Vier Tage Wettbewerb, kein Coaching erlaubt: Bundestrainerin Jule Janson darf ihrem Team bei den WorldSkills in Shanghai nur von der Seitenlinie zuschauen. Im Interview erklärt die frühere Vizeweltmeisterin, wie sie Tim Arnold und Jakob Distler trotzdem begleitet – und was das monatelange Training dafür gelegt hat.

Frau Janson, kurz vor dem Abflug zu den WorldSkills nach Shanghai: Wie geht es Ihnen?
Jule Janson: Ich bin natürlich aufgeregt. Zum einen, weil China anders ist als Deutschland oder Europa. Zum anderen beginnt jetzt der Wettbewerb, auf den unsere beiden Teilnehmer lange hintrainiert und auf den wir sie als Trainer vorbereitet haben. Da stellt man sich schon Fragen wie: Hat das Training funktioniert? Können sie ihre Leistung abrufen? Läuft alles so, wie wir es uns erhoffen?
Sie kommen aus Mühlacker in Baden-Württemberg, das Team der Stahlbetonbauer, Tim Arnold (Kleingesee) und Jakob Distler (Ebermannstadt), aus Bayern. Wie organisieren Sie gemeinsames Training?
Wir trainieren im Ausbildungszentrum in Nördlingen bei Josef Leberle (Ausbildungsleiter und stellvertretender Geschäftsführer des Ausbildungs- und Fortbildungszentrum der Bauinnung Nordschwaben Anm. d. Red.). Er war sehr lange als Experte bei World- und EuroSkills tätig und ist immer noch Trainer. Im Ausbildungszentrum in Nördlingen befinden sich auch alle unsere Trainings- und Schalungsmaterialien. Also alles, was wir brauchen.
Übernehmen Sie als Bundestrainerin alle Trainings?
Wir teilen uns das auf: Mal übernehme ich das Training, mal Josef Leberle, aber auch Ali Lamain, der in Lyon und Herning Teilnehmer war (Muhammed Ali Lamain, Vizeweltmeister 2024 und Dritter bei den EuroSkills 2025, Anm. d. Red.), hat einige Trainings durchgeführt. Wir teilen uns das ein bisschen auf, sodass es für jeden Einzelnen nicht ganz so viel ist.
Wie findet ein Zweierteam von Stahlbetonbauern, das gemeinsam bei einer Welt- oder Europameisterschaft antreten soll, überhaupt zusammen?
Bei uns läuft das über die Deutsche Meisterschaft beziehungsweise über die verschiedenen Wettbewerbe nach der Gesellenprüfung. Zunächst wird geschaut, wer vom Alter her überhaupt infrage kommt – es gelten ja Altersgrenzen bei den World- und EuroSkills. Im nächsten Schritt schauen wir, ob es bei den Kandidaten auch menschlich miteinander funktionieren würde.
Das klingt, als sei das Zwischenmenschliche fast so wichtig wie die fachliche Leistung?
Genau so ist es. Es ist ein Teamwettbewerb. Jeder muss natürlich seine Leistung bringen, aber das Team muss auch harmonieren. Wenn es menschlich nicht passt, können beide fachlich noch so gut sein, es würde trotzdem nicht funktionieren. Die Mischung macht es.
2022 sind Sie selbst in dieser Disziplin Vizeweltmeisterin geworden. Wegen der Pandemie fanden die WorldSkills jedoch nicht wie geplant in Shanghai statt, sondern dezentral in verschiedenen Ländern. Wie erinnern Sie diesen Wettbewerb?
Ja, das war bei uns ein bisschen schade. Erst wurde alles um ein Jahr verschoben, dann hat man einige Skills zusammengefasst und die Wettbewerbe in verschiedenen Ländern durchgeführt. Wir waren in Salzburg nur sieben Skills. Dadurch hatten wir nicht die Atmosphäre wie wir sie jetzt in Shanghai mit allen 64 Skills erleben werden. Ich bin sehr gespannt, wie das wird.
Es wird erwartet, dass die WorldSkills im chinesischen Shanghai in neue Dimensionen vorstoßen, was zum Beispiel die Besucherzahlen angeht. Vor einer großen Kulisse sind der Einmarsch der Nationen und die Medaillenvergabe ja noch mal emotionaler.
Ich denke, dass das sehr emotional wird. Die Kulisse, die Atmosphäre – das wird gigantisch sein. Da einzulaufen, ist für die Teilnehmer toll. Wir hoffen natürlich, dass die Jungs eine gute Leistung bringen und zufrieden sein können. Wer weiß, vielleicht reicht es sogar für eine Medaille. In so einer Atmosphäre zu gewinnen, ist natürlich etwas ganz Besonderes.
