Filmkritik zu "Meine Frau weint" Berlinale: Gewinnt dieser Handwerker-Film den Goldenen Bären?

Die 76. Berlinale läuft auf Hochtouren und zeichnet am Samstag traditionell den Sieger ihres Wettbewerbs mit dem Goldenen Bären aus. Auch das sperrige Kranführer-Drama "Meine Frau weint" darf sich Hoffnungen auf die prestigeträchtige Trophäe machen – obwohl der Film nicht bei allen gut ankam.

Goldener Bär Berlinale
Echte Handarbeit: Ihre berühmten Bären gibt die Berlinale seit 1951 bei der traditionsreichen Bildgießerei Hermann Noack in Auftrag. - © Dirk Michael Deckbar/Berlinale

Die Goldenen und Silbernen Bären, die bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin schon seit der Erstausgabe von 1951 für die besten Filme und Leistungen der Filmschaffenden vergeben werden, entstehen nicht etwa in industrieller Massenfertigung, sondern in echter Handarbeit: Die über 125 Jahre alte Bildgießerei Hermann Noack aus Charlottenburg ist in der Handwerksrolle der Berliner HWK eingetragen und gestaltet die begehrten Skulpturen in einem hochspezialisierten Verfahren. Während das Handwerk damit im Vorfeld und hinter den Kulissen seit vielen Jahrzehnten eine gewichtige Rolle bei der Preisverleihung des Festivals spielt, sucht man filmische Geschichten über Handwerkerinnen und Handwerker in seinem Wettbewerb häufig vergebens.

In diesem Jahr ist das erfreulicherweise anders: Bei der Berlinale 2026, deren Internationaler Jury der renommierte Regisseur Wim Wenders vorsitzt, haben es nach längerer Durststrecke gleich vier deutsche Beiträge in den Wettbewerb um die berühmten Bären geschafft. Und in einem dieser Filme spielt ein Handwerker eine sehr zentrale Rolle: Regisseurin und Drehbuchautorin Angela Schanelec erzählt in ihrem asketisch arrangierten Arthouse-Drama "Meine Frau weint" vom Schicksal eines Berliner Kranführers, den ein Geständnis seiner Frau nachhaltig aus der Bahn wirft. Fernab der Festival-Screenings wird Schanelecs Film wohl nur ein kleines Publikum erreichen, darf sich im Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären aber Außenseiterchancen ausrechnen.

So viel Handwerk steckt im Film

Schanelec erzählt die Geschichte des 40-jährigen Kranführers Thomas (Vladimir Vulevic), den bei seiner Arbeit auf einer Berliner Großbaustelle ein Anruf von seiner Frau Carla (Agathe Bonitzer) erreicht: Sie teilt ihm aufgelöst mit, er solle sie umgehend im Krankenhaus abholen. Irritiert und besorgt trifft Thomas seine Gattin weinend vor der Klinik an und erfährt, dass sie einen Autounfall hatte, den sie aber unverletzt überlebt hat. Für den Mann, der neben ihr im Wagen saß, gilt das nicht: Carla wollte sich mit ihrem deutlich jüngeren Tanzpartner, den sie in den letzten Monaten besser kennengelernt hatte, ein Haus auf dem Land anschauen. Thomas kann mit Carlas Ehrlichkeit nur schwer umgehen und zieht sich mehr und mehr von ihr zurück…

Dass Protagonist Thomas gelernter Baugeräteführer ist, zeigt sich im Film in erster Linie durch seine Kleidung und einen der wichtigsten Orte des Geschehens: Die erste Filmhälfte über trägt Thomas konsequent die Arbeitsmontur, in der er im Kran seinem Tagesgeschäft nachgeht. In sein Führerhaus nimmt uns die Kamera allerdings nicht mit – wir blicken lediglich vom Boden zu Thomas hinauf und dürfen für eine halbe Minute auch mal seine Perspektive einnehmen, als er von oben auf die Baustelle hinabschaut. Das Treiben der anderen Bauarbeiter zeigt der Film meist aus großer Distanz: Thomas‘ Kolleginnen im Büro blicken regelmäßig durch die Scheiben des angrenzenden Gebäudes hinüber, betreten die Baustelle aber nie. Mittendrin im Geschehen sind wir erst und ausgerechnet dann, als der Bautrupp mal gemeinsam Mittagspause macht: Ein Handwerker hat Geburtstag und erhält vom Rest der Truppe ein ebenso spontanes wie herzliches Ständchen.

