9,4 Milliarden Euro kosten wechseljahresbedingte Ausfälle die deutsche Wirtschaft jedes Jahr. Fast ein Drittel der betroffenen Frauen war deshalb schon krankgeschrieben oder nahm unbezahlten Urlaub. Welche kleinen Stellschrauben Betriebe drehen können, um die Leistungsfähigkeit von Frauen in den Wechseljahren zu fördern.

Rund elf Millionen Frauen in Deutschland sind zwischen 40 und 59 Jahren alt, etwa 80 Prozent von ihnen sind berufstätig – eine nennenswerte Größe. Jede dieser Frauen ist bereits oder kommt demnächst in das Klimakterium. "Das muss sich jeder Handwerksbetrieb bewusst machen: Im Zweifelsfall ist die gute Seele des Betriebs gerade in den Wechseljahren. Wenn man sie nicht unterstützt, ist sie vielleicht plötzlich weg", warnt Andrea Rumler davor, das Thema als Privatproblem abzutun. Denn für gut zwei Drittel der Frauen ist diese Phase mit besonderen gesundheitlichen Belastungen verbunden.
Potenzial von Frauen in Wechseljahren nicht verlieren
Die Warnung ist nicht übertrieben. Die Professorin für allgemeine BWL und Marketing an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) befragte für eine Studie zum Erleben von Wechseljahren am Arbeitsplatz Betroffene. Fast ein Drittel der befragten Frauen gaben an, schon einmal aufgrund von Wechseljahressymptomen krankgeschrieben gewesen zu sein oder unbezahlten Urlaub genommen zu haben. Jede vierte Befragte überlegte, eine Führungsposition niederzulegen oder eine neue abzulehnen, jede dritte erwog, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Zwei von fünf Frauen überlegten sogar, sich beruflich neu zu orientieren.
Unterschätzte wirtschaftliche Auswirkungen der Wechseljahre
Durch wechseljahresbedingte Ausfälle erleidet die deutsche Wirtschaft jährlich Kosten von rund 9.4 Milliarden Euro, zeigen Berechnungen der HWR. Trotzdem gelten Auswirkungen hormoneller Veränderungen im Arbeitsleben in der Hälfte aller Unternehmen als Privatsache. Dabei können Betriebe über die Gestaltung des Arbeitsumfelds Einfluss darauf nehmen, ob Frauen trotz Hormonschwankungen leistungsfähig bleiben. Bereits kleine Stellschrauben zeigen laut Rumler Wirkung.
Symptome der Wechseljahre
Wechseljahressymptome gehen weit über die klischeehaften Hitzewallungen hinaus. Die Befragten litten vor allem unter:
- körperlicher und geistiger Erschöpfung (95 Prozent)
- Schlafstörungen (94 Prozent)
- Reizbarkeit (92 Prozent)
- depressiven Verstimmungen (88 Prozent)
- Wallungen, Schwitzen (82 Prozent)
- sowie Muskel- und Gelenkschmerzen
Jede dritte Frau zwischen 40 und 62 Jahren fühlt sich durch solche Symptome im Job beeinträchtigt (Befragung des Instituts für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung im Auftrag der DAK-Versicherung). Dennoch bleiben Frauen leistungsfähig, verweist Rumler auf Forschungen der US-amerikanischen Neurologin Lisa Mosconi. Sie zu behandeln wie kleine Männer, sei weder in der Medizin noch im Arbeitsleben zulässig. Sie appelliert an die Fürsorgepflicht von Arbeitgebern, ein angemessenes Arbeitsumfeld zu schaffen. Auch im Handwerk sei das möglich, ist Rumler überzeugt.

Arbeitsumfeld entscheidet mit über Symptomstärke der Wechseljahre
In der kostenlosen, für die Barmer-Versicherung angefertigten Handlungsempfehlung „Menopause@work“ hat die Wissenschaftlerin gemeinsam mit der Autorin Miriam Stein Informationen für Unternehmen zusammengetragen. Folgende Maßnahmen könnten in Absprache mit Betroffenen die Auswirkungen lindern:
- flexible Arbeitszeitmodelle und Pausengestaltung
- wo Aufgaben es zulassen, Homeoffice-Tage bei Bedarf
- angepasste, atmungsaktive Arbeitskleidung und gute Klimatisierung
- unkomplizierter Zugang zu Sanitäranlagen
- Informationen bereitstellen, Team sensibilisieren
Scheu vor dem Tabu
Gerade der letzte Punkt fällt vielen schwer. Über die Hälfte der Befragten gab an, das Thema sei an ihrem Arbeitsplatz tabu. Während ein "ich hab Rücken" gesellschaftlich und im Arbeitsumfeld unproblematisch ist, bleiben hormonell bedingte Gesundheitsthemen bisher schambehaftet und werden totgeschwiegen. Laut DAK befürchtet jede sechste Frau Benachteiligungen aufgrund der Wechseljahre. "Die gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit wächst – aber entscheidend ist, was in den Betrieben passiert", betont Andrea Rumler. "Wenn wir die Fachkräfte von morgen sichern wollen, müssen wir heute über Wechseljahre sprechen."
>> Hier geht es zu dem Leitfaden "Menopause@work", der Arbeitgeber über die Auswirkungen der Wechseljahre auf das Arbeitsleben informiert und zahlreiche Tipps bereit hält, wie auch kleine Betriebe damit umgehen können.
Frauengesundheit ist Teamgesundheit
In der Medizin wie in der Arbeitswelt setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass Frauen andere gesundheitliche Themen haben als Männer. Wer sein Team gesund halten will, sollte bei der Gefährdungsbeurteilung immer auch darauf blicken, von wem die Arbeit ausgeführt wird und wie diese Person geschützt werden kann. Ziel ist es nicht, Frauen von bestimmten Arbeiten fernzuhalten, sondern die Bedingungen zu optimieren – für alle.
- Wo Männer bei der Arbeit vor allem durch Unfälle und Verletzungen ausfallen, berichten Frauen häufiger über Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie Erschöpfungszustände. Das zeigen Auswertungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Der Unterschied besteht nicht nur bei "weiße-Kragen-Berufen", sondern auch im gewerblich-technischen Bereich, beweisen internationale Studien.
- Neben dem anderen Körperbau macht auch der Hormonspiegel Frauen in vielen Punkten anfälliger. Selbst Rückenschmerzen – bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern – können durch hormonelle Veränderungen verstärkt werden.
- Die Arbeitsbedingungen spielen hier eine große Rolle, der Hormonspiegel reagiert auf besondere Belastungen. Schichtbetrieb, häufiges schweres Heben sowie sehr lange Arbeitstage können Menstruationsstörungen und eine frühere Menopause auslösen. Eine andere Arbeitsorganisation und technische Hilfsmittel können lindern.
- Viele Frauen fühlen sich selbst nicht gut über diese Zusammenhänge informiert. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der IKK Classic, die mit der Aufklärungsinitiative "Hormone verstehen" gegensteuert.
- Mit das größte Tabuthema ist demnach die Menopause, also der Zeitpunkt der letzten Menstruationsblutung, nach der ein Jahr lang keine weitere Blutung folgt. Das geschieht im Schnitt zwischen dem 51. und 52. Lebensjahr. Doch schon vor der Menopause beginnen die Wechseljahre (Klimakterium oder Perimenopause). Über 30 verschiedene Symptome sind bekannt, sie können bereits zehn Jahre vor der eigentlichen Menopause beginnen – also etwa ab Anfang 40.