Leuchtturmprojekt in Traunstein Wie moderner Lehmbau in der Praxis funktioniert

Ein 1.800-Tonnen-Bau aus vorgefertigten Lehm-Elementen in Traunstein zeigt, was heute möglich ist. Doch jenseits solcher Leuchtturmprojekte geht es um praktische Fragen: Wo ist der Einsatz des Baustoffs sinnvoll, welche Regeln gelten – und was ist dran am Vorurteil, Lehm sei unbezahlbar?

Lehmbau St. Michael in Traunstein
Küchennische aus Lehm: Vor Spritzwasser geschützt, eignet sich Lehm auch für Küchen und Bäder. - © Campus St. Michael

In Traunstein wurde ein Gebäude komplett aus Stampflehm errichtet. Der Bau bildet einen Teil des katholischen Bildungscampus der Erzdiözese München und Freising. Für den beteiligten Lehm-Pionier Martin Rauch ist es vor allem in seiner Dimension ein Leuchtturmprojekt: Rund 1.800 Tonnen Material wurden in 1.000 vorgefertigten Elementen verbaut und wie Legosteine aufeinandergesetzt.

Doch so außergewöhnlich das Projekt wirkt, es steht für eine Entwicklung, die in der Praxis bereits eine breite Grundlage hat: mit klaren Normen und vielfältigen Produkten, die weit über reinen Stampflehm hinausgehen. "Im Lehmbau sind wir, was die Produktpalette angeht, schon viel weiter", sagt Ipek Ölcüm, Geschäftsführerin des Industrieverbands Lehmbaustoffe e.V.

Stephan Jörchel, Geschäftsführer des Dachverbands Lehm e.V., verweist darauf, dass für Lehmbaustoffe wie Lehmputze, Lehmmörtel, Lehmbauplatten und Lehmstein seit Langem klare Regeln gelten. Seit zwanzig Jahren bilden die Lehmbauregeln die bauaufsichtliche Grundlage. Zudem existieren seit über zehn Jahren Produktnormen sowie Vorgaben für die Ausführung von Lehmbauten. Das zeige, dass das Bauen mit Lehm längst Praxis ist und sich in den bauordnungsrechtlichen Rahmen einfügt.

Auch die Qualifizierung durch Weiterbildung ist geregelt. Der Dachverband Lehm e.V. bietet eine Fortbildung zur "Fachkraft Lehmbau" an. Der Abschluss ermöglicht es Absolventen, sich mit einem Lehmbaufachbetrieb selbstständig zu machen. Dieses Verfahren ist laut Jörchel mit den Handwerkskammern abgestimmt, die auf Grundlage des §8 eine Ausnahmegenehmigung für das Spezialgebiet Lehmbau erteilen können. Ein Punkt, der ihm besonders wichtig ist. Denn neben den Planern seien es vor allem die Handwerksbetriebe, die den Lehmbau vor Ort voranbringen. Die Weiterbildung steht Maurern, Zimmerern, aber auch Ingenieuren, Architekten und Planern offen.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten im Neu- und Altbau

Besonders großes Potenzial für den Lehmbau sehen die Experten beim Bauen im Bestand, vor allem im Trockenbau mit Lehmputzen und Lehmplatten. "Das ist auch das, was in der breiten Masse mit Lehm auch schon stattfindet", erklärt Jörchel.

Campus St. Michael Lehmbau Nische
Von Hand geformt: die Kaffeenische im Campus St. Michael. - © Campus St. Michael

Ein verbreitetes Vorurteil sei, dass Lehm nicht für Feuchträume geeignet ist. Viele gingen davon aus, dass das Material dort aufweiche und instabil werde. Jörchel betont: "Sofern die Bereiche ohne Spritzwassereinwirkung sind, kann der Lehm sowohl in Küchen als auch im Bad verwendet werden." Hohe Luftfeuchtigkeit im Raum sei kein Problem, ergänzt Ölcum.

