Gemeinsam arbeiten, gemeinsam leben – und abends die Arbeit nicht loslassen können. Viele Unternehmerpaare im Handwerk kennen das Problem. Eine Coachin und zwei Psychologinnen erklären, welche Rituale und Mikro-Pausen helfen, damit der Betrieb die Beziehung nicht auffrisst.

Auf dem Nachhauseweg passiert es: Man hat die wunderbare Gelegenheit, die Arbeit wortwörtlich hinter sich zu lassen. Das meint jedenfalls Sabine Liebe. "Das ist der Zeitraum, den man zum Umschalten nutzen sollte", rät sie. Die Persönlichkeitscoachin aus Leipzig hat sich im Laufe der Jahre auf Unternehmerinnen und Unternehmerpaare spezialisiert. "In der Regel kommen zuerst die Frauen", sagt sie schmunzelnd über ihre Klientel – die Männer folgten dann irgendwann im Schlepptau.
Zwischen Büro und Werkstatt: Eine Frage der Konstellation
Dass die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem gerade in Haushalten verschwimmen, in denen beide Partner den Betrieb am Laufen halten, weiß sie aus eigener Anschauung. Gerade im Handwerk ist diese Konstellation weit verbreitet. Der Mann als Metzger am Hackebeil, die Frau als Verkäuferin an der Wursttheke oder der Gatte als Geschäftsführer und die Gattin im Sekretariat – um zwei klischeebehaftete, aber keineswegs unzeitgemäße Beispiele zu nennen.
Laut einer Studie des Ludwig-Fröhler-Instituts für Handwerkswissenschaften wird mehr als die Hälfte aller Handwerksbetriebe von weiblichen Familienangehörigen unterstützt – ob mit oder ohne Arbeitsvertrag. Wird eine weibliche Angehörige regulär beschäftigt, handelt es sich in 58 Prozent der Fälle um die Ehefrau, Lebenspartnerin oder Verlobte. Viele übernehmen die Gehaltsabrechnungen, steuerliche Angelegenheiten oder andere Bürotätigkeiten, erstellen Rechnungen und Angebote. Andere kümmern sich um Versicherungen, Marketing, Social Media oder die Personalplanung. Immerhin 14 Prozent der im Betrieb beschäftigten weiblichen Familienangehörigen arbeiten mehr als acht Stunden am Tag, fast ein Viertel sechs bis acht Stunden.
Die 2Sonderwirtschaftszone" in den eigenen vier Wänden
Wenn der gedankliche "Switch" auf dem Heimweg nicht klappt, so Sabine Liebe, solle man einen Ort in der Wohnung gewissermaßen als eine Art "Sonderwirtschaftszone" ausweisen. "Das kann ein Raum sein, eine Ecke oder eine bestimmte Sitzsituation." Dort könnten betriebliche Abläufe noch einmal besprochen, ungelöste Konflikte geklärt oder kommende Schritte abgestimmt werden, wenn es denn sein muss. "Und dann verlässt man diesen Ort und ist wieder im Privaten", so Liebe. In allen anderen Räumen sei eine Konversation über die Arbeit dann tabu. Ihr praktischer Tipp rührt daher, dass Themen oft mit nach Hause genommen werden, wodurch sich Kinder nicht gesehen fühlen, was wiederum zu Stress führt.
Mikro-Pausen als Kraftquelle im Alltag
Ehrlicherweise ist eine konsequente Trennung zwischen Beruflichem und Privatem für viele Paare unrealistisch. Zu groß ist das Arbeitspensum, zu stark die Einbindung in operative Prozesse, die keinen Aufschub dulden. Mit dieser Problematik haben sich auch die Psychologinnen Christine Busch und Romana Dreyer von der Universität Hamburg beschäftigt. In einer im "Journal of Family Business" erschienenen Studie schlagen sie speziell Unternehmerpaaren im Handwerk vor, kleine Erholungsinseln in den Berufsalltag einzubauen.
Dabei kann es sich um einen gemeinsamen, etwa 15-minütigen Spaziergang nach dem Mittagessen handeln, bei dem das Thema Arbeit tabu ist. Oder um eine zehnminütige Kaffeepause ohne Handy und Laptop – gerne verbunden mit einem Tapetenwechsel auf den Balkon, die Terrasse oder ins Café. Ebenfalls eine gute Idee sind Zeitfenster, in denen die Bürotür geschlossen bleibt und das Chefzimmer zum Rückzugsgebiet wird. Paare schaffen sich so wiederkehrende Mikro-Zeitblöcke, um zur Ruhe zu kommen. Dies muss nicht zwingend im Tandem geschehen; Zeitfenster für individuelle Bedürfnisse – die sogenannte "Me-Time" – sind völlig legitim und oft das Ergebnis von gutem Teamwork.
Aktiv planen statt parallel laufen
"Der große Vorteil von familiengeführten Unternehmen ist die Chance, Privat- und Berufsleben hervorragend in Einklang zu bringen", sagt Sabine Liebe. Sie selbst und ihr Mann arbeiten ebenfalls als Unternehmerpaar, jedoch in unterschiedlichen Betrieben. Eines ihrer bewährten Rituale besteht darin, sich jeden Monat gegenseitig zu überraschen – mit Kleinigkeiten wie einem gemeinsamen Frühstück oder einem Kinobesuch.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor scheint die gemeinsame Planung des Arbeitsalltags zu sein. Bemüht sich ein Partner aktiv um gemeinsame "Paarzeit", steigt die eigene Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance – und die des Partners meist direkt mit. Es gibt jedoch einen Haken: "Die Bemühungen müssen von den Partnern wahrgenommen werden, um Wirkung zu zeigen", schreiben Busch und Dreyer in ihrer Studie. Andernfalls könnten sie in der Hektik untergehen. Daher ist es von Vorteil, über die eigenen Bemühungen zu berichten und Bedürfnisse klar zu kommunizieren.
Der goldene Ratschlag
Unternehmerpaare, die sich aktiv bemühen und ihren Alltag im Verbund planen, bewältigen diesen in der Regel sehr viel besser als jene, die nur nebeneinander herlaufen. So wächst die Wahrscheinlichkeit, Resilienz aufzubauen und gemeinsam durch schwierige Phasen zu kommen. Gleichwohl bleibt das Risiko erhöht, private und berufliche Konflikte zu vermischen. "Man muss sich klar sein, wer welche Rolle einnimmt, um dem anderen entsprechende Wertschätzung zeigen zu können", rät Sabine Liebe. "Dann darf man sich auch gerne mal in den Arm nehmen und fragen: "Bist du einverstanden, dass ich das jetzt so mache?" Wenn es einen goldenen Ratschlag gibt, dann diesen: "Umarmungen bauen enorm schnell Stress ab", sagt Sabine Liebe lächelnd.