65,7 Prozent der Auszubildenden sind mit ihrer Lehrstelle zufrieden – so wenig wie nie seit Beginn des DGB-Ausbildungsreports. Gleichzeitig geben 50 Prozent der befragten 13.000 jungen Menschen an, sich psychisch belastet zu fühlen. Was hinter den Zahlen steckt und was der ZDH jetzt konkret fordert.

Jeder zweite junge Mensch in Ausbildung fühlt sich psychisch belastet. Das geht aus einer Umfrage unter mehr als 13.000 jungen Leuten für den Ausbildungsreport des Jugendverbandes des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB-Jugend) hervor. Gründe für die psychische Belastung sind demnach Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck sowie Personalmangel im Ausbildungsbetrieb.
Jeweils rund ein Fünftel der Befragten nennt einen dieser Faktoren. Hinzu kommen private Aspekte: Knapp die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt an, ihre finanzielle Situation belaste sie. 35 Prozent nennen ihre Wohnsituation. 65,3 Prozent sagen, sie könnten von ihrer Vergütung weniger gut oder gar nicht selbstständig leben. Fast ein Drittel bekommt Geld von den Eltern, etwa jeder Achte hat neben der Ausbildung noch einen Nebenjob.
Zufriedenheit geht zurück
Der Ausbildungsreport ist eine jährliche Erhebung der DGB-Jugend. Die 13.227 Auszubildenden aus 25 besonders häufigen Ausbildungsberufen wurden innerhalb von zwölf Monaten bis Mai 2026 befragt. Der Schwerpunkt der Befragung liegt in diesem Jahr auf der mentalen Gesundheit.
Daneben fragt der Report regelmäßig nach der Zufriedenheit der jungen Leute mit ihrer Lehrstelle. Das Ergebnis 2026: Die Werte seien eingebrochen, meldet der Gewerkschaftsbund. "Gegenüber dem Vorjahr ist der Anteil der Auszubildenden, die mit ihrer Ausbildung "zufrieden" oder sogar "sehr zufrieden" sind, um 5,9 Prozentpunkte zurückgegangen und erreicht mit 65,7 Prozent den niedrigsten jemals im Rahmen des Ausbildungsreports ermittelten Wert", heißt es in der Studie.
Am zufriedensten äußern sich Azubis bei Versicherungen, Industriemechanikern, Verwaltungsfachangestellten, Mechatronikern und Elektronikern für Betriebstechnik. Die geringste Zufriedenheit äußern Azubis bei Friseuren, Malern, Tischlern, Automobilkaufleuten und Hotelfachleuten.
Zweifel an der Ausbildungsqualität
Die DGB-Jugend sieht dahinter Mängel in der Ausbildungsqualität. 35,4 Prozent der Auszubildenden müssten regelmäßig Überstunden machen, 3,1 Prozentpunkte mehr als im Jahr vorher.
Auch sei der Anteil der Auszubildenden gestiegen, die nach eigenen Angaben immer oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten leisten müssen. Mit 16,3 Prozent sei ein neuer Höchststand erreicht – ein Plus von 1,6 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. 8,9 Prozent hätten keinen für sie zuständigen Ausbilder, weitere 11,6 Prozent gäben an, ihr Ausbilder sei selten oder nie für sie da.
Etwa ein Fünftel der jungen Leute lernt einen Beruf, der eigentlich nicht geplant war. 8,4 Prozent nennen ihren Lehrberuf eine "Notlösung", bei den Frauen sind es sogar 9,2 Prozent. Junge Leute im Wunschberuf sind zu 78,6 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden – bei denen in einer "Notlösung" sind es hingegen nur 29 Prozent. Hier sei die Gefahr eines Abbruchs besonders groß, warnt die DGB-Jugend.
Lehrstellenmarkt angespannt
Hintergrund der Zahlen ist ein zunehmend angespannter Lehrstellenmarkt. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge lag 2025 laut Report bei rund 476.000 und damit 2,1 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor, während die Nachfrage junger Menschen um 0,7 Prozent stieg.
19,9 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber suchten erfolglos. Insgesamt hätten 2,76 Millionen junge Leute zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss, berichtet die DGB-Jugend weiter.
Verbände: Betriebe nicht mit Herausforderungen alleine lassen
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) begrüßte, dass die Studie in diesem Jahr die psychische Gesundheit von Auszubildenden in den Fokus rückt. "Denn psychische Belastungen bei jungen Menschen haben in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen – nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie und angesichts weltweiter Krisen", erklärte der DIHK-Bildungsexperte Nico Schönefeldt.
Diese Entwicklung mache auch vor der beruflichen Bildung nicht Halt. Die Ausbildungsbetriebe seien sich ihrer Verantwortung bewusst, dürften mit den Herausforderungen aber nicht alleine gelassen werden. "Psychische Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", betonte Schönefeldt.
Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sprach von Herausforderungen. "Zunehmend kommen Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit erheblichen Lücken bei Grundkompetenzen und Sprachkenntnissen in die Ausbildung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Berufsbilder", berichtete der ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.
Für viele junge Menschen entscheide sich zudem schon an der Frage, ob sie sich eine Wohnung am Ausbildungsort und den täglichen Weg zu Betrieb oder Berufsschule leisten könnten, ob sie eine Ausbildung antreten könnten. Deshalb brauche es bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen in der Ausbildung, etwa durch mehr Azubi-Wohnheime und gezielte Zuschüsse zu den Wohnkosten, forderte Schwannecke. dpa/avs