SHK-Chef mit Mission Ein defektes WC in einer Villa – und eine Idee, die nicht losließ

Tim Baral war im ersten Lehrjahr, als er hinter einem defekten WC ein Gerät entdeckte, das aussah "wie ein Raumschiff". Er sperrte sich ein und probierte es aus. Heute ist er Geschäftsführer eines Sanitärbetriebs – und will, dass in sechs Jahren in jedem deutschen Haushalt ein Dusch-WC hängt.

Tim Baral hat seine Mission jetzt zu Papier gebracht – und sitzt dabei auf dem richtigen Thron. - © Carina Baral

Tim Baral ist Sanitärhandwerker aus Denzlingen bei Freiburg – und er hat eine Mission. Er will Japans Toiletten-Kultur nach Deutschland bringen. Dafür hat er ein Buch geschrieben, neben seinem Vollzeitjob als Geschäftsführer.

Ein Erweckungserlebnis im ersten Lehrjahr

Tim Baral, Jahrgang 1980, wollte als Kind Landwirt werden. Aufgewachsen in einer Familie ohne Unternehmertradition, half er als kleiner Bub seiner Großmutter, auf dem Freiburger Münsterplatz Gemüse zu verkaufen. Mit 16, nach der Realschule, entschied er sich gegen den Trend seiner Klasse für eine Lehre als Anlagenmechaniker SHK. Von 33 Mitschülern gingen nur drei ins Handwerk. Baral störte das wenig: Er habe "nie für Geld gearbeitet", sagt er rückblickend, sondern immer für die Freude am Erschaffen – ob Dachrinne am Kuhstall oder Badinstallation.

Den Grundstein für seine spätere Mission legte ein Kundendiensteinsatz im ersten Lehrjahr, 1996. Hinter einem defekten WC in einer Freiburger Villa steckte ein Gerät, das aussah "wie ein Raumschiff": ein sogenannter Closomat – ein Dusch-WC, das in den siebziger Jahren in der Schweiz ursprünglich für Menschen mit Handicap entwickelt worden war. Baral sperrte sich kurzerhand ein und probierte das Gerät aus: "Das war wie ein Erweckungserlebnis."

Von der Messe nach Japan

Es dauerte noch über ein Jahrzehnt, bis daraus ein zweites berufliches Standbein wurde. Bis 2009 arbeitete Baral vor allem mit Geberit-Produkten. Dann lernte er auf der Sanitärmesse ISH die Marke Toto und ihre japanischen Dusch-WCs kennen. Es folgten Reisen nach Japan, Besuche im Werk, im Technology Center in Tokio und an den Keramik-Brennöfen. Was ihn neben der Technik am meisten beeindruckte, war die Selbstverständlichkeit: "Was in Deutschland vielen peinlich ist, ist in Japan längst Normalität", sagt Baral.

Zahlen vom Proktologen-Kongress

Baral stützt seine Mission auf Zahlen. 2004 begleitete er einen Fachhandelspartner zu einem Proktologen-Kongress in München, an dem 170 Ärzte aus aller Welt teilnahmen. Seine daraus mitgenommene Faustregel: Jeder Zweite fühle sich nach der Reinigung mit Toilettenpapier unwohl, jeder Dritte greife trotz Cremes und Feuchttüchern dauerhaft zu Hilfsmitteln, jeder Vierte habe wegen entsprechender Beschwerden bereits einen medizinischen Eingriff hinter sich.

Dazu kommen Marktzahlen, die er selbst recherchiert hat: rund 200 Millionen Euro Jahresumsatz mit Hämorrhoid-Cremes in Deutschland, 700 Millionen Euro mit feuchtem Toilettenpapier, 1,2 Milliarden Euro mit klassischem Toilettenpapier. Außerdem hat er mit Mitarbeitern von Abwasserzweckverbänden gesprochen – über verstopfte Kanäle durch Papier und Feuchttücher, ein Problem, das es in Japan nicht gibt.

1.000 Stunden für ein Buch

Die Idee zum Buch kam nicht von Baral selbst, sondern von seinem inzwischen verstorbenen Mentor Prof. Jörg Knoblauch. "Ich bin nicht der Typ, der ein Buch schreibt", sagt Baral über sein anfängliches Zögern. Am Ende investierte er rund 1.000 Stunden – neben seinem Vollzeitjob als Geschäftsführer eines Sanitärbetriebs mit zwölf Mitarbeitern.

Kein Instagram, kein Facebook

Sein Ziel ist kein kurzfristiger Hype. Statt auf Instagram und Facebook setzt Baral auf persönliche Gespräche, sein Netzwerk aus rund 40 befreundeten Sanitärbetrieben im ganzen Land und das Buch – das nach seiner Vorstellung "irgendwann auf dem Küchentisch liegt" und Familien ins Gespräch bringt.

Am Ende gehe es Baral nicht darum, möglichst viele Dusch-WCs einer bestimmten Marke zu verkaufen. 350 im Freiburger Raum sind es allerdings schon geworden. Sein Ziel sei größer: dass Menschen sich überhaupt trauen, den Popo mit Wasser zu waschen. "Wenn ich das geschafft habe, wird sich das verselbstständigen" – und davon, sagt er, könne am Ende jeder Betrieb der Branche profitieren.