Zweite Chance für Baumaterialien Neubau mit Secondhand-Materialien: In Kassel hat's geklappt

Wiederverwenden statt wegwerfen: Fehlproduzierte Fenster, Heizkörper und andere ausrangierte oder überschüssige Bauteile landen häufig auf dem Müll. Doch angesichts des Klimawandels soll der Bausektor nachhaltiger werden. Das Beispiel "Suffizienzhaus U10" in Kassel zeigt, wie "Bauen aus zweiter Hand" funktionieren kann.

Thomas Opfer (links) und Frank Wiegand
Know-how des Handwerks gefragt: Am Suffizienzhaus U10 in Kassel waren viele regionale Betriebe beteiligt, unter anderem Schreinermeister Thomas Opfer (links) und Frank Wiegand vom gleichnamigen Haustechnik-Betrieb. - © Katja Rudolph

Der Klimawandel bringt große Veränderungen mit sich – auch für das Bauen. Der Bausektor ist ressourcenintensiv und trägt mehr als die Hälfte zum Abfallaufkommen in Deutschland bei. Neben Recycling kann die Verwendung gebrauchter Baumaterialien den ökologischen Fußabdruck verbessern.

In Kassel gibt es seit knapp eineinhalb Jahren eine Bauteilbörse, die gebrauchtes Material der Weiterverwendung zuführen will. Zudem zeigt ein Neubau im Kasseler Martini-Quartier beispielhaft, wie das Bauen mit gebrauchten Bauteilen funktionieren kann.

Logistik als Herausforderung

Das "Suffizienzhaus U10" an der Uhlandstraße 10 wurde aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz errichtet. Darüber hinaus kamen viele gebrauchte, aber auch überschüssige oder fehlproduzierte Bauteile zum Einsatz – darunter Innentüren, Heizkörper, Balkongeländer, Fenster, Fassadenplatten und Klinker.

Architekt Matthias Foitzek vom Kasseler Büro Foundation 5+ hat das Projekt für eine Baugemeinschaft umgesetzt. Das vor knapp zwei Jahren fertiggestellte Gebäude habe eine rund 60 Prozent geringere CO2-Bilanz als ein konventioneller Bau, berichtet er, wobei 50 Prozent auf die Holzbauweise und weitere 10 bis 15 Prozent auf den Einsatz gebrauchter Materialien entfallen.

Geringe zusätzliche Kosten

Auch die Baukosten waren mit rund 2.700 Euro brutto pro Quadratmeter vergleichsweise gering. Einen zeitlichen und logistischen Mehraufwand erfordere hingegen die Beschaffung der gebrauchten Bauteile, sagt Foitzek. Zudem habe man die Planung im Prozess teils an vorhandenes Material anpassen, aber auch viele Teile nachbearbeiten oder zuschneiden müssen. Die zusätzlichen Kosten dafür beziffert er mit rund 25.000 Euro – etwas mehr als ein Prozent der Gesamtkosten.

Das Know-how der Handwerksbetriebe sei beim Einsatz gebrauchter Bauteile noch stärker gefragt als bei einem klassischen Neubau, sagt der Architekt. Thomas Opfer, dessen Familienbetrieb in Hofgeismar auf Fensterbau spezialisiert ist, war sofort offen für das Vorhaben. Der Schreinermeister saniert häufig Fenster und Türen in Altbauten. "Im Bereich Denkmalschutz wird alten Bauteilen eine hohe Bedeutung zugemessen", sagt er. Auch darüber hinaus brauche es "mehr Wertschätzung für Dinge, die schon da sind". Dafür seien bereits Rohstoffe, Energie und Produktionskosten aufgewendet worden. Sein Betrieb hat in dem Neubau hochwertige Fenster aus einer Fehlproduktion eingebaut und diese mit neu hergestellten Oberlichtern ergänzt.

Matthias Foitzek
Matthias Foitzek, Architekt. - © foundation 5+

Für das Bauen mit gebrauchten Bauteilen gebe es bislang kaum Regeln, auch was die Gewährleistung betrifft, stellt Opfer fest. Das sei auch an der Uhlandstraße Thema gewesen, wo die Betriebe nicht für die Bauteile, sondern nur die Montage haften mussten. "So ein Vorhaben basiert auf Vertrauen und auf dem Mut, mal etwas anzufassen, das der Nachhaltigkeit dient und nicht noch mehr Emissionen verursacht", sagt der Schreinermeister.

Das Lager voller Schätze

Das Ergebnis zeige, dass es sich lohne: "Das Haus sieht ja nicht nach Secondhand oder Schrebergarten-Datscha aus." Er hofft, dass der Neubau in Kassel Vorbild für weitere Bauvorhaben werde.

Frank Wiegand aus Trendelburg hat mit seinem Team die SHK-Arbeiten an der Uhlandstraße erledigt. Zunächst sei er skeptisch gewesen: "Ich dachte, wenn man nichts an den Bauteilen verdient, macht das die Umsätze kaputt."

Aber auch beim Blick auf sein eigenes Lager, in dem viel Übriggebliebenes liege, das zu schade zum Wegwerfen sei, habe ihn das Projekt überzeugt. Der Einbau des gebrauchten Materials sei unproblematisch gewesen, sagt der SHK-Meister: "Solange ein Heizkörper funktionsfähig ist, spricht nichts dagegen: Es ist ja nur Wasser drin."

Lösungen statt Probleme

Neben dem ökologischen Hintergrund sei für ihn auch die Bezahlbarkeit ein entscheidendes Argument für gebrauchte Bauteile, sagt Wiegand. Nach Hürden und Risiken gefragt, entgegnet er: "Warum suchen wir immer das Problem? Im Handwerk suchen wir Lösungen!" Dennoch hat Wiegand Zweifel, ob sich das Bauen mit gebrauchten Bauteilen ohne Weiteres durchsetzen wird. "Es ist eine Grundeinstellung, die alle Beteiligten dafür brauchen: Kunde, Planer und Handwerker."

Bad im „Suffizienzhaus U10“
Ein Bad im "Suffizienzhaus U10“. - © foundation 5+

Praxistaugliche Lösungen gefordert

Das Bauunternehmen Kayser aus Grebenstein realisierte das massive Erdgeschoss im Rohbau. Für die Fassade wurden gebrauchte Klinker eingesetzt, die teilweise von der ehemaligen Martini-Brauerei stammten. Handwerklich sei die Wiederverwendung anspruchsvoll, aber gut lösbar gewesen, sagt Inhaber Kord Kayser. Der besondere Aufwand liege in Prüfung, Sortierung, Transport und Lagerung. Mögliche Schadstoffe, verdeckte Mängel und unterschiedliche Materialeigenschaften müssten fachgerecht bewertet werden.

"Die Bereitschaft, wiederverwendbare Baustoffe einzusetzen, ist in der Bauwirtschaft hoch", sagt Kayser. Doch aufgrund der Vorgaben der Mantelverordnung für Ersatzbaustoffe müssten technisch geeignete Materialien häufig deponiert werden, was dem eigentlichen Ziel der Regelung zuwiderlaufe. Hier brauche es rechtssichere und praxistaugliche Lösungen, um Kreislaufwirtschaft wirksam zu fördern.