Drei Jahre ohne Wachstum, steigende Sozialabgaben, erdrückende Bürokratie: Beim Spitzengespräch auf der Internationalen Handwerksmesse fordern die vier großen Wirtschaftsverbände 2026 als Jahr der Reformen. Was in ihrem Sieben-Punkte-Papier steht – und warum selbst der Kanzler sagt, es bleibe nicht viel Zeit.

"Die Hütte brennt an vielen Stellen." Mit diesen Worten beschrieb der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich, auf der Internationalen Handwerksmesse in München den Zustand vieler Unternehmen. Der Satz steht sinnbildlich für die Stimmung, die das Spitzengespräch der Deutschen Wirtschaft mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) prägte: Die Geduld des Mittelstands ist am Ende.
Am Freitag trafen die Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) den Kanzler in München. Merz setzte damit die Tradition seiner Vorgänger fort, der Handwerksmesse in München einen Besuch abzustatten und die Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft zu treffen.
Merz selbst unzufrieden
In deren gemeinsamem Forderungspapier heißt es: "Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter Druck wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte." Nach drei Jahren ohne Wachstum steuere die Wirtschaft "auf einen Kipppunkt" zu. Die Maßnahmen der Regierung reichten "bei weitem nicht aus". Die zentrale Forderung: "2026 muss zum Jahr der Reformen werden."
Merz sprach seinerseits von "gewaltigen Herausforderungen". Zwar nehme die Konjunktur langsam wieder Fahrt auf, aber das sei nur ein kleiner Trost. "Wir sind nicht zufrieden", sagte der Bundeskanzler. Vor allem bei den Arbeitskosten müsse die Wirtschaft entlastet werden. Die Beiträge zur Sozialversicherung müssten spürbar sinken. Die Arbeitslosigkeit von mehr als drei Millionen Menschen bezeichnete er als "inakzeptabel hohe Zahl".
"Ich verliere gerade wirklich die Geduld"
Besonders deutlich wurde BDA-Präsident Rainer Dulger. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal "t-online" am Tag vor dem Treffen mit Merz hatte er gesagt: "Ich verliere gerade wirklich die Geduld." Im betrieblichen Alltag sei ihm noch nicht viel begegnet, was die Lage substanziell verbessere, so der Arbeitgeberpräsident. Seit 2019 stagniere die Wirtschaft, das Kabinett beschäftige sich "mit den falschen Vorhaben".
Zwar stünden alle Wirtschaftsvertreter Merz "wohlwollend gegenüber". "Er ist der Kanzler, der unser Land reformieren kann. Doch gerade kommt da einfach zu wenig." Teilweise gehe es sogar in die falsche Richtung, etwa wenn durch das Tariftreuegesetz neue Bürokratie aufgebaut werde. Dulgers Warnung: "Der Frust ist da – und wenn sich nichts tut, wird er sich in den nächsten Monaten auch entladen." Merz nahm die Kritik Dulgers beim Zusammentreffen in München auf: "Ich teile die Einschätzung, dass wir nicht viel Zeit haben."
Bürokratie als Investitionshemmnis
ZDH-Präsident Dittrich nutzte den Kongress "Zukunft Handwerk" für eine scharfe Standortbestimmung. Die bürokratische Last sei eines der größten Investitionshemmnisse für das Handwerk. "Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb", sagte Dittrich und forderte die Regierung auf, diesen Korb nun zügig mit überflüssigen Dokumentations- und Berichtspflichten zu füllen. Entlastung müsse in den Werkstätten und Büros spürbar ankommen.
Die Diskussion um eine höhere Erbschaftsteuer gehe an der Realität der Familienbetriebe vorbei, so Dittrich. Wer hier die Steuerschraube anziehe, entziehe den Betrieben die Liquidität für Investitionen und gefährde die Unternehmensnachfolge. Auch das gemeinsame Forderungspapier der Spitzenverbände stützt diese Position: Eine höhere Substanzbesteuerung über die Erbschaftsteuer sei "der absolut falsche Weg".
Reform der Sozialversicherung angemahnt
Das Forderungspapier benennt sieben Handlungsfelder. An erster Stelle steht die Reform der Sozialversicherung. Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag steige "rasant und ungebremst". Die Verbände fordern eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, die Abschaffung von Frühverrentungsanreizen und die vollständige Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen.
Beim Thema Steuern bezeichneten die Verbände Deutschland als "Hochsteuerland". Die geplante Senkung der Körperschaftsteuer solle vorgezogen, der Einkommensteuertarif gleichzeitig angepasst werden – "denn für die Mehrheit der deutschen Unternehmen ist die Einkommensteuer die Unternehmensteuer". Laut ZDH sind drei von vier Handwerksbetrieben Personenunternehmen, die über die Einkommensteuer besteuert werden.
Beim Bürokratieabbau verfolge die Regierung zwar "den richtigen Weg", doch statt bis Ende 2026 lediglich zu prüfen, sollten bis dahin "bereits mindestens die Hälfte der angestrebten Zielmarken geschafft sein". Zudem forderten die Verbände wettbewerbsfähige Energiekosten, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie die rasche Umsetzung der Handelsabkommen mit Mercosur und Indien.
Reiche und Söder stützen Forderungen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) griff die Sorgen des Handwerks beim Kongress "Zukunft Handwerk" auf und verband sie mit einer Analyse der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland verliere an Boden, weil das Arbeitsvolumen über das Jahr gesehen zu gering sei. "Wir müssen das Gesamtvolumen an geleisteten Arbeitsstunden nach oben bringen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden", so Reiche. Sie kündigte konkrete Schritte zum Bürokratieabbau an, etwa den Wegfall der Pflicht zur Bestellung eines Sicherheitsbeauftragten für Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten. Zudem stellte sie gesetzliche Verbesserungen beim Mutterschutz für selbstständige Meisterinnen in Aussicht.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte eine Rückbesinnung auf das Leistungsprinzip: "Wer arbeitet, muss mehr haben, als der, der nicht arbeitet." Bei Genehmigungsverfahren verlangte er ein Umdenken und kritisierte Blockaden durch unverhältnismäßige Artenschutzgutachten.
Bedeutende Wirtschaftsmacht
Hinter den Forderungen steht ein Wirtschaftszweig von erheblichem Gewicht. Laut ZDH beschäftigt das Handwerk rund 5,6 Millionen Menschen in über einer Million Betrieben und erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von rund 770,7 Milliarden Euro – mehr als Mercedes, BMW und Volkswagen zusammen. Mit 342.092 Auszubildenden stellt es 28,2 Prozent aller Lehrlinge. Gleichzeitig suchen laut ZDH mindestens 125.000 Betriebe in den nächsten fünf Jahren einen Nachfolger.