Auch für tragende Konstruktionen im Außenbereich (bis 13 Metern Höhe) sowie im Innenmauerwerk könne Lehm verwendet werden, wenn er entsprechend geschützt wird. Ölcüm rät generell zu einem hybriden Ansatz: "Ich würde keinen Keller aus Lehm bauen und auch kein Hochhaus ausschließlich aus Lehm. Für den Sockel werden wir weiterhin den Beton brauchen." Martin Rauch sieht hier einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der Planung: "Es ist eigentlich falsch, wenn man sagt, wir wollen den Beton durch Lehm ersetzen. Sondern wir wollen eine Architektur schaffen, die mit dem Lehm baubar ist."

Nachhaltig und gut für das Raumklima

Das größte Potenzial von Lehm liegt laut Martin Rauch in seiner Herkunft und Wiederverwendbarkeit. Oft handelt es sich um reines "Aushubmaterial", das bei Baugruben anfällt und sonst teuer deponiert werden müsste. Zudem könne ein Bauklotz aus Lehm unendlich oft abgebrochen und neu verwendet werden – ohne Qualitätsverlust. "Stampflehm ist, glaube ich, der einzige Baustoff, den ich unendlich recyceln kann ohne Downrecycling", so Rauch.

Die wesentlichen Vorteile liegen laut Ölcüm zudem in den Eigenschaften des Materials für die Bewohner. Lehm besitzt eine hohe thermische Speichermasse und kann Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben. "So dicht wie unsere Häuser inzwischen sind, werden wir später ernsthaft ein Problem mit dem Kühlen der Wohnungen haben", sagt Ölcüm. Lehm hingegen verfüge über eine sehr gute Feuchtesorptionsfähigkeit und könne in Teilen wie eine natürliche Klimaanlage funktionieren. "Mit seiner thermischen Speichermasse ist Lehm sowohl im Bestand als auch in Neubauten unschlagbar."

Moderne Flächenheiz- und Kühlsysteme in Decken und Wänden lassen sich laut Ölcüm gut mit Niedertemperatursystemen wie Wärmepumpen kombinieren. "So verbaut man geringe Klimatechnik und aktiviert die Masse, die im Gebäude vorhanden ist, zum Kühlen", erklärt sie.

Lehmsteinmauerwerk in Kombination mit modernem Holzbau am Objekt St. Mauritius-Schule Halle (Saale)
Lehmsteinmauerwerk in Kombination mit modernem Holzbau – hier am Beispiel der St.-Mauritius-Schule in Halle (Saale). - © ZRS Ingenieure, Christof Ziegert

Sind die Kosten wirklich höher?

Das Vorurteil, Bauen mit Lehm sei teuer, hält sich hartnäckig. Stephan Jörchel widerspricht dem jedoch entschieden: "Lehmbau muss nicht teuer sein." Seiner Ansicht nach ist es heute bereits möglich, preislich mit konventionellen Bauweisen mitzuhalten. Unter Berücksichtigung der Umweltkosten sei Lehmbau sogar günstiger als herkömmliche Bauweisen, da die Baustoffe CO₂-arm hergestellt werden und kreislauffähig sind.

"Man kann ein modernes Holz-Lehm-Haus zum vergleichbaren Preis wie ein Kalksandsteingebäude bauen – und erhält dabei einen ganz anderen Benefit", erklärt Jörchel. "Das verbreitete Denken, Lehmbau sei unbezahlbar, ist schlicht nicht mehr realistisch."

Der Ball liege nun bei allen Beteiligten. Während sich bei den Herstellern in den letzten Jahren viel getan hat, sind laut Ölcüm nun die Planer als Impulsgeber und die Bauherren durch ihre Nachfrage gefordert. An die Handwerksbetriebe appelliert sie, offen für Lehmbaustoffe zu sein. Martin Rauch ergänzt, dass es dafür auch eine Verankerung in der Ausbildung brauche: "In der Lehre sollte Lehmbau als Fach gelehrt werden. Das ist bis dato leider nicht der Fall."