Entlastungsprämie eher Belastung "Wo soll ein Friseur oder Bäcker das Geld hernehmen?"

1.000 Euro pro Mitarbeiter, steuer- und abgabenfrei – die Koalition will Beschäftigte entlasten, doch zahlen sollen die Betriebe. Steuerzahlerbund-Präsident Holznagel nennt das realitätsfremd – und trifft damit den Nerv der Handwerksverbände. Warum sie die Prämie ablehnen und was sie stattdessen fordern.

Wo das Geld hernehmen? Die geplante Entlastungsprämie stellt vor allem kleine Betriebe vor eine schwierige Rechnung. - © dp studio - stock.adobe.com

Die von der Koalition geplante steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von 1.000 Euro pro Beschäftigten soll steigende Energiekosten abfedern – stößt im Handwerk aber auf breite Ablehnung. Mehrere Branchenverbände werfen der Politik vor, die Kosten ihrer Versprechen auf die Betriebe abzuwälzen.

ZDH-Präsident: Viele Betriebe können Prämie nicht stemmen

Handwerkspräsident Jörg Dittrich macht deutlich: Dass ein wesentlicher Teil der Entlastung faktisch von den Arbeitgebern getragen werden solle, bedeute für viele Betriebe eine zusätzliche Herausforderung. Angesichts der fragilen wirtschaftlichen Situation bleibe offen, wie viele Unternehmen aufgrund ihrer angespannten Ertrags- und Liquiditätslage tatsächlich in der Lage seien, die Prämie zu zahlen.

Steuerzahlerbund springt dem Handwerk bei

Unterstützung erhält das Handwerk vom Bund der Steuerzahler. Dessen Präsident Reiner Holznagel hält die Prämie für realitätsfremd. Der sogenannte Krisenbonus sei in Wirklichkeit ein Versprechen zulasten Dritter. "Die Politik rechnet hier mit Entlastungen, die auf die Rechnung von Arbeitgebern geht", sagte Holznagel dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Statt der Prämie fordert er eine höhere Pendlerpauschale: "Eine wirklich sachgemäße Lösung zur Entlastung wäre eine Erhöhung der Entfernungspauschale für alle, die Auto oder Bus und Bahn nutzen müssen, um zur Arbeit zu kommen." Die Pauschale liegt aktuell bei 38 Cent pro Kilometer für die einfache Strecke, unabhängig vom Verkehrsmittel.

Besonders deutlich fällt Holznagels Kritik mit Blick auf kleine Betriebe aus: "Wo ein Handwerker, Friseur oder Bäcker das Geld nämlich hernehmen soll, wenn sein Umsatz wegen steigender Kosten zurückgeht oder das Geschäft sogar schließen muss, fragen Kanzler und Finanzminister nicht."

Bauhandwerk: "Prämie kommt zur Unzeit"

Das bestätigen die Branchenverbände. Ulrich Marx, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH), kritisiert die Beschlüsse scharf: "Die geplante Entlastungsprämie kommt zur Unzeit. Angesichts explodierender Materialpreise und einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage ist diese Maßnahme für viele Dachdeckerbetriebe schlicht nicht finanzierbar."

Ähnlich urteilt Marcus Nachbauer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Bauwirtschaft: "Die Ergebnisse der Koalitionsklausur sind für die Bau- und Ausbauwirtschaft schlicht enttäuschend." Die Prämie möge politisch gut klingen – wirtschaftlich gehe sie an der Realität vorbei. Zahlreiche Unternehmen arbeiteten längst an der Grenze der Wirtschaftlichkeit, die steigenden Insolvenzzahlen zeigten das unmissverständlich. "Verteilt werden kann nur, was zuvor erwirtschaftet wurde. Wer das ignoriert, gefährdet Arbeitsplätze und unternehmerische Substanz", so Nachbauer. Ohne schnelle strukturelle Maßnahmen – von einer Ausweitung des Energieangebots bis hin zu tragfähigen Sozialversicherungen – drohe dem Standort ein weiterer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

SHK-Handwerk: "Der Staat verteilt Versprechen"

Michael Hilpert, Präsident des Zentralverbandes Sanitär Heizung Klima (SHK), nennt die Prämie ein "völlig falsches Signal". Sie verlagere staatliche Verantwortung in die Betriebe. "Der Staat verteilt Versprechen – und die Unternehmer sollen bezahlen", kritisiert Hilpert. Viele SHK-Betriebe sicherten Arbeitsplätze und Ausbildung, arbeiteten dabei aber am Limit. "Wer dauerhaft die Leistungsfähigkeit und die Belastungsgrenzen des Mittelstands ignoriert, riskiert nicht nur wirtschaftlichen Schaden, sondern auch weiteren Vertrauensverlust." Nötig seien nachhaltige Entlastungen bei Energiepreisen, Abgaben und Bürokratie.

Friseurhandwerk fordert niedrigere Lohnnebenkosten

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks lehnt die Prämie ebenfalls ab. Viele Salons könnten die zusätzliche Zahlung nicht leisten – profitieren würden nur Beschäftigte in wirtschaftlich starken Betrieben. Und wenn ein Salon die Prämie nicht zahlen könne, diskutiere nicht die Politik mit den Mitarbeitern, sondern die Unternehmerin oder der Unternehmer.

Der Verband fordert statt einer Einmalprämie eine Senkung der Lohnnebenkosten. Das stärke Betriebe, sichere Arbeitsplätze und fördere Wachstum. fre