewahrt werden, die es im Original gar nicht mehr gibt. Der Beruf des Gipskunstformers wäre ausgestorben, wenn er in Berlin nicht gepflegt und bis heute ausgebildet worden wäre. Im Haus Bastian, unserem Zentrum für kulturelle Bildung, werden Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene angeboten, die einen Einblick ins Handwerk gewähren. Für Berufsschulen bietet das Haus dieses Jahr einen kostenlosen Projekttag unter dem Motto „Hand.Werk – Sachen machen“ an, der historisches Wissen und kreatives Gestalten verbindet und Bezüge zwischen Handwerk und Alltag herstellt.

Herr Dittrich, in der Denkmalpflege ist tradiertes Spezialwissen um handwerkliche Techniken gefragt. Sehen Sie dieses Know-how durch digitale Werkzeuge und KI in Gefahr?

Jörg Dittrich: Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Eine Million Handwerksbetriebe bedeuten auch eine Million unterschiedliche Wege, mit Technologie und KI umzugehen. Mit der Fortbildung zum Geprüften Restaurator im Handwerk heben wir explizit auf die Entwicklung und Anwendung neuer Verfahren ab, um die traditionellen Techniken in der Restaurierung und Denkmalpflege zu ergänzen. Weiterentwicklung ist notwendig. Es wäre ja unsinnig, nur an bestehenden Technologien festzuhalten. Wir wollen Neues aufnehmen und Bestehendes weiterentwickeln. Was mir Sorgen macht, ist eine ganz profane Frage der Gesetzgebung: Dass handwerkliche Leistungen etwa durch Lohnzusatzkosten so stark belastet werden, dass sie für die Kunden irgendwann unbezahlbar sind. Wenn Handwerker mit ihrem Geschäftsmodell ihre Familien nicht mehr ernähren können, dann sind wir auf dem falschen Weg. Das ist weder resilient noch sozial.

Prof. Marion Ackermann und Jörg Dittrich
Prof. Marion Ackermann: Der Beruf des Gipskunstformers wäre ausgestorben, wenn er in Berlin nicht gepflegt und bis heute ausgebildet worden wäre. - © Santiago Engelhardt

Frau Ackermann, die Sammlungen der SPK enthalten einzigartige und wertvolle Objekte. Wie stellt die SPK deren Schutz und Erhalt sicher? Können Sie uns einen Blick hinter die Kulissen der Museen gewähren?

Marion Ackermann: Das ist ein großer, unsichtbarer Bereich, in dem wir viele hoch spezialisierte Mitarbeitende haben. Es gibt alte Bücher, die in die Buchwaschanlage müssen, oder lichtempfindliche Objekte, die zu schützen sind. Ein wichtiges Thema ist die Entwesung – also die Schädlingsbekämpfung. Darauf muss man bei allen organischen Stoffen wie Holz, Papier oder Textilien achten. Wir haben über alle Sammlungen hinweg Objekte aus Metall, Glas, Porzellan, Textilien oder mediale Werke wie Neon oder LED, die wir für die Zukunft bewahren wollen. Dabei ist handwerkliches Know-how aus allen möglichen Gewerken gefragt.

Herr Dittrich, Sie sind in einem musisch wie handwerklich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Ihre Mutter war Musikerin, Ihr Vater Dachdeckermeister. Wie haben diese beiden Welten Ihren Werdegang beeinflusst?

Jörg Dittrich: Da gibt es natürlich einen starken Einfluss, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Mein Bruder, der einen künstlerischen Weg eingeschlagen hat und Initiator der Kulturhauptstadt Chemnitz war, hat in seiner Arbeit immer auch ein Stück Handwerk mitgenommen – und ich umgekehrt ein Stück Musik und Kultur in meine Arbeit im Handwerk. Gerade diese Verbindung zeigt, wie sehr Kunst und Kultur unseren Blick erweitern können. Sie eröffnen neue Perspektiven, wecken Emotionen und helfen uns, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Deshalb halte ich kulturelle Bildung für einen wichtigen Wert unserer Gesellschaft: Sie befähigt uns, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und nicht bei den vermeintlich einfachen Antworten stehen zu bleiben.

