Handwerk im Weltmarkt Dieser Betrieb baut 90 Prozent der weltweiten Rhönräder

Zimmermann Rhönradbau ist Weltmarktführer in einer Nischensportart – produziert mitten im Wohngebiet, beliefert Weltmeisterschaften und erweitert sein Handwerk vom Turngerät bis zur Spezialanfertigung für Shows und Industrie.

Holger Zimmermann
Holger Zimmermann mit der Vorrichtung, in der Rhönräder kreisrund gebogen werden. - © DHZ/Frank Muck

Für einen Weltmarktführer gibt sich Zimmermann Rhönradbau sehr bescheiden. Mitten im Wohngebiet gelegen, die Schule und Wohnhäuser drumherum, eine zweite Werkstatt mit Hof zwei Straßen weiter. Gerade erst wurde das Unternehmen für den hessischen Exportpreis nominiert. Wie der Firmenname schon vermuten lässt, baut das Metallunternehmen Rhönräder. Das sind jene Sportgeräte, die aus zwei Stahlreifen bestehen und durch Sprossen verbunden sind. Die Turnerinnen und Turner rollen in akrobatischer Anmutung durch die Hallen und vollführen Übungen im und auf dem Rhönrad. Selten zeigt das Fernsehen Wettbewerbe im Rhönradturnen, obwohl deutsche Sportler sehr erfolgreich sind in dieser Disziplin. Aus dem Land des Rhönraderfinders Otto Feick kommen seit der ersten WM 1995 reihenweise Weltmeister.

Der Größeneindruck täuscht

Wer die Werkstatt der Firma Zimmermann betritt, kann das Gefühl bekommen, als sei der Raum knapp um die Maße eines Rhönrads herumgeplant worden. Natürlich täuscht der visuelle Eindruck, doch viel mehr als die Vorrichtung, mit der das Rhönrad kreisrund gebogen wird, steht dort nicht. Für das Finish brauchen die Zimmermanns schon den ersten Stock. Dorthin werden die Rhönräder mit einem Aufzug befördert und mit einer PVC-Ummantelung versehen.

Taunusstein ist so etwas wie die Hochburg des Rhönradsports und der örtliche Sportverein die deutsche Kaderschmiede. Firmenchef Holger Zimmermann war selbst Rhönradturner im TSV Taunusstein. Heute baut der Metallbauermeister jährlich rund 150 Stück pro Jahr und deckt damit mehr als 90 Prozent des weltweiten Bedarfs ab. "Bei Weltmeisterschaften gewinnt immer ein Zimmermann-Rhönrad", sagt Holger Zimmermann nicht ohne Stolz.

Vater Oswald fing vor 37 Jahren an

Team Zimmermann Rhönradbau
Spezialisten für ein Turngerät: das Team von Rhönrad Zimmermann. - © DHZ/Frank Muck

Angefangen hat damit Vater Oswald Zimmermann schon vor 37 Jahren. Der bekannte Taunussteiner Athlet und Trainer Wolfgang Bientzle hatte ihm Ende der 1980er-Jahre vorgeschlagen, den Rhönradbau zu übernehmen. Damals kamen Rhönräder von einem Wuppertaler Unternehmen. Dessen Inhaber wollte das Geschäft aufgeben. Oswald Zimmermann, angestellt als Meister im Maschinenbau, war sofort Feuer und Flamme. Eine Bedingung stellte er allerdings. Zimmermann wollte unbedingt seinem Hobby Fahrradfahren weiterhin nachgehen.

Mit dem neuen Unternehmen wollte Zimmermann etwas ganz Eigenes aufbauen. Der Handwerker konstruierte eine eigene Vorrichtung, mit der sich die Rhönräder zusammenschweißen ließen. "Er hat sich von Grund auf neu überlegt, wie man es besser und einfacher machen kann", sagt Sohn Holger. Sein Ziel war es, pro Jahr 100 Rhönräder zu bauen – natürlich mit dem Wissen, dass schon allein der TSV Taunusstein für einen Teil der Nachfrage sorgen würde. Seitdem verbessern die Zimmermanns kontinuierlich das Gesamtkonstrukt Rhönrad in seinen Details – zuletzt die Oberfläche der Griffe, die jetzt aus Edelstahl sind und mit Keramik gestrahlt werden. Durch die angeraute Oberfläche brauchen die Turner nun kein Magnesium mehr.

