135.540 neue Lehrverträge, ein Plus von 0,4 Prozent: Das Handwerk wächst entgegen dem Abwärtstrend in Industrie und Handel. Doch ZDH-Generalsekretär Schwannecke warnt: Zu viele Karrierechancen blieben ungenutzt – und er fordert von Bund und Ländern konkrete Schritte.

Das Handwerk hat im Ausbildungsjahr 2025 entgegen dem Bundestrend 488 Lehrverträge mehr abgeschlossen als im Vorjahr. Insgesamt unterschrieben 135.540 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag im Handwerk – ein Plus von 0,4 Prozent. Damit bleibt das Handwerk nach Industrie und Handel der zweitgrößte Ausbildungsbereich. Das geht aus dem Berufsbildungsbericht 2026 des Bundesbildungsministeriums und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor.
Bundesweit ging die Zahl der neuen Ausbildungsverträge dagegen um 2,1 Prozent auf 476.000 zurück. Besonders Industrie und Handel verloren 12.600 Verträge bzw. 4,6 Prozent. Auch die Hauswirtschaft (-4,5 Prozent) und der Öffentliche Dienst (-2,0 Prozent) verzeichneten Rückgänge. Zuwächse meldeten neben dem Handwerk nur die Freien Berufe (+4,6 Prozent) und die Landwirtschaft (+0,1 Prozent).
ZDH: "Über 16.000 Lehrstellen blieben unbesetzt"
Trotz der positiven Entwicklung warnt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) vor zu viel Optimismus. "Im dritten Jahr in Folge sind die Zahlen neuer Auszubildender im Handwerk gestiegen, entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft", erklärt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. "Trotz dieser positiven Entwicklung darf nicht aus dem Blick verloren gehen, dass immer noch über 16.000 Ausbildungsstellen, die Betriebe im Handwerk angeboten hatten, unbesetzt geblieben sind. Das sind zu viele Bildungs- und Karrierechancen, die ungenutzt bleiben."
Schwannecke fordert Bund und Länder zum Handeln auf. Die Berufsorientierung müsse auf alle Klassen der Sekundarstufe I ausgeweitet und stärker auf die Praxis im Handwerk ausgerichtet werden. Bundesweit sollten Potenzialanalysen für Schüler vorgehalten werden.
Auch bei den Grundkompetenzen sieht der ZDH dringenden Nachholbedarf: "Lerndefizite junger Menschen gefährden immer häufiger die Aufnahme einer Ausbildung und den Prüfungserfolg." Schwannecke verlangt eine verpflichtende Kompetenzdiagnostik an den Berufsschulen zum Ausbildungsbeginn, eine bedarfsorientierte Förderung in Deutsch und Mathematik vor dem Ausbildungsstart sowie flächendeckende Berufssprachkurse. Erfolgreiche Programme wie die AlphaDekade müssten verlängert werden.
Bundesweit bleibt jeder zehnte Ausbildungsplatz leer
Die Zahlen unterstreichen das Problem: Bundesweit blieben 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt. Der Anteil unbesetzter Stellen am betrieblichen Gesamtangebot sank zwar auf 10,6 Prozent (Vorjahr: 12,8 Prozent), doch das liegt vor allem am insgesamt geschrumpften Angebot. Betriebe stellten 27.000 Ausbildungsplätze weniger zur Verfügung als 2024.
Besonders betroffen ist im Handwerk der Beruf Steinmetz und Steinbildhauer. Außerdem nennt der Bericht Berufe der Lebensmittelherstellung und des Verkaufs, der Gastronomie sowie des Hoch- und Tiefbaus, in denen die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen höher ausfiel als die Zahl der gemeldeten Bewerber.
Bewerbermarkt kippt: Mehr Suchende als Stellen
Aufseiten der Bewerber suchten am Stichtag 30. September 2025 noch 84.400 junge Menschen eine Lehrstelle – ein Plus von 19,9 Prozent. Davon waren 39.900 komplett unversorgt – der höchste Stand seit 2007.
Jeder dritte Lehrvertrag im Handwerk wird vorzeitig gelöst
Sorgenkind bleibt die hohe Quote vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge. Im Handwerk wurden 2024 insgesamt 36,7 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst. Zum Vergleich: Im Öffentlichen Dienst sind es 9,0 Prozent, in Industrie und Handel 26,8 Prozent.
