Das neue Berufe- und Kompetenzradar des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt, wie sich Berufe verändern. Entwickler Timo Schnepf zu den Hintergründen im Interview.

Herr Schnepf, viele Berufe verändern sich, und Sie können das neuerdings per Mausklick ablesen. Wie?
Wir haben das Berufe- und Kompetenzradar entwickelt, ein Informations- und Datenportal, in dem wir die große Dateninfrastruktur, über die wir im Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) verfügen, nach außen hin sichtbar machen. Bisher musste man in Einzelpublikationen nach Informationen suchen, denn die Daten lagen sehr verteilt. Mit dem Radar kann jetzt jeder, Ausbilder, Berufsschullehrer oder auch Verband, auf Berufeebene genau hinsehen.
Was finden sie dort für Informationen?
Wenn wir uns zum Beispiel Bau- und Ausbauberufe ansehen, so erkennen wir, dass immer weniger Beschäftigte im Baugewerbe eine duale Berufsausbildung haben, dass die durchschnittliche Arbeitszeit gesunken ist – allerdings weniger als in der Gesamtwirtschaft. Die Teilzeitquote steigt und es gibt immer weniger Selbstständige im Baugewerbe. Wir sehen Entwicklungen der Beschäftigten- und Auszubildendenzahlen, bilden aber auch Indikatoren ab für Arbeitsintensität, körperliche Belastung und Handlungsspielraum.
Einige dieser Punkte betreffen die Gesamtwirtschaft. Werden auch Veränderungen in Einzelberufen sichtbar?
Ja. Auffällig ist zum Beispiel der Beruf Schornsteinfeger. Da sieht man tatsächlich, dass beratende Tätigkeiten zunehmen. Hintergrund ist die ökologische Transformation und das geänderte Gebäudeenergiegesetz von 2023, das Beratungen vor dem Einbau einer Verbrennerheizung verpflichtend gemacht hat. In 63,4 Prozent der Stellenanzeigen von Schornsteinfegern kommen heute „grüne Begriffe“ vor, 2013 war das nur bei zehn Prozent der Anzeigen der Fall.
Ist die ökologische Transformation also ein Beschleuniger im beruflichen Wandel?
Wir können zumindest anhand der Auswertungen der Stellenanzeigen sehen, wie stark ökologische Themen in Handwerksberufen angekommen sind. In 16 Prozent aller Stellenanzeigen in Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik werden solche Begriffe genannt. Gleichzeitig sieht man die Auswirkungen politischer Entscheidungen. Als die Förderung von Solaranlagen eingestellt wurde, hat sich das direkt in den Suchbegriffen in Stellenanzeigen gespiegelt.
Sehen Sie auch, ob neue Berufe entwickelt und ausgeschrieben werden?
Ein neuer Beruf ist tatsächlich entstanden: Der Elektroniker für Gebäudesystemintegration im Elektrohandwerk. Doch die Erwartung, dass ganz viele neue Berufe entstehen würden, hat sich nicht bestätigt. Stattdessen haben die bereits bestehenden Berufe neue Kompetenzen und Tätigkeiten aufgenommen. Selbst wenn Inhalte wie "Wärmepumpe" wegen der technologie-offenen Formulierungen der Ausbildungsordnung dort nicht konkret genannt sind, vermitteln die Betriebe dieses Wissen. 60 Prozent der Ausbildung im dualen System finden ja vor Ort statt, und dort reagiert man schnell auf Veränderungen. Eine Ausbildungsordnung und den Rahmenlehrplan zu modernisieren, dauert länger.
Das Radar blickt auch in die Zukunft. Wozu dienen die Prognosen?
Für die nächsten fünf Jahre können die Projektionen die Zukunft gut vorhersagen. Wir rechnen dafür beispielsweise die demografische und die Bildungsentwicklung fort und sehen so, wie sich das Fachkräfteangebot entwickeln wird. Das eröffnet die Möglichkeit, früh auf Veränderungen zu reagieren.

