Lars Zimmermann hat seinen Tischlereibetrieb auf zwei Mann geschrumpft, B2B-Aufträge abgestoßen – und macht heute um 16 Uhr Feierabend. Unternehmensberaterin Susanne Hasemann unterscheidet dabei zwei Typen: die, die bewusst klein bleiben, und die, die vom eigenen Betrieb ausgebremst werden. Der Unterschied entscheidet darüber, ob Kleinbleiben Stärke oder Stillstand bedeutet.

"Am wohlsten fühle ich mich in der Werkstatt", sagt Lars Zimmermann. Der Bochumer ist Tischler aus Überzeugung. Ein Studium kam für ihn nie infrage, obwohl Zimmermann, wie er selbst beteuert, ein guter Schüler war und wohl auch das Abitur mit links gezimmert hätte. Nach der 12. Klasse brach er die Schule ab und begann stattdessen eine Lehre. Der Meisterbrief folgte. Im Jahr 2020 – kurz vor Ausbruch der Corona-Krise – dann der Schritt in die Selbstständigkeit.
Heute ist Zimmermann Einzelunternehmer, schreinert mit einem Gesellen zusammen individuelle Möbelstücke, zum Beispiel Treppenschränke, Garderoben und Regale, manchmal sogar Holzlampen. Geschätzt 80 bis 90 Prozent seiner Arbeiten macht das Tischler-Duo mit Massivholz – Qualitätsarbeit, die meist viel Planung und Absprache mit dem Kunden erfordert. "Das Gefühl der Übergabe, wenn du den Schrank fertiggestellt hast und dem Kunden übergibst, ist das Beste daran", sagt der 34-Jährige über seinen Beruf.
Zimmermann, der sich die Wortmarke "Grubenholz" offiziell beim Deutschen Patent- und Markenamt hat eintragen lassen, gehört im Lande zur Mehrheit. Laut der Handwerkszählung des Statistischen Bundesamts haben 56,5 Prozent der Handwerksbetriebe in Deutschland weniger als fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 21,5 Prozent haben fünf bis neun Leute, nur eine Minderheit von 2,6 Prozent beschäftigt mehr als 50 Personen. Viele Betriebe waren klein, sind klein und werden auch in Zukunft klein bleiben.
Dazu zählt voraussichtlich auch der Betrieb von Lars Zimmermann. Nennenswertes Wachstum ist in seinen Plänen nicht vorgesehen. Im Gegenteil, sein Team hat sich zuletzt von drei auf zwei Mann verkleinert, B2B-Arbeiten für ein anderes Unternehmen gab er ab. "Ich kann das Ganze hier ein bisschen kleiner schrumpfen und auch Zeit für die Familie haben und bekomme es aber in der regulären Arbeitszeit von 7 bis 16 Uhr vernünftig geregelt", so der junge Vater eines eineinhalbjährigen Sohnes. Vorher saß Zimmermann auch schon mal bis neun oder zehn Uhr abends im Büro.
"Nicht jeder Handwerksbetrieb muss wachsen"
Sogar finanziell könnte sich der Ansatz auszahlen. Denn Wachstum lohnt sich für viele Kleinbetriebe ohnehin kaum: Studien haben gezeigt, dass ein Großteil der kleinen Unternehmen schon mit mittleren fünfstelligen Umsatzzahlen im Jahr an Wachstumsgrenzen stößt, stagniert oder gar Umsatzeinbußen hinnehmen muss.
Zimmermanns Jahresumsatz liegt nach eigenen Angaben meist zwischen 250.000 und 300.000 Euro. Erst ab einem Umsatz von weit mehr als einer Million Euro können demnach Unternehmen ihren Umsatz wieder vermehrt steigern. Laut Statistik setzen 20 Prozent der deutschen Handwerksunternehmen zwischen 50.000 und 125.000 Euro im Jahr um, für insgesamt über die Hälfte ist bei maximal 500.000 Euro im Jahr Schluss. Der Verzicht auf Wachstum – das muss kein Ausdruck des Scheiterns sein, sondern kann eine veritable und erfolgreiche Unternehmensstrategie sein.
Eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Montpellier und Ottawa – erschienen im "International Small Business Journal" – zeigte, dass eine sogenannte "No-Growth"-Strategie zu höheren Margen, Effizienzsteigerungen und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben führen kann. Das gelingt erstens, indem der Betrieb aus eigener Kraft neue Produkte entwickelt, Prozesse optimiert, neue Fähigkeiten gewinnt und dadurch insgesamt zwar nicht größer, aber besser wird, und zweitens, indem er fruchtbar mit anderen Dienstleistern kooperiert, um Aufträge aufzuteilen, Arbeiten auszulagern und nicht alles alleine machen zu müssen.
"Nicht jeder Handwerksbetrieb muss wachsen. Aber jeder Unternehmer sollte bewusst entscheiden, warum er wachsen oder klein bleiben möchte", sagt Susanne Hasemann vom Beratungsunternehmen Litano in Hanstedt bei Hamburg. Zu ihren Kunden zählen zahlreiche Handwerker. "Ich beobachte in unserer Beratung zwei völlig unterschiedliche Unternehmer. Die einen verzichten bewusst auf Wachstum, weil sie genau wissen, was sie wollen. Die anderen verzichten auf Wachstum, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben. Das ist ein großer Unterschied. Wer klein bleibt, weil ihm Strukturen, Führung oder geeignete Mitarbeiter fehlen, verzichtet nicht freiwillig auf Wachstum – sondern wird von seinem Betrieb ausgebremst. Wer bewusst klein bleibt, kann damit sehr erfolgreich und zufrieden sein."
Vor allem die Sorge vor Kontrollverlust ist es, die viele davon abhält, voll auf Wachstum zu setzen. "Ich bin derjenige, der es in der Werkstatt baut und derjenige, der es mit ausliefert. Wenn irgendwo Fehler passieren, weiß ich, wo sie passiert sind", erläutert Lars Zimmermann. Zugleich verfängt der Motivationsfaktor Geld – ein wachsendes Unternehmen verheißt schließlich wachsende Einnahmen – ab einer bestimmten Schwelle nicht mehr. "Am Ende des Tages macht die Befriedigung der Arbeit mich glücklicher als das Geld auf dem Konto", so Zimmermann.
Zufriedenheit heute, Expansion morgen
"Manche Unternehmer möchten hochwertige Arbeit leisten, ihre Familie nicht vernachlässigen und am Wochenende abschalten können", sagt Hasemann. Lars Zimmermann, der Tischler aus Leidenschaft, möchte vor allem kreativ mit Holz arbeiten. So etwas wie die Rundbogentür aus Massivholz schreinern, die neulich fertig wurde. Oder das Bücherregal in Form einer sitzenden Katze, das sich eine Kundin und Katzenliebhaberin sehnlichst wünschte. Zimmermann überlegte hin und her, diskutierte, baute Schablonen, leimte und segmentierte Einzelteile, bis das Unikat fertig war. "Je mehr Leute du einstellst, desto schwieriger wird es natürlich, diese Qualität zu halten, weil du nicht mehr die ausführende Kraft bist", sagt er.
Doch strebt der Mensch nach mehr, auch Zimmermann sind Expansionsgelüste nicht gänzlich fremd. Dafür müsste er seine Produktionskapazitäten ausweiten, letztlich auch mehr Zeit und Energie für die Verwaltung aufbringen. "Die Traumwunschvorstellung ist eine eigene, moderne Halle", meint Zimmermann, mit eigenem Maschinenpark und CNC-Maschine. Die Suche nach passenden Räumlichkeiten könnte das größte Problem werden, glaubt Zimmermann, der in einem Industriegebiet im Bochumer Norden direkt an der A43 ansässig ist. "Dass ich mal einen Betrieb mit 50 Leuten leite oder leiten möchte, das sehe ich gerade überhaupt nicht", sagt er zwar, doch fünf bis zehn Leute, die könne er sich durchaus vorstellen. Doch das ist Zukunftsmusik, heute wartet erst mal der kleine Sohn zu Hause. "Ich bin schon sehr zufrieden", so Zimmermann über den Status quo.