Seit 1898 backt die Familie Sippel in Bad Dürkheim-Ungstein – jetzt soll Schluss sein: Eine zugezogene Nachbarin hat die Behörden alarmiert, der Kreis untersagte den Betrieb der Backstube im Wohngebiet. Wie ein Bestandsschutz-Streit 40 Arbeitsplätze gefährdet und warum 5.200 Unterschriften jetzt für eine Atempause sorgen.

Traditionell, ursprünglich, gut: Mit diesen Schlagworten wirbt die Bäckerei Sippel aus dem Bad Dürkheimer Ortsteil Ungstein in der Pfalz für ihre Handwerkskunst. Das 1898 von Heinrich Sippel gegründete Unternehmen besteht in mittlerweile fünfter Generation als Familienbetrieb – im vergangenen Jahr übernahmen mit Amadeus und Isabel Böttinger die Stiefkinder von Alteigentümer Reiner Sippel die Geschäftsführung des Unternehmens, das seine Backwaren in sechs Filialen verkauft und rund 40 Mitarbeitende zählt. Der anfängliche Elan der beiden ist jedoch Existenzangst gewichen: Im Zuge eines Nachbarschaftsstreits untersagte die Kreisverwaltung Bad Dürkheim der Bäckerei den Betrieb der Backstube in dem Ungsteiner Wohngebiet. "Wir müssen hier raus", bringt es Amadeus Böttinger auf den Punkt.
Nachbarschaftsstreit mit schwerwiegenden Folgen
Eine neu zugezogene Nachbarin, die sich vom morgendlichen Lieferverkehr gestört fühlte, war gegen das Traditionsunternehmen vorgegangen und hatte eine baurechtliche Neubewertung des Betriebs veranlasst. Die Backstube liegt in einem reinen Wohngebiet und wäre nach heutigem Recht nicht mehr genehmigungsfähig, konnte sich aber bislang auf Bestandsschutz berufen, weil sie eben schon vor Ausweisung des Wohngebiets existierte. Doch, so ein Behördensprecher: Die Bäckerei Sippel habe sich mit nunmehr sechs Filialen über einen klassischen Nahversorger hinaus entwickelt. Damit liege ein "fortdauernder Baurechtsverstoß" vor – und damit ein Anlass, den Betrieb der Backstube zu untersagen. Andererseits hatte die Kreisverwaltung in der Vergangenheit mehrere Anbauten und Erweiterungen der Backstube anstandslos genehmigt.
Genießt die Bäckerei Bestandsschutz?
"Im Kern geht es beim Bestandsschutz darum, ob ein rechtmäßig errichtetes Gebäude oder eine bauliche Nutzung auch dann erhalten und genutzt werden darf, wenn sich die rechtlichen Voraussetzungen inzwischen geändert haben", erklärt Malte Brix, Fachanwalt für Verwaltungsrecht in der Kanzlei Brix Lange Verweyen in Berlin. "Der Bestandsschutz schützt aber nur das Bestehende – nicht etwa eine bauliche Erweiterung oder Nutzungsänderung." Und eine solche Nutzungsänderung, so argumentiert die Kreisverwaltung Bad Dürkheim, liege im Fall der Bäckerei Sippel vor – denn die Backstube versorgt eben nicht mehr nur wie früher den angrenzenden Laden, sondern auch die entsprechenden Filialen, die mit Transportern beliefert werden müssen.
Existenzsorgen nach der Betriebsübernahme
Für die Betreiberfamilie kommt die Entwicklung zu einem schwierigen Zeitpunkt, nämlich direkt im Anschluss an die Unternehmensnachfolge. Zudem habe man in den vergangenen Jahren bereits in Lärmschutzmaßnahmen investiert, so Böttinger. An der Produktion in Ungstein hängen nun neben den Filialen auch die rund 40 Beschäftigten – entsprechend groß sind die Sorgen in der Belegschaft. "Wir wussten von den Streitigkeiten, als wir das Geschäft übernommen haben, aber dass ein Unternehmen mit 40 Mitarbeitern so schnell auf die Straße gesetzt werden kann, war uns nicht klar", erklärt Böttinger.
Umzug der Backstube kostet Zeit und Geld
Wie es für den Traditionsbetrieb nun weitergeht, ist bislang noch offen. Als mögliche Lösung wird ein Umzug der Backstube in ein Gewerbegebiet diskutiert – Grundstücksangebote gebe es bereits, so der Bäckermeister. Doch eine neue Produktionsstätte zu errichten, erfordert hohe Investitionen und Zeit. Bei der Bäckerei Sippel ist man dennoch verhalten zuversichtlich, dass das Unternehmen trotz der angespannten Lage eine Zukunft hat.
Großer Rückhalt in der Bevölkerung
Dafür sorgt auch eine Online-Petition, die mehrere Ungsteiner Stammkunden der Traditionsbäckerei auf dem Online-Portal OpenPetition ins Leben gerufen haben (https://www.openpetition.de/petition/online/baeckerei-sippel-muss-in-ungstein-bleiben). Die Initiatoren fordern eine Änderung des Bebauungsplans, um eine rechtliche Grundlage für den Verbleib am jetzigen Ort zu schaffen. Rund 5200 Menschen haben die Petition bereits unterzeichnet – und eindeutige Kommentare hinterlassen: "Wir brauchen den Bäcker vor Ort und sollten jeden Handwerks- und Familienbetrieb in unserer Gemeinde unterstützen, der sich trotz eines schwierigen Umfelds noch hier engagiert, die lokale Versorgung sicherstellt und Arbeitsplätze schafft", schreibt etwa Joachim Roling. Und Ute Hild betont, die Bäckerei sei "eine ganz wichtige Grundversorgung" für den Ort. "Der Standort muss bleiben!"
Die breite Unterstützung der Menschen vor Ort zeigt offenbar Wirkung: Zwischenzeitlich teilte die Kreisverwaltung Bad Dürkheim mit, dass das baurechtliche Verfahren bis Jahresende ruhe. So soll allen Beteiligten Zeit gegeben werden, eine Lösung in dem Konflikt zu finden. Der unmittelbare Stopp der Produktion in der Backstube ist somit erstmal vom Tisch.