Iryna Mekheda musste in Deutschland alles beweisen, was sie in der Ukraine längst erreicht hatte. Eine Geschichte über verlorene Anerkennung, neue Spielregeln und die Kunst, noch einmal von vorn zu beginnen.

Mittwoch, 9 Uhr, Friseursalon Hahonico in der Würzburger Zellerau. Die erste Kundin wartet bereits. Inhaberin Iryna Mekheda bringt Kaffee, ihr schwarzer Kittel erinnert an einen Kimono – passend zum japanischen Konzept des Salons. Heute läuft der Laden. Doch der Weg hierher war alles andere als selbstverständlich.
Gemeinsam mit der Kundin geht sie in den Waschbereich: zwei schwarze Kopfwaschbecken, gedämpftes Licht. An der Wand hängen Zertifikate, zuletzt aus Riga: komplexe Färbetechniken. "In der Ukraine hatte ich Dutzende solcher Nachweise", sagt Iryna. "Ich war auch zur Weiterbildung in Japan – daher kommt unser japanisches Konzept."
Die Kundin an diesem Morgen heißt Elina Krüger. Sie kommt seit zwei Jahren, auf Empfehlung einer Freundin. Manche Kundinnen nehmen 50 Kilometer Fahrt auf sich. "Unsere Behandlungen sind etwas teurer, aber unsere Kundschaft weiß, warum", sagt Iryna. Und die Nachfrage bestätigt es.
In den letzten Wochen blieb Iryna oft bis 20 Uhr im Salon, obwohl offiziell um 19 Uhr geschlossen wird. "In der Ukraine war das anders", erzählt sie. Damals arbeitete sie nur zwei bis drei Tage pro Woche im Salon. Den Rest der Zeit widmete sie der Weiterbildung ihres Teams und der strategischen Entwicklung ihres Geschäfts. Hier in Deutschland sei das derzeit nicht möglich. "Wenn ich weniger arbeite, kann ich meine Rechnungen nicht bezahlen." Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind spürbar: Allein 2024 meldeten 232 Friseursalons Insolvenz – 14,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch Iryna bleibt optimistisch. "Es gibt hier klare Regeln", sagt sie überzeugt. "Wer sie kennt und beachtet, kann langfristig etwas aufbauen."
2 Salons, 30 Mitarbeitende – und dann bei null
Der Schnitt sitzt, die Locken fallen leicht. Elina ist zufrieden: Sie fühlt sich gehört, ernst genommen und immer professionell beraten. Strahlend bezahlt sie, während Iryna bereits an der Rezeption den nächsten Termin vereinbart. In Odessa war Irynas Alltag ganz anders: zwei Salons mit rund 30 Mitarbeitenden, Managern und Administratoren. Ihren ersten Salon eröffnete sie nach dem Studium im Bankwesen. Ihre Eltern hatten sich eine Karriere in der Wirtschaft für sie gewünscht. Doch die Leidenschaft für Haare setzte sich durch. Schon während des Studiums begann sie ihre Friseurausbildung und arbeitete nach den Vorlesungen im Salon. Das Finanzwissen half ihr später beim Aufbau des eigenen Unternehmens.
Trotz Erfahrung, Erfolg und internationaler Weiterbildung war der Weg zum eigenen Salon in Deutschland steinig: Bürokratie, Sprachbarriere, andere Vorstellungen vom Beruf. "Als mir klar wurde, dass meine Erfahrung hier ohne formale Anerkennung nichts wert ist, war das ein innerer Wendepunkt", sagt sie. "Entweder zerbricht man oder akzeptiert die Spielregeln." Die Anerkennung ihrer Ausbildungszertifikate verlief nicht reibungslos. In Deutschland gilt der Friseurberuf als Handwerk – mit festen Zeitvorgaben pro Dienstleistung. "In der Ukraine ist Frisieren Kunst. Das Ergebnis zählt, nicht die Zeit", so Iryna.
Eine Kollegin, die ehemalige Inhaberin des Salons, bereitete sie gezielt auf die Prüfungen vor. Der praktische Teil war machbar, der theoretische scheiterte zunächst an der Sprache. "Ich wollte nicht warten, bis mein Deutsch perfekt ist", erklärt die Friseurin. "Ich wollte arbeiten und habe mich parallel zu dem Integrationskurs mit dem Anerkennungsverfahren beschäftigt. Nicht zu arbeiten war für mich nie eine Option."
Kaum Zeit zum Durchatmen. Die nächste Kundin ist da. Marina, Irynas Angestellte, ist inzwischen im Salon. Sie stammt aus Charkiw, floh nach Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Auch sie musste neu anfangen. Während Marina Strähne für Strähne die Haare ihrer Kundin färbt, entstehen Gespräche, Nähe und Vertrauen. "Manchmal werden Kundinnen fast zu Freunden", sagt Iryna.
In Würzburg arbeiten sie zu dritt. Petra, die deutsche Kollegin, verfügt über den Friseurmeistertitel. So war es überhaupt möglich für Iryna, den Friseursalon zu eröffnen. Petra steht schon kurz vor der Rente. Dank ihr hat Iryna auch einen Teil des langjährigen Kundenstamms mit dem Salon übernommen. Eine von ihnen ist Frau Edith G., seit 30 Jahren Stammkundin. "Ich wohne nur zwei Häuser weiter, alle sind so nett hier", sagt sie und zückt ihren Papierkalender. Der nächste Termin steht.
Unterstützung von den Behörden annehmen und nach vorne schauen
Im Januar feierte Irynas Salon sein zweijähriges Bestehen. "Es war ein langer Weg", betont sie. "Aber ich bin ihn Schritt für Schritt gegangen: ohne Illusionen und mit klarem Ziel." Unterstützt wurde die ukrainische Friseurin von der Agentur für Arbeit: Sie erhielt Beratung für Gründerinnen und musste die Tragfähigkeit ihres Geschäfts mit einem detaillierten Businessplan nachweisen.
"Der Anfang war schmerzhaft für mein Selbstwertgefühl", erzählt sie. "Plötzlich war ich niemand im System." Gleichzeitig sei es eine Prüfung gewesen: "Bin ich eine echte Unternehmerin oder nur unter guten Bedingungen?" Heute kennt sie die Antwort. Zurückgelassen hat sie in der Ukraine vieles: ihr Team, die Größe ihres Unternehmens, Stabilität und ihre Heimat. Mitgenommen hat sie ihre Erfahrung, ihren Charakter, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Leidenschaft.
Zum Abschied richtet sie sich an alle, die ebenfalls neu anfangen müssen: "Vergleichen Sie sich nicht mit Ihrem früheren Leben. Geben Sie sich Zeit und denken Sie daran: Wenn Sie einmal etwas aufgebaut haben, können Sie es auch ein zweites Mal."
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.
