Zwei Spiegel, ein Friseurstuhl, keine Haarwäsche – trotz provisorischer Einrichtung verändert jeder Haarschnitt etwas. In der Stuttgarter Vesperkirche schneidet Friseurweltmeister Bernd Heier ehrenamtlich bis zu 20 Bedürftigen am Tag die Haare. Warum er dafür seinen Bürotag opfert und was sein Handwerk an diesem Ort bewirkt.

Wer kein festes Zuhause hat, nicht weiß, wann es die nächste warme Mahlzeit gibt, und dazu vielleicht noch in einer großen Lebenskrise steckt, für den sind Aktionen wie die Stuttgarter Vesperkirche ein Lichtblick in der Dunkelheit. Hier finden Personen, die wenig haben, was sie zum Leben brauchen – ob Essen, medizinische Versorgung, Berufsberatung oder Begegnungen mit Menschen, die ihnen zuhören und für sie da sind. Einer dieser Menschen ist Friseurmeister Bernd Heier: "Die Vesperkirche ist ein Ort der Begegnung, der Freude – und das unter dem Dach Gottes. Die Kirche ist für jeden da", erzählt der Handwerker aus Stuttgart, der an zwei Tagen ehrenamtlich Bedürftigen bei der Aktion in der Leonhardskirche die Haare schneidet. Eine Arbeit, die das Lebensgefühl der Menschen wieder erhöht und ihn sehr erfüllt.
Die Leute lachen wieder
Der provisorisch in der Kirche eingerichtete Friseursalon ist nicht zu übersehen. Schon am Morgen warten zahlreiche Menschen mit Ungeduld und viel Vorfreude auf ihren Haarschnitt. Obwohl minimalistisch eingerichtet – es gibt nur zwei Spiegel, einen Friseurstuhl und die Arbeitsausstattung des Friseurweltmeisters von 2024 –, bekommt die Kundschaft sofort das Gefühl eines echten Friseurbesuchs. "Außer Haarewaschen können wir hier alles machen", betont Heier. Noch bevor die Menschen den kleinen Friseursalon betreten, werden sie von ihm herzlich begrüßt. Neben seiner Handwerkskunst zaubern vor allem die Gespräche auf Augenhöhe den Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Man sieht es sofort: Mit jedem Schnitt und jedem netten Wort steigen ihr Wohlbefinden und Selbstvertrauen.
Willkommene Abwechslung

Wer in die Vesperkirche kommt, hat es im Leben oft schwer und mit Herausforderungen und Schicksalsschlägen zu kämpfen. Der Friseurbesuch sei da eine willkommene Abwechslung mit großem Effekt: "Man muss sich einfach mal selbst fragen, wie man sich mit frisch geschnittenen Haaren fühlt. Und wenn das dann auch noch ein Profi macht, der dich liebevoll und gut behandelt, dann gibt es eine Drehung um 180 Grad. Die Leute lachen wieder." Zwar seien die Haare nicht perfekt geschnitten, aber das Ergebnis sei ansehnlich und den Menschen werde Aufmerksamkeit geschenkt. Bernd Heier nimmt bei den Menschen einen immensen Redebedarf wahr, denn im Alltag werde oft nicht mehr richtig zugehört und generell weniger miteinander gesprochen. "Ich erfahre sehr viel über die Personen – ob Erbschaft, Tod, Scheidung, Hass oder Liebe. Für viele Menschen ist der Friseur die Person, der man temporär alle Sorgen anvertrauen kann und wo man weiß, dass die Infos nicht weitergesagt werden."
Bis zu 40 Frisuren am Tag
Die Anzahl der Kundinnen und Kunden, die der Friseur an einem Arbeitstag in der Vesperkirche bedienen kann, variiert: "Wenn wir zu zweit sind, schaffen wir 40 Leute am Tag. Das Ziel für mich heute sind mindestens 20 Haarschnitte." Und morgen geht es für ihn dann direkt wieder regulär weiter im Geschäft in Stuttgart-Weilimdorf. Dass Bernd Heier an einem Montag Zeit für ehrenamtliches Engagement hat, ist nicht selbstverständlich. Für den Inhaber eines Friseurbetriebs ist der Montag kein freier Tag, normalerweise würde heute Büroarbeit anstehen. Doch die wertschätzenden Begegnungen und Reaktionen für das, was er durch sein soziales Engagement für die Gemeinschaft leistet, sind ihm Lohn genug: "Es ist einfach schön, jemandem etwas abzugeben, der weniger hat – für mich ist Teilen doppelte Freude. Wenn ich mit meiner handwerklichen Dienstleistung ein bisschen Freude schenken kann, ist das für mich doppelt so viel wert wie Geld."
Große Wertschätzung
Verschiedene Ereignisse haben Bernd Heier zu seinem Engagement in der Vesperkirche geführt. Bereits 2018 wurde er für sein Projekt "Dem Haarschnitt für Obdachlose" für die Auszeichnung "Goldener Bulli" nominiert. "Ich habe Personen geholfen, die sich einen Friseurbesuch nicht leisten können, doch ich wollte noch mehr Menschen erreichen." Dann stellte eine Kundin den Kontakt zu Pfarrerin Gabriele Ehrmann her – so startete sein mittlerweile langjähriges Engagement. Heute würde Bernd Heier am liebsten dauerhaft bedürftigen Menschen die Haare schneiden. "Ich würde das Vollzeit machen, kostenlos, denn die Arbeit erfüllt mich sehr. Hier bekomme ich eine ganz andere Wertschätzung als im Friseursalon, obwohl es dort auch sehr schön ist."
Aus Sicht von Bernd Heier ist der Friseurberuf ideal für soziales Engagement geeignet: "Als Friseur kann ich auch ohne Material viel leisten. Ich erschaffe etwas mit dem, was du auf dem Kopf hast." Und: Das Handwerk könne an jedem Ort auf der Welt ausgeübt werden. Wer wie Bernd Heier eine soziale Ader hat und etwas weitergeben möchte, dem empfiehlt er, sich zu informieren: etwa in der Kirche, bei Ehrenamtsbörsen oder bei der Kammer.
Alles Wichtige zur Vesperkirche
Die Vesperkirche ist ein Hilfsangebot des Diakoniepfarramtes/Kirchenkreises Stuttgart und findet bereits zum 32. Mal in der Leonhardskirche statt. Sieben Wochen lang von Januar bis März bietet sie neben einem warmen Ort, kostenloser Verpflegung mit Getränken, warmen Mahlzeiten und Care-Paketen auch Seelsorge durch haupt- und ehrenamtliche Diakone sowie kulturelle Darbietungen an. An bestimmten Tagen können Dienstleistungen wie Haareschneiden wahrgenommen werden.