Kolumne Leichtgläubige Auszubildende: Gefahr für den Betrieb?

Leichtgläubigkeit wird in der Ausbildung oft mit fehlender Intelligenz verwechselt. Doch das Gegenteil ist meist der Fall. Wie Ausbilderinnen und Ausbilder reagieren können, um Missbrauch zu verhindern und die Auszubildenden gezielt zu fördern, weiß Ausbildungsberater Peter Braune.

Wenn jemand die Leichtgläubigkeit eines Azubis gezielt ausnutzt, entsteht eine ernsthafte Gefahr. In einem solchen Fall erleidet nicht nur der Azubi selbst einen Schaden – auch der Meister und das gesamte Unternehmen können davon betroffen sein. - © JenkoAtaman - stock.adobe.com

Schon der römische Philosoph Seneca soll gesagt haben: "Das meiste Unheil richtet Leichtgläubigkeit an!"

Doch was bedeutet dieser Begriff überhaupt? Leichtgläubigkeit beschreibt die Eigenschaft, Aussagen oder Informationen vorschnell – also ohne kritisches Hinterfragen oder ausreichende Beweise – für wahr zu halten. Im Alltag wird sie häufig mit Begriffen wie Naivität, Blauäugigkeit oder Gutgläubigkeit gleichgesetzt.

Ein Praxisbeispiel aus dem Betrieb

Ein konkreter Fall aus der Ausbildungspraxis veranschaulicht die Problematik: Eine junge Auszubildende, auf die genau diese Merkmale zutrafen, lernte bei einer Meisterin im Betrieb. Sie hinterfragte keine Information; ungeprüft und ohne Zweifel nahm sie alles hin, was man ihr sagte.

Dabei handelte sie stets gutmütig – nichts geschah aus böser Absicht. Dennoch hielt sie Dinge für wahr, die schlichtweg nicht stimmten. Durch falsche Versprechungen, Betrug oder gezielte Beeinflussung konnte sie extrem leicht getäuscht werden. Ihr Vertrauen war grenzenlos.

Leichtgläubigkeit ist keine Frage der Intelligenz

Sicherlich spielte Unerfahrenheit eine große Rolle bei ihrem Verhalten. Die Auszubildende glaubte fest an das Gute im Menschen und mochte einfach nicht an schlechte Absichten anderer denken. Das führte dazu, dass sie Gefahren übersah, Situationen falsch einschätzte und leicht hereingelegt werden konnte.

Dass dies nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun hat, zeigte sich im Ausbildungsalltag deutlich:

  • Den Unterweisungen zu den Lernzielen aus dem betrieblichen Ausbildungsplan folgte die Auszubildende äußerst aufmerksam.
  • Die anschließenden Lernerfolgskontrollen schloss sie in der Regel sehr erfolgreich ab.

Wo liegt das Risiko für den Betrieb?

So positiv ein hohes Vertrauen im Team auch ist: Wenn jemand diese Leichtgläubigkeit gezielt ausnutzt, entsteht eine ernsthafte Gefahr. In einem solchen Fall erleidet nicht nur die Auszubildende selbst einen Schaden – auch die Meisterin und das gesamte Unternehmen können davon betroffen sein.

Wie die Meisterin helfen kann: Handlungsansätze für Ausbilder

Um der jungen Frau zu helfen und sie vor möglichen Gefahren zu schützen, ohne ihr Vertrauen zu zerstören, sind Fingerspitzengefühl und pädagogisches Geschick gefragt.

Das sollte die Ausbilderin beachten:

  • Keine Vorwürfe machen und nicht schimpfen: Ein negatives Feedback verstärkt nur die Unsicherheit.
  • Geduldig bleiben: Verhaltensänderungen und kritisches Denken brauchen Zeit.
  • Genau zuhören: Die Perspektive der Auszubildenden verstehen, um zu erkennen, wo Denkfehler lagen.
  • Ruhig aufklären: Erklären, warum eine Information falsch war und woran man Täuschungen erkennt.
  • Zum aufmerksamen Zuhören ermuntern: Die Auszubildende motivieren, auch bei Aussagen Dritter genau hinzuhören.
  • Das Schlechte nicht übersehen: Den Blick dafür schärfen, dass nicht alle Menschen stets gute Absichten hegen.
  • Gefahren präzise einschätzen: Risiken im Betriebsalltag konkret aufzeigen und bewerten lernen.
  • Gefahrenbewusstsein aufbauen: Ein gesundes Bewusstsein für potenzielle Risiken im Alltag etablieren.
  • Selbstbewusstsein stärken: Je gefestigter die Persönlichkeit der Auszubildenden ist, desto schwerer fällt es Dritten, sie zu beeinflussen oder zu täuschen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithographie gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.