Die deutsche Nationalmannschaft der Berufe sowie die Expertinnen und Experten fliegen gemeinsam nach Shanghai. Wenn Sie dort sind: Wie sehen die letzten Tage vor dem Wettbewerb aus?
Für die Teilnehmer geht es noch einmal in ein Vorbereitungscamp. Wir Experten hingegen gehen direkt auf die Wettbewerbsfläche, um alles vorzubereiten. Die Teilnehmer kommen etwas später nach und haben dann noch ihren Vorbereitungstag, an dem sie sich mit den Maschinen und der Fläche vertraut machen können.
Dürfen Sie während des viertägigen Wettbewerbs coachen oder Tipps geben?
Nein, während der Wettbewerbszeit darf man überhaupt kein Wort mit ihnen reden, allenfalls wenn ein Experte aus einem anderen Land dabei ist. Sonst wäre das ja womöglich ein Vorteil und das möchte man unterbinden.
Aber Kontakt zu Tim und Jakob haben Sie schon in den vier Wettkampftagen?
Ich bin ja auf jeden Fall vor Ort. Es hilft schon ein bisschen, wenn sie auf der Wettbewerbsfläche ein bekanntes Gesicht sehen. Morgens und abends können wir natürlich miteinander reden und gemeinsam schauen, was uns auffällt und was sie ändern können. Aber im Wettbewerb selbst sind die beiden auf sich allein gestellt.
Was hat Sie motiviert, Bundestrainerin zu werden?
Als ich Teilnehmerin war, fand ich es einfach cool: das Team, wie alles ablief, den Wettbewerb. Josef Leberle, der damals alles alleine gestemmt hat, hat mich danach gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, ihn zu entlasten, damit wir gemeinsam – und auch mit Ali zusammen – das Betonbauteam ein bisschen voranbringen können.
Mussten Sie lange überlegen?
Ich habe gedacht: Warum eigentlich nicht? Das ist noch mal eine ganz andere Perspektive. Was ich während meiner Zeit im Team gelernt habe, kann ich versuchen, anderen beizubringen. Außerdem: Wenn sich mehrere Personen diese Aufgabe teilen, ist es für jeden entspannter und macht auch mehr Spaß, als wenn eine Person alles alleine machen muss.
Gibt es bei den Stahlbetonbauern eine Nationalmannschaft wie beispielsweise bei den Zimmerern?
Nicht in diesem Sinne. Wir haben einfach nicht so viele Teilnehmer. Aber wir haben unser Kernteam und mittlerweile ein richtig gutes Team drumherum – mit ehemaligen Teilnehmern, die bei den Trainings mithelfen und ihre Ideen und Lösungsvorschläge einbringen. Bei den Deutschen Meisterschaften kommen wir dann immer alle zusammen. Es ist zwar kein aktives Team an Teilnehmern wie bei den Zimmerern, aber dieses Team im Hintergrund ist richtig super. Darauf sind wir als Betonbauer auch richtig stolz.
Reden wir über Ihren Werdegang. Es gibt nicht viele Stahlbetonbauerinnen – wie kamen Sie zu diesem Beruf?
Ich habe die Ausbildung zur Beton- und Stahlbetonbauerin gemacht, weil ich nach der Schule einfach nicht mehr nur am Tisch sitzen und pauken wollte. Ich wollte was Praktisches machen und mit den Händen arbeiten. Dadurch, dass meine Mutter eine Baufirma betreibt, war das Thema Bau sowieso immer präsent bei mir.
Warum nicht Maurerin?
Es stand tatsächlich beides im Raum. Ich habe mir das bei uns im Ausbildungszentrum angeschaut und fand den Betonbauer spannender, weil man auch viel mit Holz arbeitet – gerade in der Ausbildung beim Herstellen der Schalungen. Das war für mich vielfältiger und interessanter, als Reihe für Reihe hochzumauern. Nach der Ausbildung habe ich noch ein Bachelor-Studium im Bauingenieurwesen und berufsbegleitend den Betriebswirt des Handwerks absolviert.
Arbeiten Sie heute im Büro?
Nein, ich bin wieder komplett auf der Baustelle tätig als Polier. Das macht mir nach wie vor am meisten Spaß. Am Schreibtisch sitzen ist immer noch nicht meins.
Zum Schluss: Was wünschen Sie Ihrem Team in Shanghai?
Ganz egal, ob eine Medaille bei den WorldSkills rausspringt oder nicht: Ich wünsche Tim und Jakob, dass sie nach dem Wettbewerb stolz auf sich sein können und zufrieden mit ihrer Leistung sind, weil sie ihr Bestmögliches gegeben haben.
