Baustoffrecycling: Kreislaufwirtschaft in der Praxis Gebrauchte Baustoffe: Vom Abbruchhaus ins Baudenkmal

Bevor die Abrissbirne kommt, sichert Peter Rieger altes Parkett, verzinkte Treppen und Pflastersteine. Zahlreiche Innenstädte, Hotels und Museen hat er damit bereits beliefert. Wie ein gelernter Schreiner aus dem Schwarzwald die Kreislaufwirtschaft auf dem Bau lebt.

Historische Baustoffe Peter Rieger
Peter Rieger sammelt historische Baustoffe, die in denkmalgeschützten Gebäuden auf Pflasterstraßen wieder eingebaut werden können. - © Rieger

Wenn bei Peter Rieger das Telefon klingelt, wird mit ziemlicher Sicherheit gerade irgendwo in Süddeutschland ein Gebäude ab- oder eine Straße aufgerissen. Und es kommt zum Baustopp. Peter Rieger ist darauf angewiesen, dass Abbruchunternehmer und Behörden – bestenfalls, bevor die Bagger anrollen – erkennen, dass sich in einem Gebäude oder unter einer Straße die Schätze finden lassen, die er braucht: gut erhaltenes Parkett, verzinkte Treppen, Biberschwanzziegel, Sandsteintorbögen und nicht selten auch alte Pflastersteine, die erst wieder ausgegraben werden müssen.

Auf einer Fläche von über 8.000 Quadratmetern lagert der gelernte Schreiner die historischen Baustoffe. "Das ist betriebswirtschaftlich eigentlich eine Katastrophe", sagt er lachend und erzählt, dass er ja nie weiß, wie lange er das Material bei sich hat. Es können manchmal viele Jahre sein oder auch nur ein paar Tage. Lagerfläche ist bei ihm im baden-württembergischen Albbruck-Etzwihl am Rand des Schwarzwalds knapp und teuer. Der 60-Jährige hat Glück, dass sein Betrieb schon lange besteht und er sowohl für das Füllen seines Lagers als auch für die Aufträge, die es wieder leeren, ein großes Netzwerk nutzen kann.

Kreislaufwirtschaft: Sammeln, Aufbereiten, Wiederverwenden

Peter Rieger führt keinen Schreinerbetrieb, auch wenn mit diesem Beruf sein Arbeitsleben im Handwerk einst startete. "Schon zur Berufsschule bin ich nicht wie die anderen mit dem Moped gefahren. Ich hatte meinen Pritschenwagen und auf jedem Weg habe ich Sachen gesammelt, die man wieder- oder weiterverwerten kann", berichtet der Baumaterialhändler. Seine Sammelleidenschaft hat dazu geführt, dass er mittlerweile eine lange Liste mit Bauprojekten vorweisen kann, für die er historische Baustoffe beschafft hat. Er selbst spricht vom "Bergen" der Materialien, wenn er seine Arbeit benennt. Denn oftmals kommen die Baustoffe unter Schichten von Teppich, Tapete, Asphalt oder Mauerwerk zutage.

Historische Baustoffe Peter Rieger
Alte Holzbalken und mehr: Auf einer Fläche von über 8.000 Quadratmetern lagert Peter Rieger Baumaterial, das er sorgfältig bei Abbrüchen ausgebaut hat. - © Rieger

Doch genau diese Baustoffe sind es, die bei einem Wiederaufbau eines denkmalgeschützten Gebäudes oder bei Reparaturarbeiten von altem Straßenpflaster in Altstädten gesucht werden. Zahlreiche Innenstädte in Baden-Württemberg und auch darüber hinaus, Museen, Klöster und viele Hotels sind auf seiner Referenzliste aufgeführt, die er gerne zeigt. So hat er das Altstadtpflaster von Freiburg schon mehrmals ausgebessert. Über jedes Bauprojekt könnte er Geschichten erzählen – sowohl über den Ausbau des Materials als auch darüber, wann und wo es dann wieder eingesetzt wurde. Zwar gehören auch Privatgebäude dazu – vor allem Villen und alte Bauernhäuser, die originalgetreu erhalten werden sollen. Doch über die Details schweigt der Unternehmer – aus Datenschutzgründen.

Kreislaufwirtschaft und Baustoffrecycling gewinnen wieder mehr an Bedeutung

Peter Rieger ist kein Typ, der per WhatsApp schreibt oder über Social Media bekannt ist. Er telefoniert viel und ist vor allem gern im direkten Kontakt. "Ich habe ein riesengroßes Netzwerk, eine gute Menschenkenntnis und mich kennt man in der Abbruchbranche", sagt er. Trotz einer Arbeitsweise, die der Digitalisierung ein wenig skeptisch gegenübersteht, ist Peter Rieger mit seiner konsequenten Umsetzung der Kreislaufwirtschaft derzeit plötzlich wieder hochmodern. "War es lange Zeit so, dass ich hin und wieder belächelt wurde, weil ich auch viele kleine Einzelteile aus Abbruchhäusern bewahrt habe. So werde ich von jungen Leuten dafür heute gelobt", sagt er.

Es sind eben nicht nur große Flächen an altem Fischgrätenparkett oder ganze Dächer mit Biberschwanzziegeln, die er aus seinem Lager beliefern kann. Es sind auch einzelne Treppenstufen aus Holz, Türklinken, Fliesen oder Möbelstücke, die er anbietet. Und diese sind in der jüngeren Generation gefragt, bei der Nachhaltigkeit, der Kreislaufgedanke und das Wieder- und Weiternutzen von Ressourcen eine große Rolle spielen.

Historische Baustoffe: Ausbau mit Fingerspitzengefühl

Erkannt hat das auch die Universität Karlsruhe, mit der Peter Rieger immer wieder zusammenarbeitet. "Es kommen immer wieder Studenten – meistens aus dem Bereich der Architektur –, die sich für die Baustoffe interessieren und auch dafür, wie man mit ihnen umgeht, um sie zu erhalten und erneut zu nutzen", berichtet Rieger.

Für den Abbau hat er seine ganz eigenen Methoden und Arbeitsweisen entwickelt. "Es soll ja so viel wie möglich erhalten bleiben. Wenn Baustoffe viele Jahrzehnte irgendwo fest verbaut waren, ist es oftmals eine große Herausforderung, sie wieder abzubauen", berichtet er. Den Ein- oder Aufbau seiner Baustoffe übernimmt er wiederum nie selbst. "Ich kenne viele Handwerksbetriebe und vermittle deshalb auch oft den ein oder anderen Auftrag. Mein Geschäft ist aber das Aus- und Abbauen, das Lagern und Erhalten der Baustoffe."

Historische Baustoffe Peter Rieger
Kreislaufwirtschaft vom Feinstern: Ob Stein, Metall oder Holz – Peter Rieger bringt all dieser historischen Baustoffe erneut zum Einsatz. - © Rieger