Handwerk auf hoher See Zwischen Kreissäge und Atlantik: 3 Handwerker auf der Gorch Fock

Ein Schreiner, der Teakdecks pflegt und mit Muskelkraft das Ruder eines Großseglers steuert. Ein Landmaschinenmechatroniker, der bei 40 Grad Motoren wartet, die 230 Menschen an Bord am Leben halten. Eine Malerin, die heute Arbeitsgruppen leitet. Handwerker erzählen, wie ihr Alltag auf dem Segelschulschiff der Deutschen Marine aussieht.

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Kampf gegen die Elemente: Wind und Salzwasser setzen dem Schiff zu. Bevor die Gorch Fock nach einer langen Überfahrt im nächsten Hafen anlegt, muss das Messing des Steuerrades wieder glänzen. - © Jens Seemann

Wer die Gorch Fock verstehen will, darf nicht nur nach oben in die Wanten schauen, sondern muss tief in den Bauch des Schiffes hinabsteigen. Dort, wo die Gänge schmal, die Decken tief und die Treppen steil sind, liegt das wahre Herz des ­Segelschulschiffs. "Handwerk ist die ­Essenz dessen, was wir hier tun", betont Kapitänleutnant Robert Meier, der Navigationsoffizier des Schiffes. "Letztendlich ist es wie in einer großen Firma. Man kann nicht nur mit Managern arbeiten, man kann nicht nur mit Hilfskräften arbeiten, man braucht alle Ebenen mit ihren besonderen Talenten und Fähigkeiten. Das bilden wir ab."

Bis zu 230 Menschen leben und arbeiten auf engstem Raum zusammen. Etwa 115 davon sind Offizieranwärter. Warum die Marine im 21. Jahrhundert überhaupt noch auf ein solches Schiff setzt, weiß Fregattenkapitän Elmar Bornkessel: "Die Ausbildung auf einem Segelschulschiff mag anachronistisch wirken, in Zeiten moderner Kriegsführung, KI und sonstigen Dingen. Am Ende des Tages geht es aber um eine Führungskräfteausbildung." Was das System Segelschiff unvermeidlich fordere, sei "die Notwendigkeit teamfähig zu sein, Kameradschaft, Entbehrung, Durchhaltewillen, Einsatzbereitschaft, Mut und Tapferkeit".

Deshalb, so Bornkessel, sei die Gorch Fock heute vielleicht wichtiger denn je. Der Rahmen für diese Ausbildung wird von einer festen Stammbesatzung aufrechterhalten. Unter ihnen sind Handwerker wie Schreiner, Landmaschinenmechatroniker sowie Maler und Lackierer, die das Schiff am Laufen halten.

Zwischen Spänen und Seegang

Einer von ihnen ist Daniel Pawlinski. Der 34-Jährige ist Oberstabsgefreiter und der Schreiner an Bord. Wer seine Werkstatt betritt, muss flexibel sein. Der Raum ist winzig, kaum mehr als eine Nische tief im Schiff. In der Mitte steht eine Tischkreissäge, daneben Abricht- und Dickenhobel. Für eine Absauganlage ist kein Platz. Ein Bausauger muss genügen.

Pawlinski hat sein Handwerk im ­zivilen Leben gelernt. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr. "Ich habe mir in der Ausbildung gedacht, dass ich nicht mein ganzes Leben lang Fenster einbauen möchte", erzählt er, während er an seiner Werkbank steht. "Auch wenn das super viel Spaß gemacht hat, aber Türen, Fenster, Laminat – das konnte ich mir halt nicht mein ganzes Leben lang vorstellen. Ich wollte mir mal die Welt angucken."

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Oberstabsgefreiter Daniel Pawlinski ist der Schreiner an Bord. Nebenbei schneidet er auch noch die Haare der Kameraden. - © Jens Seemann

Sein Großvater war bereits bei der Marine, die Geschichten seiner Oma und vielleicht auch ein bisschen der Film "Fluch der Karibik" taten ihr Übriges, erzählt er mit einem Schmunzeln. "Ich habe immer gewusst: Wenn ich zur See fahre, dann auf der Gorch Fock."

Aus den ursprünglich geplanten 23 Monaten freiwilligem Wehrdienst sind mittlerweile über elf Jahre geworden. Pawlinskis Arbeitsalltag ist weit entfernt von dem eines normalen Schreiners. Sein Hauptwerkstoff ist edles Teakholz, aus dem das Oberdeck und die Aufbauten bestehen. Es muss geschliffen und geölt werden, damit es dem aggressiven Salzwasser trotzt. "Jeden Tag ist was anderes kaputt", berichtet er.

Doch auf der Gorch Fock hat niemand nur einen einzigen Job. Pawlinski ist auch der erfahrenste Rudergänger an Bord. Das Schiff besitzt keine Servolenkung. Gesteuert wird über ein manuelles Ruder, an dem im Normalfall vier, bei Manövern sogar sechs Personen stehen und mit reiner Muskelkraft das gewaltige Holzrad drehen. Wenn es hart auf hart kommt, gehört Pawlinski zudem zum Brandabwehrtrupp. Und ganz nebenbei schneidet er seinen Kameraden noch die Haare.

