Legasthenie, Autismus, Prüfungsangst – in der regulären Lehre stoßen manche Jugendliche an ihre Grenzen. Die Schreinerinnung München zeigt mit dem Fachpraktiker für Holzverarbeitung, wie ein dreijähriger Ausbildungsberuf mit weniger Theorie und intensiver Betreuung funktioniert. 80 bis 90 Prozent der Absolventen finden danach eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Mateo schleift ein Holzstück im Scheckkartenformat glatt. Dutzende dieser Quader liegen auf den Werkbänken der Ausbildungswerkstatt der Schreinerinnung München. Neben Mateo schleift, bohrt und klebt eine ganze Gruppe Jugendlicher an diesen Holzplättchen herum; Vorbereitungen für den nächsten Messeauftritt der Schreinerinnung. Die Holzplättchen werden Namensschilder, die Messebesucher für sich personalisieren dürfen, derweil ihnen die Azubis die Besonderheiten ihrer Ausbildung bei der Schreinerinnung erklären – Berufsorientierung zum Anfassen.
Weniger Theorie für gute Praktiker
"Fachpraktiker für Holzverarbeitung" heißt der dreijährige Ausbildungsberuf, den hier junge Leute trotz Lernbehinderungen ergreifen. "Einer der Unterschiede zum Schreiner ist, dass beim Fachpraktiker die Theorie weniger zählt. Das ermöglicht es auch Lehrlingen beispielsweise mit einer Legasthenie oder autistischen Störungen, den Handwerksberuf zu lernen", erklärt Sascha Wein, Geschäftsführer der Schreinerinnung München.
Mateo ist diesen Weg bereits gegangen. "Ich habe Lernschwierigkeiten, aber ich habe auch Fleiß und Ehrgeiz", sagt der junge Mann offen. Er hatte eine reguläre Schreinerausbildung begonnen, im 2. Lehrjahr dann aber gemerkt, dass er es ohne Hilfe nicht schafft. In der Innung machte er den Fachpraktiker und sattelt jetzt den Schreiner obendrauf. "Ich habe sogar den Fritz-Hammerl-Preis bekommen, weil ich nicht aufgegeben habe", berichtet er mit neuem Selbstbewusstsein.
Die meisten Jugendlichen fassen hier Tritt
Mateos Geschichte gilt in der Innung als Erfolgsstory. Aber auch die allermeisten anderen Azubis fassen über diese Ausbildung Tritt. 80 bis 90 Prozent von ihnen finden hinterher eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, berichtet Wein. "Das sind junge Leute, die sonst durchs Raster fallen würden", sieht Wein den Ausbildungsaufwand gerechtfertigt.
Dieser Aufwand ist hoch. Zwei Jungmeister, ein Geselle mit Ausbildereignung und ein Diplom-Sozialpädagoge leiten in Vollzeit die jungen Leute an, handwerklich wie sozial. "Wir geben hier Stütz- und Förderunterricht. Da bekommen sie zusätzliche Theorieeinheiten, wir gleichen gezielt ihre Lernschwächen aus. Aber ich zeige ihnen auch, wie sie ihren Stress bewältigen können, denn viele haben Prüfungsangst", beschreibt Diplom-Sozialpädagoge Matthias Fritsch seine Rolle.
Werkstattleiter Maximilian Reinhardt ist aufgrund seiner eigenen schweren Hörbehinderung sensibilisiert für Beeinträchtigungen. "Ich will diesen Jugendlichen so viel wie möglich mitgeben, damit sie eine Chance haben, sich am Arbeitsmarkt zu etablieren", sagt der Schreinermeister.
Innung ist der Ausbildungsbetrieb
Während der dreijährigen Ausbildung zum Fachpraktiker fungiert die Innung als Ausbildungsbetrieb, die Azubis besuchen außerdem eine Förderberufsschule und gehen für Praktika in Betriebe. Fünf der aktuell 19 Azubis werden sogar kooperativ ausgebildet, Innung und Handwerksbetrieb teilen sich die Ausbildung; immer mehr Innungsmitglieder seien dazu bereit, freut sich Wein. Auch Mateo hat einen Ausbildungsbetrieb gefunden, in dem er von Dienstag bis Donnerstag arbeitet. Montags geht er in die Berufsschule, freitags profitiert er vom Stütz- und Förderunterricht der Innung.
Bis alle Azubis so strukturiert lernen können, ist einiges an Vorarbeit nötig. "Anfangs ist es für 30 Prozent unserer Azubis schon ein Problem, dass sie täglich und pünktlich kommen müssen", beschreibt Wein. Der Geschäftsführer besteht auf dieser Ordnung und wird dafür bisweilen auch streng: "Sie müssen pünktlich sein, sie müssen zuverlässig sein, sie müssen Zeiterfassung können, sie müssen Kommunikation lernen", fasst er die wichtigsten Sozialkompetenzen zusammen.
Die Kosten der Ausbildung trägt die Bundesagentur für Arbeit, etwas, das Sascha Wein den Jugendlichen immer wieder klarmacht: "Hier werden zehntausende von Euro aus den Sozialkassen in sie investiert. Dann haben sie auch die Pflicht, sich einzubringen."
Wein und Fritsch ringen regelmäßig um ein ausgewogenes Verhältnis von Handwerk und Sozialarbeit, von Strenge und gesunder Beziehung. "Wir spielen da durchaus mit dem good-cop-bad-cop-Prinzip", kommentiert Wein. Er weiß, dass er für seine Ansagen gefürchtet ist. Doch letztlich komme es darauf an, dass das Ergebnis stimmt, sind sich beide einig. Die Jugendlichen sollen ihren Abschluss schaffen und in Arbeit kommen – oder so wie Mateo sogar weiterlernen. Der möchte nach seinem Gesellenbrief gerne in seinem Ausbildungsbetrieb bleiben. "Und wer weiß, vielleicht mache ich irgendwann sogar noch den Meister."
Gemeinschaft geht vor
Viele Azubis der Ausbildungswerkstatt kommen aus einem schwierigen sozialen Umfeld. Teil der Ausbildung ist deswegen auch, die Gemeinschaft zu fördern und Verantwortungsgefühl füreinander zu entwickeln. Teamtage und gemeinsame Ausflüge stärken diese Kompetenzen. Um den Jugendlichen auch eine gemeinsame Auszeit über ein Wochenende zu ermöglichen, hat die Servicegesellschaft Deutsches Handwerk SDH 2025 der Ausbildungswerkstatt 10.000 Euro aus der Spendensumme ihres Golf-Turniers gewidmet.