Kunsthandwerk Glasmachen: Ein Handwerk, das zehn Jahre braucht – und Publikum

Seit 2023 zählt das Glasmacherhandwerk zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe. In Schmidsfelden im Allgäu lodert der Schmelzofen noch – weil ein Heimatpflegeverein die letzte von einst 13 Glashütten in der Region rettete und ein Glasmacher aus Edinburgh den Ruf ins Allgäu annahm. "Kunsthandwerk am Leben zu erhalten, ist reiner Idealismus", sagt Inhaber Stefan Michaelis. Aber diesen lässt er sich nicht nehmen.

Glasmacher Stefan Michaelis
Stefan Michaelis setzt in Schmidsfelden die Glasmacher-Tradition fort, von der die Region der Adelegg im Westallgäu über drei Jahrhunderte hinweg geprägt wurde. - © Ulrich Steudel

Glasmacher kennen einen seltenen Brauch: Über Jahrhunderte hinweg opferten sie Freizeit zum Experimentieren. Die Besitzer der Glashütten drückten ein Auge zu, wenn ihre Arbeiter in den Pausen oder nach Feierabend Rohstoff und Werkzeuge nutzten, um eigene Ideen um­zusetzen. Heraus kamen oft besonders ästhetische Krea­tionen, unter Sammlern begehrt als "geschundenes Glas". Stefan Michaelis fühlt sich dieser Tradition verbunden, wenn er mit seinen Mitarbeitern in der Glashütte Schmidsfelden Trink­gläser, Karaffen, Lampen oder Dekorationsartikel herstellt.

Glasmacher gehören zum immateriellen Kulturerbe

Farbenfroh leuchten bunte Gartenkugeln in der Sonne. Im Glasmacherdorf zwischen Leutkirch und Isny im württembergischen Allgäu weisen sie Besuchern den Weg ins Museum, wo die Gäste nicht nur in die Geschichte einer jahrtausendealten Handwerkskunst eintauchen können. Denn im Schmelzofen der Glashütte lodert wieder das Feuer, pflegen vier Glasmacher – je zwei Frauen und Männer – ihr selten gewordenes Gewerk, das 2023 von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe erhoben wurde.

Dass sie sich bei ihrer schweißtreibenden Arbeit zuschauen lassen, gehört heute zum Geschäft. "Ohne Touristen könnten wir nicht überleben. Und ohne die Heimatpflege Leutkirch würde es uns gar nicht geben", betont Stefan Michaelis.

Der Verein kümmert sich mit viel ehrenamtlichem Engagement um die Bewahrung des historischen Kulturerbes in der Region. Seine Mitglieder sorgten dafür, dass die letzte von einst 13 Glashütten in der Adelegg, einem wald- und quarzsandreichen Gebirgszug an der bayrisch-württembergischen Grenze, erhalten blieb. Mehr noch: Nach Instandsetzung der historischen Glashütte, die 1898 ihren Betrieb eingestellt hatte, sollte das Glasmacherhandwerk an alter Stätte nicht nur dargestellt, sondern betrieben werden.

Der Ruf nach einem erfahrenen Glasmacher drang bis ins schottische Edinburgh, wo der gelernte Glasapparatebauer Stefan Michaelis nach einem Design-Studium in London seine Werkstatt betrieb. Die Aussicht, im Allgäu eine vor 100 Jahren ­erloschene Glasmachertradition ­wieder anzufachen, lockte den Rheinhessen 2003 nach Schmidsfelden. Seither macht das Glasmacherdorf seinem Namen wieder alle Ehre.

Glasmachen ist Teamarbeit

An diesem Morgen bereiten Katharina Hagl und Stanislav Kana in der Glashütte die Produktion der beliebten Allgäu-Gläser vor. Eine Eigenkreation, die an eine blühende Löwenzahnwiese erinnert. Im Schmelzofen glühen bei 1.200 Grad rund 80 Kilogramm zähflüssiges Kalknatronglas. Gemeinsam mit ihrem Chef werden Hagl und Kana die nächsten Stunden ihrer Passion nachgehen. Glasmachen ist Teamarbeit. Von dem Augenblick an, an dem Stanislav Kana mit der Glas­macherpfeife die Masse aus dem Ofen holt, muss jeder Handgriff sitzen.

Glasmacher bei der Arbeit
Glasmachen ist Teamarbeit. Einer muss sich auf den anderen verlassen können, jeder Handgriff muss sitzen. - © Ulrich Steudel

Drehen, drehen, drehen. "Das ist am wichtigsten, denn das heiße Glas verhält sich wie Honig", wird Katharina Hagl wenig später dem staunenden Publikum erklären. Kana bläst einen Hohlraum in den Rohling, der mit dem gewässerten Wulger­holz in Form gebracht wird. Bis das fertige Glas in den Kühlofen kommt, in dem es über Nacht bei knapp 500 Grad allmählich abkühlt, muss stets auf die richtige Temperatur geachtet werden. Ein kleiner Fehler und die ganze Arbeit war umsonst. "Ein guter Glasmacher braucht zehn Jahre Erfahrung", stellt Stefan Micha­elis klar. Übung macht den Meister, Durchhaltevermögen und eine Leidenschaft, die bei den Vorführungen in Schmidsfelden spürbar wird.

Mit Idealismus am Werk

Als Gegenpol zur industriellen Massenfertigung zieht die Kunst, Glas in traditioneller Handarbeit herzustellen, viele Menschen in ihren Bann. Rund 200 Busse rollten jährlich in der Saison zwischen April und Oktober nach Schmidsfelden, brachten bis zu 14.000 Besucher pro Jahr ins Glasmacherdorf. Dann kamen Corona und Energiekrise. Eine Zäsur für die Glashütte. Rückläufige Besucherzahlen bei rasant steigenden Kosten. Denn trotz eigener Photovoltaikanlage benötigt der energieintensive Betrieb pro Monat 4.000 Kilowattstunden Strom aus dem Netz, dazu Gas und Sauerstoff für die Brenner.

Inzwischen strömen wieder rund 12.000 Besucher jährlich in die Glashütte. Zudem werden rund zehn Prozent der Produkte über den Online-Shop verkauft und Artikel für neue Zielgruppen entworfen. Trotzdem steht für Stefan Michaelis fest: "Kunsthandwerk am Leben zu erhalten, ist reiner Idealismus." Aber diesen lässt er sich nicht nehmen.