100 Jahre Textilkunst Vom DDR-Lehrberuf zur letzten Werkstatt ihrer Art in Thüringen

Altartücher, Stolen, gewebte Wandbilder – Christiane Möller fertigt textile Kunst, die es so nur noch in elf Werkstätten in Deutschland gibt. Mit der Übernahme der Paramentenwerkstatt Eisenach hauchte sie einer sterbenden Handwerkskunst neues Leben ein. Ihr Weg: Sie öffnete sich für neue Kundenkreise.

Präsident Mike Kämmer und Christiane Möller
Zum 100-jährigen Bestehen der Paramentenwerkstatt in Eisenach überbrachte Präsident Mike Kämmer die Ehrenurkunde der Handwerkskammer Südthüringen an Christiane Möller. - © HWK Südthüringen

Beim Betreten der kleinen Werkstatt von Christiane Möller ziehen sofort der Webstuhl, das Spinnrad und Berge von Stoffen und Wolle den Besucher in den Bann. Gewebte Wandbilder in leuchtenden Farben, Stickereien und textile Handarbeiten laden zum Betrachten ein. Die farbenfrohen, kunstvoll gearbeiteten und detailreichen Stücke stammen von Christiane Möller. Sie ist ausgebildete Paramentikerin und Textilkünstlerin in der Paramentenwerkstatt in Eisenach.

Der Begriff "Paramente" beschreibt kunstvoll gestaltete und verzierte Textilien für den kirchlichen Bereich, beispielsweise Altartücher oder Stolen für Pfarrerinnen und Pfarrer, wie Christiane Möller erklärt. Ihr Kundenkreis beschränkt sich jedoch nicht auf kirchliche Auftraggeber. Seit einigen Jahren fertigt sie auch Wandbehänge für private Kunden an, die sich textile Kunst nach eigenen Entwürfen wünschen. Manche Arbeiten verkauft sie direkt in ihrer Werkstatt an Menschen, die zufällig vorbeikommen, einen Blick hineinwerfen und sofort von einem Stück "fasziniert" sind.

Textilkunst in der Wartburgstadt

Christiane Möllers Werkstatt befindet sich in einem Ladenlokal in der Eisenacher Marienstraße. Sie zog im Dezember 2022 dort ein und machte mit diesem Schritt das Handwerk der Paramentik und Textilkunst in der Wartburgstadt sichtbar, das es dort schon seit 100 Jahren gibt.

Bereits 1926 wurde die Paramentenwerkstatt von der Evangelischen Landeskirche Thüringens im Diakonissen-Mutterhaus in Eisenach angesiedelt. Zu DDR-Zeiten war es möglich, eine kirchliche Ausbildung zur Paramentikerin zu machen. Christiane Möllers Vater, der in kirchlichen Kreisen engagiert war, kannte die Paramentenwerkstatt und gab den Anstoß für seine Tochter, die sich schon seit Kindheitstagen für Handarbeiten begeistern konnte. "Ich schloss als Jahrgangsbeste meine Schullaufbahn ab", blickt Christiane Möller, die in Zella-Mehlis aufwuchs, zurück. Gute Voraussetzungen, um einen gymnasialen Abschluss und ein Studium zu machen. Doch die Nähe zur Kirche machte das im DDR-Regime unmöglich. So begann sie 1981 ihre dreijährige Lehrzeit und erlernte neben dem kunstvollen Sticken, Weben und Spinnen auch Wissen über Farb- und Formenge­staltung, Färbekunst, Baustilkunde, Kalligrafie und Theologie.

Sprung in die Selbständigkeit

Diverse Textilarbeiten
Längst zählen nicht mehr nur kirchliche Auftraggeber zu ihrem Kundenstamm, sondern auch Privatleute, die sich kunstvolle Auftragsarbeiten von der Textilkünstlerin wünschen. - © HWK Südthüringen

Als Ende der achtziger Jahre ihre Kinder geboren wurden, kümmerte sich Christiane Möller zu Hause um ihre Söhne. Sobald es ihre Zeit zuließ, webte sie daheim. Von diesen Stücken profitiert sie bis heute. Sie zeigt sie in Ausstellungen und in ihrer Werkstatt.

Als 2006 die Entscheidung der damaligen Geschäftsführung des Diakonissenhauses in Eisenach getroffen wurde, dass die Paramentenwerkstatt finanziell nicht länger tragbar sei, führten zwei von Christiane Möllers früheren Ausbilderinnen die Arbeit selbständig fort. Sie selbst wohnte aufgrund der Berufstätigkeit ihres Mannes mit ihm zu der Zeit in Bayern. Der Kontakt nach Eisenach riss jedoch nie ab. 2018 zogen sich ihre Ausbilderinnen aus Altersgründen zurück. Christiane Möller wagte den Schritt in die Selbständigkeit und übernahm die Werkstatt. Doch die Auftragslage war zunächst nur mäßig, Kunden blieben aus. "Anfangs habe ich Textilaufträge von Bekannten angenommen, war auf jedem Kunsthandwerkermarkt in der Umgebung. Es war schon sehr mühsam", gesteht sie rückblickend. Nach der Corona-Zeit trifft die Textilkünstlerin zwei Entscheidungen, die schließlich den Aufschwung bringen: Sie zieht mit der Paramentenwerkstatt in die Eisenacher Innenstadt und sie erweitert ihr Angebot, bietet Workshops an. Mittlerweile ist ihr Auftragsbuch für die kommenden zwei Jahre gefüllt.

Handwerk mit ungewisser Zukunft

Elf Paramentenwerkstätten gibt es noch in Deutschland, wie Christiane Möller berichtet, die älteste davon im fränkischen Neuendettelsau. Wie es langfristig um die Zukunft der Paramentenwerkstatt Eisenach steht, kann Christiane Möller nicht sagen. Der Beruf der Paramentikerin ist nicht mehr in der Handwerksrolle als Handwerksberuf verzeichnet. In dem Beruf ausbilden darf sie nicht. Sie befürchtet, dass – sollte sie eines Tages in den Ruhestand gehen – sie ihre Werkstatt ohne Nachfolgerin zuschließen muss. Doch daran denkt sie noch nicht und freut sich zunächst über ihre eigene Ausstellung in Eisenach zum Jubiläumsjahr, in dem auch ein Kalender mit ihren Arbeiten erscheinen wird. Zum 100-jährigen Bestehen eröffnet Christiane Möller am 04.06.2026 um 17 Uhr eine Ausstellung im Foyer der Wartburg-Sparkasse in Eisenach, die ihre Arbeiten zeigt.