In Dänemark lernen Drittklässler bereits 60 Stunden "Handwerk und Design" – und Auszubildende studieren Materialkunde direkt an Gebäuden aus recycelten Ziegelsteinen und Naturstein. Der neue Baukulturbericht nimmt dieses Vorbild ernst: Er erklärt das Handwerk zur gestalterischen Grundlage guter Architektur und benennt klaren Reformbedarf – von der Schule bis zur beruflichen Qualifikation.

Knapp 90 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt: Gute Architektur steigert das Wohlbefinden. Das ergab eine repräsentative Umfrage für den Baukulturbericht 2026/27, der das Thema Gestaltung in den Mittelpunkt stellt. Dem Handwerk kommt dabei eine wichtige Rolle zu.
Denn ästhetische Baukultur entsteht nicht am Reißbrett. Dafür braucht es handwerkliches Know-how – fundiertes Wissen über Materialqualitäten ebenso wie das Können, diese Materialien fachgerecht zu verarbeiten.
Alle zwei Jahre veröffentlicht die Bundesstiftung Baukultur ihren Bericht, der von Umfragen begleitet wird. Daher wissen die Autoren: 91 Prozent der Handwerker wünschen sich eine überbetriebliche Ausbildung zu Erhalt und Umbau sowie zu guter Gestaltung.
Bauhandwerkliche Ausbildung stärken
In einem Manifest dringt die Stiftung darauf, die bauhandwerkliche Ausbildung nachhaltig zu stärken und mahnt gleichwertige Rahmenbedingungen, Förderungen und eine höhere gesellschaftliche Anerkennung gegenüber anderen Bildungswegen an.
Der aktuelle Baukulturbericht beschreibt das Handwerk als Schlüssel zu einer gebauten Umwelt, die dauerhaft funktioniert und zugleich Atmosphäre, Identität und Wertschätzung vermittelt. Materialien wirken nicht nur über Farbe und Textur. Erst sorgfältige Verarbeitung bringen Holz, Lehm, Ziegel oder Naturstein wirklich zur Geltung. Im Detail entscheide sich, ob Architektur als stimmiges Ganzes erfahrbar wird.

Der Bericht warnt zugleich vor dem Verlust lokaler Handwerkstechniken. Zimmermannsverbindungen, Lehmbauweisen oder ornamentales Mauerwerk erzählen von regionaler Verwurzelung, handwerklichem Geschick und ästhetischer Finesse. Standardisierung, Globalisierung und Fachkräftemangel würden jedoch ihre Weitergabe erschweren. Dabei sieht der Bericht zur Baukultur im Handwerk ein großes Potenzial, um ressourcenschonendes, kreislauffähiges und vor allem identitätsstiftendes Bauen zu stärken.
Die Grundlage dafür soll früh gelegt werden. Baukultur und Handwerk, so eine zentrale Forderung, gehören verbindlich in schulische Curricula. Werkunterricht, Projektwerkstätten und praktische Erfahrungen sollen Kinder und Jugendliche in die Lage versetzen, ihre gebaute Umwelt besser zu verstehen und selbst zu gestalten.
Lebendige Lehrbücher für Baukultur in Dänemark
Als Vorbild verweist der Bericht etwa auf Dänemark. Dort sieht der Lehrplan schon für die dritte Klasse 60 Stunden für das Fach „Handwerk und Design“ vor. Für Lehrlinge gibt es Craft Colleges (dänisch: Håndværkskollegier), eine Art Wohn- und Lerngemeinschaften für Auszubildende im Handwerk. Ein besonderes Merkmal ist der architektonische Anspruch: Die Gebäude sollen selbst zeigen, was gutes Handwerk ist. Sichtbare Konstruktionen, langlebige Materialien, präzise Details und traditionelle wie moderne Bauweisen werden bewusst eingesetzt. So wird Architektur zum Anschauungsobjekt – oft als "lebendiges Lehrbuch" bezeichnet.
Herausragendes Beispiel dafür ist das Craft College in Herning. Für den Bau wurden zertifiziertes Holz, Schiefer, Granit und mehr als 700.000 recycelte Ziegelsteine genutzt. So können die Lehrlinge direkt am Objekt Materialalterung, Patina und Konstruktionstechniken studieren.
In Deutschland sieht der Bericht die Weiterbildung zum "Gestalter im Handwerk" als wegweisendes Modell, das Berufspraxis mit gestalterischer Qualifikation verbindet und damit auch die Baukultur positiv beeinflusst. Inhalte wie Gestaltung, Zeichnen, Modellbau und Materialkunde sollten aber nicht Zusatzwissen bleiben, sondern Teil eines gleichwertigen Bildungswegs sein. Der Bericht fordert daher, Lehrjahre nach dänischem Vorbild attraktiver zu machen und die Gestaltungskompetenz im Handwerk auszubauen.
Gut gestaltete Gebäude und Plätze stiften bei Bewohnern Vertrauen und Zuversicht. Sie bieten Orientierung, vermitteln Sicherheit und schaffen Raum für Begegnung und Teilhabe. Die Bau- und Ausbaugewerke leisten dazu einen wichtigen Beitrag.