Internationale Fachkräfte Von Ho-Chi-Minh-Stadt ins Handwerk

Wenn morgens in der Bäckerei in Sömmerda die ersten Brötchen duften und die Teilchen in die Auslage geräumt werden, steht Thien Kim Dam längst hinter der Theke. "Kim", wie die 23-jährige Vietnamesin genannt wird, hat einen weiten Weg hinter sich – nicht nur geografisch, auch persönlich.

Thien Kim Dam in der Bäckerei
Fernab ihrer vietnamesischen Heimat hat sich Thien Kim Dam ein neues Leben aufgebaut: Sie arbeitet als Bäckereifachverkäuferin bei Bäcker Süpke in Sömmerda. - © Wolfgang Süpke

Eigentlich begann ihr beruflicher Weg ganz anders. Nach dem Abitur startete sie ein Ingenieurstudium in ihrem Heimatland. Doch schon bald merkte sie, dass ihr der Studienalltag zu theoretisch war. "Ich wollte etwas verändern, mich weiterentwickeln und raus aus meiner Komfortzone", erzählt sie. Über eine Internetrecherche stieß sie schließlich auf die Möglichkeit einer Ausbildung im Handwerk in Deutschland – und entschied sich für diesen mutigen Schritt.

Ausbildungsbeginn Sommer 2023

Ein Jahr lang lernte Kim Deutsch und erreichte das Sprachniveau B1. Im Sommer 2023 kam sie nach Deutschland und begann ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin bei Bäcker Süpke. "Am Anfang war das eher ein Zufall", gibt sie zu. Doch schnell entdeckte sie die Besonderheiten des Berufs. "Ich kann direkt mit Menschen arbeiten. Das macht mir großen Spaß", sagt sie. Neben dem Verkauf gehören auch das Aufbacken von Brötchen und Quarkteilchen, das Einräumen der Regale, die Annahme von Großbestellungen und die Beratung zu Torten zu ihrem Alltag.

Unterstützung von Kollegen und Kunden

Seit ihrem Umzug nach Deutschland hält Kim den Kontakt zu ihrer Familie vor allem über Videotelefonie. "Sie stärken mich emotional und geben mir Kraft", sagt sie. Auch wenn die Entfernung groß ist, hat sie schnell Halt in ihrer neuen Umgebung gefunden. "Mein Chef, meine Kollegen und die Kunden sind eine große Stütze. Sie haben mir gezeigt, dass ich willkommen bin", betont sie.

Die enge Zusammenarbeit, ihr Fleiß und ihre große Lernbereitschaft zahlen sich aus: Aufgrund sehr guter Leistungen konnte Kim ihre Ausbildung von drei Jahren auf zweieinhalb verkürzen. Vor wenigen Wochen erhielt sie ihren Gesellenbrief – und wurde direkt übernommen. Nun möchte sie den nächsten Schritt gehen: "Ich wünsche mir, dass ich mich fachlich und persönlich weiterentwickle und mehr Verantwortung übernehmen kann."

Projekt der Handwerkskammer

Auch ihr Chef, Bäckermeister Wolfgang Süpke, sieht in Kims Weg ein Beispiel für die Zukunft des Handwerks. Schon seit den 1980er-Jahren habe er die demografische Entwicklung im Blick gehabt. "Irgendwann kamen keine Bewerbungen mehr. Sich in dieser Situation internationalen Fachkräften zu öffnen, ist eine Investition in die Zukunft", sagt er.

Unterstützung erhielt er durch das Projekt "Craft 4.0" der Handwerkskammer Erfurt. Ziel des Programms ist es, ausbildungs- und beschäftigungsinteressierte Menschen aus dem Ausland – insbesondere aus Vietnam, Usbekistan und Indien – für das Handwerk zu gewinnen. Sowohl Teilnehmende als auch Betriebe werden dabei umfassend begleitet. Das reicht vom ersten digitalen Kennenlernen über die Organisation von Visa und Behördenwegen bis hin zur Integration im Unternehmen und im Alltag. "Das hat uns enorm geholfen. Wir mussten uns im Grunde nur noch um die Wohnung kümmern", berichtet Wolfgang Süpke. Allein im vergangenen Jahr wurden 58 Betriebe beraten, 30 Auszubildende und Fachkräfte reisten nach Deutschland ein. Für Süpke ist klar: "Ich würde mich wieder für Craft entscheiden."

Erfolgsfaktor Sprachkenntnisse

Seine Erfahrungen zeigen aber auch Unterschiede: Während Kim sich hervorragend entwickelt hat, kämpft ein Lehrling aus Vietnam noch mit der Sprache. Für Süpke ist entscheidend, dass die sprachlichen Grundlagen stimmen. Kim habe sich hier selbst viel erarbeitet – etwa durch Bibliotheksbesuche und Filme auf Deutsch. "Am Anfang konnte ich nicht immer alles verstehen. Aber die Kollegen und Kunden waren sehr geduldig mit mir", sagt sie selbst.

Überhaupt komme sie im Betrieb und auch in der Stadt gut an. "Sie ist ein absoluter Sonnenschein und bei unseren Kunden sehr beliebt", sagt Süpke. Dass sie zur Gemeinschaft gehört, zeigt sich auch außerhalb der Backstube: Beim Festumzug zur 1150-Jahr-Feier von Sömmerda am Pfingstsonntag wird sie auf einem Wagen mitfahren. "Weil sie einfach zu uns gehört", so der Bäckermeister.

Kim möchte ihre Erfahrungen weitergeben und anderen Mut machen: "Es ist nicht einfach mit einer neuen Kultur, einer neuen Sprache und einem neuen Leben. Aber man sollte keine Angst davor haben, sondern die Chance ergreifen. Es lohnt sich."