Existenzgründung im Handwerk Ohne Eigenkapital zum eigenen Salon – Rezept einer Barberin

Mit 22 Meisterin, mit 24 Chefin – ohne Eigenkapital, gegen 20 Konkurrenten in der Nachbarschaft. Vanessa Hermann hat Corona, 40.000 Euro Schulden und eine Notoperation überstanden. Heute fahren Kunden bis zu drei Stunden in ihren Salon nach Wangen.

Vanessa Hermann zwirbelt den Bart ihres Kunden
Barbering ist für Vanessa Hermann nicht nur Beruf, sondern Berufung. Die 32-jährige Friseurmeisterin liebt das akkurate und präzise Arbeiten im Herrenfach. - © Denis Erhardt

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen: Müsste man die Geschichte von Vanessa Hermann auf fünf Wörter reduzieren, so wären es diese. "Mir ist nichts geschenkt worden", sagt die Allgäuerin nüchtern.

Sie sitzt auf der Ledercouch in ihrem Salon, ganz in schwarz gekleidet, das lange, glatte Haar trägt sie offen. Im Hintergrund läuft leise ein Radio. Die Ruhe täuscht. "Normal sind wir komplett voll, auch heute geht es bis abends." Um 7.30 Uhr schließt sie den kleinen Salon in Wangens historischer Altstadt auf, um 20 Uhr verlassen die letzten Kunden den Raum. Bis ihr Betrieb so gut ausgelastet war wie heute, musste die Friseurmeisterin aber einige Hürden überwinden.

Jung, kein Geld, aber viel Mut

2016 hatte sie den Meister gemacht, mit nur 22 Jahren. Zwei Jahre später wollte sie ihren Traum vom eigenen Salon verwirklichen. Jung, ohne Eigenkapital, ohne Stammkunden, dafür aber bereits 20 Friseurläden in der Umgebung – die Bank war skeptisch. Doch Hermann überzeugte mit ihrer Idee eines Premium-Barbershops und bekam den Kredit.

In der Wangener Altstadt richtete sie ihr Geschäft ein, gab dem Salon mit viel kreativer Eigenleistung ein männlich-markantes Aussehen. Auf die stilvolle Mischung aus rustikal und edel wird sie bis heute angesprochen. "Viele fragen mich, ob ich nicht als Innenarchitekten arbeiten will", freut sie sich.

Coronakrise stürzen Hermann in die Krise

Vanessa Hermann in ihrem Salon
Schwere Sessel aus Leder und Metall, das alte Sichtmauerwerk kontrastiert mit stylischen Lampen und edlem Boden - Vanessa Hermann weiß auch in punkto Salonoptik genau, was sie will. - © Barbara Oberst

Die ersten Kunden tröpfelten 2018 eher aus Zufall herein. "Ich hatte einfach gehofft, dass ich durch das, was ich kann, durch meine Leidenschaft und meine Liebe zum Beruf, überzeugen kann", erklärt Hermann. Die Qualität ihrer Arbeit sprach sich herum, sie baute einen Kundenstamm auf – bis Corona kam und alle Salons schließen mussten. 40.000 Euro Schulden, eine monatliche Pacht von 1.500 Euro, außerdem 2.000 Euro monatlich für Kranken- und Rentenversicherung, die Existenzgründerin konnte ihren Laden nur halten, weil ihr Lebenspartner finanziell einsprang und sie sich von Nudeln mit Pesto ernährte. Die 9.000 Euro staatliche Soforthilfe fasste sie nicht an. "Ich wusste ja nicht, wie lange das Ganze gehen würde", blieb sie vorsichtig.

Die schwere Zeit hinterließ auch körperlich Spuren. "Von heute auf morgen konnte ich nicht mehr richtig laufen, ich hatte einen Schlappfuß", beschreibt sie eine gesundheitliche Krise. Der Spinalkanal in der Wirbelsäule war abgedrückt, ein Nerv eingeklemmt. Eine Spezialklinik versteifte in einer Notoperation ihre Lendenwirbelsäule. "Die Ärzte sagten mir, ich müsse umschulen, ich könne meinen Beruf nicht bis zur Rente machen. Aber das war mir alles egal, Hauptsache mein Geschäft lebt weiter", zeigte die junge Frau trotz Schmerzen Durchhaltewillen. "Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Aber deswegen etwas nicht zu machen, ich glaube, das ist nicht der richtige Weg."

Kunden fahren drei Stunden zum Premium-Barbershop

Ihr Beharrungsvermögen hat sich bewährt. Heute fahren die Kunden bis zu drei Stunden, um sich in der Wangener Barberie verwöhnen zu lassen. Hermanns Qualität überzeugt, vielleicht gerade weil die Barberbranche in den vergangenen Jahren wegen Hygienemängeln und fehlender Qualifikationen in Verruf geraten ist. "Als Friseur lernt man schon im ersten Lehrjahr, wie wichtig Hygiene ist", verweist sie auf wichtige Grundlagen, die jedem Azubi in der Ausbildung vermittelt werden.

Vanessa Hermann bei der Weltmeisterschaft der Friseure in London 2025
Als einzige Frau im Herrenfach trat Vanessa Hermann bei der Welt­meisterschaft der Friseure in London für Deutschland an. Mit ihrem Team brachte sie den „Oscar de la Coiffure 2025“ heim. - © privat

Hier stehenzubleiben, kam für sie nie infrage, laufend bildet sie sich fort. "Der Herrenbereich hat heute viel mehr Anspruch als früher, die Tools, die Techniken, die Schnitte. Ich kann hier meinen Perfektionismus ausleben." Nach dem Friseurmeister machte sie 2023 die Weiterbildung zur Friseurtrainerin, ihr Wissen gibt sie mittlerweile in Seminaren weiter. Das Interesse daran ist groß, nicht nur unter Friseurkollegen. Selbst Industriekonzerne wie L’Oréal engagieren die Ausnahmefriseurin.

Hate-Kommentare im Web

Für diesen Erfolg muss sie sich einiges gefallen lassen. "Auf Social Media kommt sehr, sehr viel Hate. Vor allem Männer fühlen sich getriggert, dass eine Frau ihnen sagt, wie sie ihren Bart pflegen können", beobachtet sie. Anfangs habe sie das persönlich genommen, inzwischen betrachtet sie es als Tribut, den sie für ihre Sichtbarkeit zahlen muss. Denn sichtbar ist sie. Jeden Tag postet sie etwas in den Sozialen Medien, Einblicke in den Salonalltag oder auch Highlights wie ihre Teilnahme bei der Weltmeisterschaft der Friseure in London im vergangenen Jahr.

Obwohl die Konkurrenz in Wangen heute noch deutlich größer ist als vor acht Jahren – Hermann zählt 31 Friseure und sechs Barber – wächst ihr Betrieb. Bisher arbeiteten neben ihr selbst im Team eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft. Seit Juni ist ein weiterer Vollzeit-Barber dabei, im Sommer beginnt Hermanns erster Azubi.

Ihre Arbeitswochen sind lang, den Großteil ihrer Freizeit opfert sie für das Geschäft, neben der Arbeit am Kunden für Buchhaltung, Marketing und Seminare, die bis weit ins Wochenende hineinreichen. "Aber ich stehe jeden Morgen gerne auf, ich habe ein tolles Team hinter mir. Das hier ist mein Baby. Und ich habe immer das Gefühl, dass harte Arbeit sich irgendwann auszahlt."