Frau Ackermann, eine hypothetische Frage: Albrecht Dürer hat das Goldschmiedehandwerk gelernt, Otto Dix war gelernter Dekorationsmaler. Wären beide auch ohne diese Ausbildung berühmte Maler geworden?

Marion Ackermann: Wahrscheinlich nicht. Selbstverständlich kann es auch große Kunst ohne handwerkliche Ausbildung geben. Aber gerade bei den genannten Fällen beruht ja die besondere Ausstrahlung ihrer Kunstwerke auf der Grundlage des Handwerklichen. Otto Dix hat jedes Bild anders gerahmt. Er hat ein Gemälde nicht als flache Scheibe gesehen, sondern als Objekt, als Relief, mit dem er experimentiert hat. Auch Albrecht Dürer hat mit allem Möglichen experimentiert. Die handwerkliche Grundlage ist in beiden Fällen extrem wichtig.

Jörg Dittrich: Es heißt ja sprichwörtlich nicht umsonst ... die verstehen ihr Handwerk. Das lässt sich auf Musiker, Journalisten und sicher auch auf Künstler anwenden, die keine handwerkliche Ausbildung haben. Aber sie müssen ihr Talent trainieren und aus Fehlversuchen lernen. So, wie das auch im Handwerk der Fall ist.

Bei der Restaurierung stehen sich akademische Ausbildung und die Fortbildung zum Geprüften Restaurator im Handwerk, die es für 19 Gewerke gibt, gegenüber. Sehen Sie da Konfliktpotenzial?

Jörg Dittrich: Da liegt natürlich ein Knackpunkt. Wenn ein Malermeister, der sich zum Restaurator weitergebildet hat, gesagt bekommt, seine Qualifikation reiche für bestimmte Arbeiten nicht aus, ist das schwer nachvollziehbar. Warum sollte ein ausgebildeter Maler historische Malerarbeiten nicht mehr bearbeiten dürfen? Die Frage ist also: Wie gehen wir mit diesem Spannungsfeld um? Das heißt ausdrücklich nicht, dass der Studiengang Restaurierung falsch ist. Aber wir sollten stärker darauf schauen, was sich aus beiden Welten zusammenführen lässt, statt sie abzugrenzen. Und das gilt in beide Richtungen: Auch der Handwerker muss anerkennen, dass Restauratoren über besondere wissenschaftliche Kenntnisse verfügen. Beide Qualifikationen haben ihre Berechtigung – es kommt darauf an, ihre jeweiligen Stärken zusammenzubringen.

Marion Ackermann: Dem stimme ich vollkommen zu. In Kultureinrichtungen gibt es feine, fast hierarchische Abstufungen, die sich auch in der Bezahlung niederschlagen. Mich ärgern diese Hierarchisierungen. Wer Restaurator werden möchte, muss eine lange Ausbildung durchlaufen, in der praktische Fähigkeiten, aber auch kunsthistorisches Wissen vermittelt werden. Dabei ist das eine nicht besser als das andere. Beides gehört zusammen, so wie es im Bauhaus gelehrt wurde. Das Bauhaus ist der international berühmteste Ort für die Einheit von Handwerk und Kunst.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ist mit rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte deutsche Kultureinrichtung. Sie wurde gegründet, um die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeteilten Sammlungen und Einrichtungen des ehemaligen preußischen Staates zusammenzuführen und zu bewahren. Zur SPK gehören Museen, Bibliotheken, Archive und Forschungsinstitute. Ihre Sammlungen und Bestände reichen von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart und stammen aus vielen Teilen der Welt. Die Objekte ihrer Sammlungen decken eine Zeitspanne von 40.000 Jahren ab. Eine der Einrichtungen der SPK ist die Gipsformerei, die seit 200 Jahren hochwertige Kunstrepliken anfertigt – und im Handwerk Gipskunstformer ausbildet.