Wer Auszubildende beurteilt, tappt schnell in typische Bewertungsfallen. Ausbildungsberater Peter Braune zeigt, wie die offene Beobachtung funktioniert, welche Fehlerquellen Ausbilder kennen müssen – und wie ein strukturierter Beobachtungsbogen helfen kann.

Wer Azubis gerecht beurteilen will, braucht mehr als einen guten Eindruck. Die offene Beobachtung ist eine bewährte Methode – wenn Ausbilder dabei typische Fehler vermeiden.
Was Ausbilder bei der Beurteilung im Blick haben sollten
Grundlage jeder fairen Beurteilung sind gezielte Beobachtungen. Dabei geht es laut Quelle um folgende Fragen:
- Mit welchem Interesse nimmt der Azubi an Unterweisungen und Schulungen teil?
- Wie gut versteht er Kenntnisse und Fertigkeiten aus den Lernzielen?
- Arbeitet er sorgfältig und selbstständig?
- Zeigt er Eigeninitiative und Einsatzwillen?
- Wie verhält er sich unter schwierigen Umständen?
- Wie gut arbeitet er mit anderen zusammen?
- Berücksichtigt er Kritik und hält er die Betriebsordnung ein?
Verdeckt oder offen – das macht einen Unterschied
Beobachtungen können verdeckt oder offen stattfinden. Das hat Konsequenzen: Azubis verhalten sich anders, wenn sie nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass bestimmte Eindrücke die Gesamtbewertung verzerren – etwa wenn ein einzelnes Merkmal zu stark gewichtet wird, wenn Ausbilder unbewusst eigene Eigenschaften auf den Azubi übertragen oder wenn sie aus Scheu vor extremen Urteilen immer eine mittlere Bewertung vergeben.
So läuft die offene Beobachtung ab
Die am häufigsten angewendete Methode ist die offene Beobachtung. Die Azubis wissen, dass sie beobachtet werden, und können bei Bedarf Fragen stellen.
Ausbilder achten dabei nicht nur auf Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern auch auf das gesamte Verhalten während der Aufgabe – und darauf, welche Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Wichtig: Beobachtung und Bewertung trennen Ausbilder voneinander. Sie halten schriftlich fest, was sie sehen und hören. Die Auswertung erfolgt später.
Ein typisches Beispiel ist die Vermittlung eines Lernziels aus dem betrieblichen Ausbildungsplan, bei dem die Auszubildenden mit Hilfe eines Lernauftrags selbstständig arbeiten müssen.
Fehlerquellen, die Ausbilder kennen sollten
Auch bei der offenen Beobachtung können Fehler passieren. Tatsachen und persönliche Auslegung vermischen sich manchmal. Ein einzelner Umstand kann alles andere überstrahlen. Sympathie oder Antipathie gegenüber einem Azubi beeinflusst das Urteil. Ausbilder übertragen eigene Eigenschaften oder Erfahrungen auf den Azubi. Hinzu kommen äußere Einflüsse wie Streitigkeiten, Müdigkeit, Sorgen, Krankheit, Wohlwollen oder Abneigung – sie alle könnten die Beobachtung beeinflussen.
Beobachtungsbogen schützt vor Zufallseindrücken
Manche Ausbilder setzen einen Beobachtungsbogen ein. Der Vorteil: Der Ablauf ist gegliedert und sachlich. Ergebnisse, die nur auf Erinnerungen oder zufälligen Eindrücken beruhen, lassen sich so vermeiden. Außerdem liefert der Bogen eine vergleichbare Grundlage für eine gezielte Förderung der Auszubildenden.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithographie gelernt, war Ausbilder und legte in dieser Zeit die Ausbildereignungsprüfung ab. Anschließend wechselte er als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate für gewerblich-technische Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, einschließlich der Geschäftsführung des Schlichtungsausschusses. Zuletzt war er als Referent für Sonderprojekte tätig.