Neue Ideen für den letzten Weg KI, Cloud und Pilzsarg: Wie ein Bestatter Tradition neu denkt

Ein Sarg aus Pilz-Hanf-Mischung, der unter der Erde weiterwächst und Nährstoffe bildet – damit hat ein familiengeführtes Bestattungsunternehmen aus Mittelfranken bereits Kunden bis Berlin und Rostock gewonnen. Junior Luis Bauer erklärt, warum Nachhaltigkeit und Aufklärung das Handwerk verändern und wo die Bürokratie noch bremst.

Luis Bauer
Luis Bauer, Familienspross in sechster Generation im Fürther Familienbetrieb Bestattungen Burger, Nachf. Johannes Bauer e.K.. - © Thomas Tjiang

Die Bestattungskultur in Deutschland befindet sich in einer modernen und säkularisierten Gesellschaft im Wandel. Die klassische Erdbestattung wird zunehmend durch den Trend zur Feuerbestattung zurückgedrängt. Die Urne scheint den individuellen Vorstellungen der Angehörigen mehr zu entsprechen. Sie erlaubt auch verschiedene Varianten, wie – je nach Friedhofssatzung – Verstreuen der Asche oder Bestattungen in Naturräumen.

Aber auch die letzte Reise eines Menschen wird immer mehr zum Thema. "Es gibt heute keine Tabuthemen mehr", sagt der 20-jährige Luis Bauer, dessen Vater Johannes den Familienbetrieb Bestattungen Burger, Nachf. Johannes Bauer e. K. führt. Die Zeit starrer Trauerrituale sei vorbei.

Bestattung wird umweltfreundlicher

Das Unternehmen im mittelfränkischen Fürth geht in seiner 100-jährigen Firmengeschichte bereits seit Jahren neue Wege. So entdeckten Vater und Sohn 2024 auf einer Bestattermesse einen Pilzsarg und beide waren sofort begeistert. "Das war mal etwas ganz anders", so Luis Bauer.

Das Produkt eines niederländischen Herstellers für Erd- und Feuerbestattungen gilt als 100 Prozent umweltfreundlich. Er wächst aus einer Pilz-Hanf-Mischung in einer vorgefertigten Form und kommt in der Herstellung ohne Wärme, Strom oder Licht aus. In der Erde wächst der Sarg nach eineinhalb Monaten unterirdisch weiter und wandelt organische Stoffe in Bodennährstoffe um.

"Dieser Cocoon ist eine sehr innovative und zeitgemäße Idee", findet der junge Thanatopraktiker, zu Deutsch Einbalsamierer. "Nachhaltigkeit ist ein weltweites Thema." Ein konventioneller Sarg benötige dagegen allein an Rohstoffen gut einen halben Baum. Hinzu kommen Rohstofftransport und Fertigung.

Der Pilzsarg hat bereits erste Abnehmer gefunden. Angehörige wollten etwa für ihren Verstorbenen, ein leidenschaftlicher Pilzsammler, eine passende letzte Ruhestätte schaffen. Ähnlich war es bei einem Outdoor- und Survivalfan. Einige haben sich bei der eigenen Planung ihrer Bestattung als Vorsorge für das Naturmodell entschieden. Selbst aus Berlin oder Rostock gab es bereits Bestellungen.

Bürokratie erschwert den Wandel

In jedem Fall sollten sich Hinterbliebene mit der jeweiligen Friedhofsordnung und den Bestattergesetzen der einzelnen Bundesländer beschäftigen. In Bayern können die Gemeinden etwa die Beschaffenheit der Särge, Sargausstattungen, Urnen und die Bekleidung von Leiche per Verordnung regeln.

So kämpft das Bestatterhaus derzeit mit einer kommunalen Verwaltung. Denn für den Nachweis, dass der Pilzsarg flüssigkeitsdicht ist und den Erdboden nicht nachteilig verändert, sei ein deutscher Gutachternachweis notwendig. Die Bescheinigungen mit den technischen Daten von der niederländischen TU Delft reichten nicht aus. "Welcher Sachverständige dafür zuständig ist, konnte uns nicht gesagt werden." Außerdem ist der Pilzsarg 16cm länger als ein Standardmaß, was beim Ausheben und Verschalen der Grube Probleme machen könnte.

Als Bestatter Pioniere unter den Influencern

Das überregionale Interesse an den Pilzsärgen oder der Variante als Urne im Sortiment begründet Bauer mit seinen Social-Media-Aktivitäten. "Als ich 2020 damit angefangen habe, hatte das noch kein anderer Bestatter gemacht", erinnert er sich. "TikTok war damals noch eine Tanzplattform für Mädels."

Vater Johannes war damals schon auf Facebook und YouTube unterwegs. Doch als Luis sein erstes Video hochlud, "ging es gleich durch die Decke". Mittlerweile bespielt er regelmäßig Instagram, TikTok, Facebook und YouTube. In Summe komme er "wie ein Influencer" auf stolze 1,7 Millionen Follower. Vater und Sohn sind außerdem mit ihrem Podcast "Um Leben und Tod" präsent.

Mit Social Media wird mehr Bewusstsein geschaffen

Luis Bauer postet Antworten auf Fragen, die man aus vermeintlicher Pietät nicht zu fragen wagt. Warum etwa der gestorbene Papst im Gesicht so grau wirkte, ist genauso ein Thema wie die Erklärung, warum man nicht mit einem Leichenwagen zum Möbelkauf fahren darf.

Auch der Ablauf einer Einbalsamierung kommt genauso zur Sprache wie eine Überführung per Flugzeug oder der Ablauf einer Kindertrauerfeier. Eine Witwe wollte, nachdem sie den entsprechenden Videoclip gesehen hatte, bei der Leichenwäsche ihres Mannes teilnehmen. "Es ist Arbeit und stressig, täglich zu posten", stellt Bauer klar. Bei aufwändigeren Videos mit Script, Schnitt und Vertonung liege der Turnus bei etwa drei Tagen.

Digitalisierung und KI erleichtern das Tagesgeschäft

Dafür ist das Tagesgeschäft von Bestattungen Burger mit zwei Niederlassungen technisch mit einer Bestattersoftware auf dem neusten Stand. Per App und Cloud weiß jeder der 30 Mitarbeiter an jedem Ort, wie der aktuelle Stand bei einem Trauerfall ist. Bilder von Blumen am Grab werden per Handy dokumentiert und abgelegt, sodass Nachfragen von Angehörigen immer beantwortet werden können. Karteikarten haben längst ausgedient. Selbst bei Trauerkarten greift das Traditionshaus auf eine Grafiksoftware mit KI zurück, um unscharfe Lieblingsbilder zu optimieren oder mal ein störendes Weinglas mit ein paar Klicks zu entfernen.

Unterm Strich hat sich das Bestatterhandwerk im Kern kaum verändert. Aber der Fürther Familienbetrieb hat viele Trends aufgegriffen. Für das besonders heikle Thema Kinderbestattungen gibt es einen eigenen Raum, um würdevoll auf diese Sondersituation einzugehen. Gerade haben Vater und Sohn ein angrenzendes "Burgers Schmuckkästchen" eröffnet. Dort finden sich die jungen Möglichkeiten an Trauer- oder Gedenkschmuck, wie etwa Fingerprints eines Verstorbenen für einen Ring oder als Kettenanhänger.