Kranführer Thomas (Vladimir Vulevic)
Kranführer Thomas (Vladimir Vulevic) muss einen Schock verdauen: Seine Frau hat ihn soeben aus dem Krankenhaus angerufen. - © Blue Monticola Film

Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache

Der Pressetext der Berlinale preist "Meine Frau weint" als "Film über die Herausforderung, die Leben bedeutet, und über die Suche einer gemeinsamen Sprache" an. Das trifft zweifellos zu, doch nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer – insbesondere die, die noch nie ein Werk der zur "Berliner Schule" zählenden Regisseurin geschaut haben – dürften auch (vergeblich) nach einem Zugang zu dem suchen, was sie da gut 90 Minuten auf der Leinwand miterleben. Mutet Schanelecs Film zu Beginn noch wie ein klassisches Beziehungsdrama mit einer reumütigen Auftaktbeichte an, verliert sich das Drehbuch in der zweiten Filmhälfte zunehmend in bruchstückhaften Debatten und selbstreflexiven Monologen, die keiner festen Dramaturgie folgen. So berichtet Thomas etwa seinen andächtig lauschenden Freunden vom üppigen Schamhaarwuchs seiner Ex-Freundin, während Carla im Café still ein Buch liest oder in Seelenruhe ein Hähnchen auf ihrem Teller seziert.

Angela Schanelecs Filme sind oft schwere Kost und brechen mit vielem, was unsere Sehgewohnheiten seit Jahrzehnten geprägt hat. Die Professorin und Filmemacherin, die bei der Berlinale 2018 einen Silbernen Bären für die Regie bei "Ich war zuhause, aber…" und bei der Berlinale 2023 den Silbernen Bären für das Drehbuch zu "Music" erhielt, setzt in ihren asketisch anmutenden Werken auf radikale Entschleunigung, fragmentierte Handlungsfäden und statische Bildkompositionen, bei denen sich die Kamera oft minutenlang nicht bewegt. "Meine Frau weint" ist genau diese Art Film und nimmt dadurch fast zwangsläufig einen gewissen Verschreckungsfaktor in Kauf: Bei der Pressevorführung vor der Gala-Premiere verließen nicht wenige Vertreter der Weltpresse vorzeitig den Saal, auch Applaus gab es diesmal nur spärlich.

Der Mut zur Lücke

Die erzählerischen Leerstellen, die die grobkörnig eingefangenen und oft dokumentarisch schlichten 4:3-Bilder in unseren Köpfen hinterlassen, müssen wir in dem nahezu musikfreien Film selbst schließen. Das Seelenleben der Figuren erforschen wir nicht nur durch die häufig im Präteritum formulierten, seltsam aufgesagt klingenden Sätze des dialoglastigen Drehbuchs, sondern auch durch das, was wir mit wechselndem Fokus – erst steht Thomas im Mittelpunkt, dann Carla, dann wieder der Kranführer – an ihnen beobachten. Da wird schon mal drei Minuten lang ein irritierender Gruppentanz zu Leonard Cohens "Lover Lover Lover" aufgeführt und vogelartig mit den Armen gewedelt – was für die einen faszinierende Performance-Kunst sein mag, wirkt auf andere wohl eher wie eine Theater-AG.

Ob der minimalistisch arrangierte Film bei der Bären-Vergabe ein Wörtchen mitzureden hat, klärt sich am Samstagabend (21. Februar): "Meine Frau weint" tritt in der wichtigsten Festivalsektion gegen stolze 21 Konkurrenten aus aller Welt an – etwa gegen den wilden Babyhorror-Crowdpleaser "Nightborn" mit "Harry Potter"-Star Rupert Grint, das mit Sandra Hüller sensationell gut besetzte Schwarz-Weiß-Drama "Rose" oder den fiebrigen australischen Outback-Western "Wolfram". Die vergangenen Festivalausgaben haben gezeigt, dass die Internationale Jury bei ihrer Entscheidung durchaus für Überraschungen gut ist und nicht immer den Geschmack des Feuilletons trifft – doch allein die Tatsache, dass es endlich einmal ein Film über einen Handwerker auf die größte aller deutschen Kinobühnen geschafft hat, ist eine sehr erfreuliche Momentaufnahme.