Die Wächter im Kraftraum

Einige Schotten weiter und noch tiefer im Schiffsbauch weicht der Geruch von Holz und Salzwasser dem schweren Aroma von Diesel und Schmierfett. Es wird ohrenbetäubend laut. Hier ist das Reich von Lars Oetzmann (36), gelernter Landmaschinenmechatroniker und heute Obermaat. Oetzmann steht vor einem gewaltigen Schleppermotor, dem Antriebsdiesel des Schiffes, und den sogenannten E-Dieseln, die die Gorch Fock mit Strom versorgen. "Wir sind hier eigentlich dafür da, dass die Motoren unser Schiff mit Strom am Leben halten", schreit er fast gegen den Lärm an.

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Landmaschinenmechatroniker und Obermaat: Lars Oetzmann arbeitet im Herzen des Schiffes und hält die Motoren am Laufen. - © Jens Seemann

Für Oetzmann ist der Dienst auf dem Segelschiff die Erfüllung eines Kindheitstraums. Als Junge stand er am Nord-Ostsee-­Kanal, sah das majestätische Schiff vorbeiziehen und wusste: Da will ich hin. Die Arbeit an den Maschinen ist schweißtreibend. Alles ist mechanisch, analog und massiv. "Das ist das, was für mich das Handwerk ausmacht", schwärmt Oetzmann.

Die Dimensionen, mit denen Oetzmann und seine Kollegen hantieren, sind gewaltig. Im Antriebsdiesel zirkulieren 525 Liter Motoröl. Der Maschinenraum ist das Kontrastprogramm zur frischen Brise an Deck. Wenn das Schiff in warmen Gewässern kreuzt und die Motoren unter Last laufen, klettert das Thermometer hier unten schnell auf 40 Grad Celsius. Die Mechaniker arbeiten im Schichtdienst, rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. "Das Schiff ist wie ein Haus mit Motor", erklärt Oetzmann. Eine der wichtigsten Anlagen in seinem Bereich ist der Frischwasserzeuger, der aus Salzwasser Trinkwasser gewinnt. Ohne ihn wären die bis zu 30.000 Liter Wasser, die die 230-köpfige Besatzung täglich zum Duschen und Kochen verbraucht, nicht aufzubringen.

Wieder oben an der frischen Luft weht der Wind durch die unzähligen Tampen und Taue, die das komplexe Rigg der Gorch Fock bilden. Hier arbeitet Sophie Marucha. Die 25-jährige Obermaat ist gelernte Malerin und Lackiererin in der Fachrichtung Gestaltung und Instandhaltung. Sie kam vor dreieinhalb Jahren an Bord. "Ich wollte schon immer zur Marine und relativ heimatnah bleiben“, erzählt sie. "Ich habe mir gesagt: Wenn Marine, dann segelnde Einheit. Und wenn Schiff, dann was mit Tradition."

Als "Farblastfahrerin" war sie anfangs die klassische Malerin an Bord, zuständig für das sogenannte "Pönen" – die seemännische Bezeichnung fürs Streichen und Lackieren. Doch sie wollte mehr Verantwortung und wechselte in die Unteroffizierslaufbahn. Heute ist sie die rechte Hand des Decksmeisters. Sie bestellt Materialien, teilt Aufgaben ein, spleißt Taue und bringt der Bootsmannsgruppe neue Handgriffe bei. Wenn die Gorch Fock in einen Hafen einläuft, muss das Schiff makellos aussehen. Dann heißt es für Marucha, Pawlinski und den Rest der Stammbesatzung: "Alle Hände an Deck." Das Messing wird auf Hochglanz poliert, das Holz geölt, das Deck geschrubbt. Es ist ein ständiger Kampf gegen die Elemente.

Gemeinsam ins Abenteuer

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Obermaat Sophie Marucha ist Maler und Lackiererin sowie rechte Hand des Decksmeisters. - © Jens Seemann

Das Leben auf der Gorch Fock fordert Verzicht. Privatsphäre ist ein Fremdwort. Die Offizieranwärter und Teile der Stammbesatzung schlafen in Hängematten, die dicht gespannt werden. "140 Leute auf den Divisionen", erklärt Schreiner Pawlinski trocken. "Die schlafen hier wie die Sardinen in der Ölbüchse." Wer den Arm ausstreckt, berührt nicht den Nachbarn, sondern den Übernächsten. Trotz oder gerade wegen dieser Härten entsteht an Bord eine Gemeinschaft, die im zivilen Leben kaum zu finden ist. "Dieses Schiff ist wie eine Familie", sagt Kapitänleutnant Meier. "Man ist hart zueinander, man ist herzlich miteinander. Jedem hier an Bord würde ich immer sagen: Ich habe noch ein Bett frei. Das bildet die einzigartige Gemeinschaft.“

Für die Menschen an Bord ist es nicht das Geld, das sie hält, auch wenn die Bezüge durchaus attraktiv sind. Was zählt, ist die Sehnsucht nach Abenteuer. Die nächste große Reise wirft bereits ihre Schatten voraus: Am 7. April verlässt die Gorch Fock Kiel. Die Route führt über Frankreich, die Kanaren und die Bahamas bis an die amerikanische Ostküste. Am 4. Juli folgt in New York der Höhepunkt: Zu den Feierlichkeiten des 250. Jahrestages der Unabhängigkeit der USA ist eine Zeremonie im Hafen geplant, in die das Segelschulschiff eingebunden ist. "Das ist die Reise, die mir schon vor zehn Jahren versprochen wurde", sagt Daniel Pawlinski und seine Augen leuchten. "Deswegen habe ich immer wieder verlängert. Das wird eine harte Nummer, 21 Tage auf See über den Atlantik. Aber es geht ein Traum in Erfüllung."