Besonders hoch sind die Lösungsquoten im Friseurhandwerk (49,0 Prozent), bei Gebäudereinigern (47,9 Prozent), bei Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk (47,0 Prozent) sowie bei Malern und Lackierern (46,3 Prozent).
Wichtig zu wissen: Eine Vertragslösung bedeutet nicht automatisch einen Ausbildungsabbruch. Etwa die Hälfte der Betroffenen schließt einen neuen Ausbildungsvertrag ab.
Frauenanteil im Handwerk stagniert bei 19 Prozent
Im Handwerk wurden 2025 nur 19,2 Prozent aller Ausbildungsverträge mit Frauen geschlossen. Damit bleibt das Handwerk nach der Seeschifffahrt der Bereich mit dem geringsten Frauenanteil. Zum Vergleich: In den Freien Berufen liegt der Anteil bei 89,1 Prozent, im Öffentlichen Dienst bei 63,5 Prozent.
Ausländische Auszubildende tragen auch im Handwerk zur Fachkräftesicherung bei
Ohne ausländische Auszubildende wäre die Zahl der Absolventen im dualen System von 2010 bis 2024 noch stärker zurückgegangen. 2024 lag der Ausländeranteil unter den Auszubildenden im Handwerk bei 13,8 Prozent. Besonders stark gewachsen ist die Zahl ausländischer Absolventen bei Elektronikern. Dort stieg sie zwischen 2010 und 2024 um 323,5 Prozent. Bei Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik wuchs die Zahl um 264 Prozent, bei Kraftfahrzeugmechatronikern um 116,2 Prozent.
Übernahmequote auf Rekordniveau
Wer eine Ausbildung erfolgreich abschließt, hat gute Chancen auf eine Übernahme. 2024 übernahmen die Betriebe 79 Prozent ihrer Absolventen – der höchste Wert seit Beginn der Erfassung. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede nach Betriebsgröße: Kleinstbetriebe mit bis zu neun Beschäftigten übernahmen 67 Prozent, Großbetriebe mit über 500 Beschäftigten 86 Prozent.
Was Betriebe jetzt tun können
Der Bericht nennt mehrere Stellschrauben für Ausbildungsbetriebe:
- Unterstützungsangebote nutzen: Die Assistierte Ausbildung (AsA) hilft bei Auszubildenden mit Lerndefiziten. Sie ist vielen Betrieben aber noch unbekannt.
- Attraktivität steigern: Laut Bertelsmann-Studie machen für fast alle jungen Menschen ein gutes Betriebsklima, gute Bezahlung nach der Ausbildung, spannende Aufgaben in der Ausbildung, gute Übernahmechancen nach der Ausbildung sowie eine hohe Ausbildungsvergütung eine Ausbildungsstelle attraktiv. Für viele gehört auch ein einfaches Bewerbungsverfahren dazu.
- Zusatzleistungen anbieten: 62 Prozent der befragten Ausbildungsbetriebe setzen auf Prämien oder Sonderzahlungen, 47 Prozent auf Fahrtkostenzuschüsse zum ÖPNV, 38 Prozent auf Zuschüsse zu Fahrrad oder Roller und 24 Prozent auf Sachleistungen wie Handy oder Tablet. 15 Prozent unterstützen ihre Auszubildenden zudem mit Wohnmöglichkeiten, elf Prozent mit weiteren finanziellen Hilfen wie Mietkostenzuschüssen.
- Frühzeitig binden: Praktika und Maßnahmen in der Zeit zwischen der Vertragsunterzeichnung und dem ersten Arbeitstag helfen, Interessenten frühzeitig zu binden.
Ausblick: Weiterer Rückgang erwartet
Für 2026 prognostiziert das BIBB-Modell "Prosima" einen weiteren Rückgang: Das Ausbildungsangebot dürfte um 4.200 auf 526.100 Stellen sinken, die neuen Verträge um 8.400 auf 468.000. Die Zahl der unversorgten Bewerber wird voraussichtlich auf 41.100 steigen.
Gleichzeitig werden Fachkräfte immer dringender gebraucht. Bis 2029 müssen laut Fachkräftemonitoring der Bundesregierung rund 2,48 Millionen Stellen für ausgebildete Fachkräfte neu besetzt werden. Verfügbar sind dafür aber nur rund 1,95 Millionen Personen mit Berufsabschluss. Besonders gute Beschäftigungsperspektiven sehen die Forscher im IT- und Gesundheitsbereich, in Bauberufen, technischen Produktionsberufen sowie in Berufen in der Lebensmittelverarbeitung.