Zwei Stahlreifen, Sprossen, Griff- und Fußbretter

Das kreisrunde Konstrukt wird auch heute noch so genutzt, wie damals vorgesehen. Denn am Produkt selbst hat sich grundsätzlich natürlich nichts geändert: Zwei ummantelte Stahlreifen mit Sprossen, Griff- und Fußbrettern.

Fassmischer
Mit dem Fass­mischer lassen sich homogene
Mischungen erzeugen. - © Schuppelius

Was sich allerdings nach und nach weiterentwickelt hat, ist die Ausgestaltung. Allein, weil Rhönräder schon lange nicht mehr nur in Turnvereinen genutzt werden. Für Holiday on Ice zum Beispiel hat Zimmermann eine Variante mit Spikes gebaut. Kreative Elemente und Ausschmückungen fertigen die Taunussteiner vor allem für selbstständige Akrobaten und Zirkusse. FlicFlac, Zirkus Krone oder auch Cirque de Soleil gehören zu ihren Kunden.

Für deren Zwecke sind Rhönräder Teil der Show und nicht nur Turngeräte. Dabei weichen die für sie gebauten Geräte zum Teil deutlich von der Grundform eines Rhönrads ab, etwa als Grundriss eines Globus oder eines Halbmonds. Beliebt etwa sind derzeit mit LED beleuchtete Cyrs. Die inzwischen sehr in Mode gekommenen Räder bestehen aus nur einem einzelnen Ring und muten wie ein überdimensionierter Hula-Hoop-Reifen an. Cyrs gibt es seit circa 20 Jahren und auch darin darf geturnt werden.

Zweites Standbein: Rohre, Stangen, Flacheisen biegen

Eine entscheidende Fähigkeit, die sich mit dem Rhönradbau eingestellt hat, ist der Umgang mit Rohren, Stangen und Flacheisen. Deshalb bieten Holger Zimmermann und seine Brüder Sascha und Janis als zweites Standbein das Lohnbiegen an. Anfangs kamen Schlosser aus dem Ort mit Anfragen, ob Zimmermann ihnen alle Arten von Rohren, Winkel oder Sonderprofile biegen kann. Seitdem bringen sie Rohre in die gewünschte Form, zum Beispiel für Handläufe von Treppen, Fahrradständer oder Profile für Metallbauten. Denn nicht jeder Metallbauer kann oder will sich eine rund 150.000 Euro teure Biegemaschine leisten. Für die Zimmermanns lohnt sich der Betrieb, denn die Aufträge kommen inzwischen deutschlandweit.

Scott Wagner auf einem Rhönrad
Akrobat Scott Wagner nutzt für seine Auftritte ebenfalls Zimmermann-Rhönräder. - © Scott Wagner

Ein weiteres Angebot haben Zimmermanns in der Pandemie entwickelt. Als Teil eines verkleinerten Rhönrads konstruierten sie einen sogenannten Fassmischer. Ein Kunststofffass wird in einem Winkel von ungefähr 35 Grad am unteren Rand des Rhönrads eingehängt. Durch die motorisierte Drehung des Rhönrads und damit des Fasses mischt sich dessen Inhalt. Durch die Schräglage wiederum entsteht ein homogenes Mischungsverhältnis. So lassen sich zum Beispiel pharmazeutische Mittel, Tees oder chemische Produkte mischen.

Stillstand gibt es nicht

Für Holger Zimmermann steht bei all den Dingen, die er herstellt, die Qualität an erster Stelle. Und von Zeit zu Zeit gibt es neue Ideen. "Stillstand gibt es bei uns nicht", so Zimmermann. Großartig bemühen muss er sich selbst nicht darum: "Das kommt immer auf uns zu." Das Wachstum hat jetzt doch dazu geführt, dass der Platz langsam knapp wird. Im Ortskern soll deshalb eine neue Halle errichtet werden. So langsam wie sich Oswald Zimmermann die Entwicklung gewünscht hätte, war es schon von Anfang an nicht. Zum Fahrradfahren ist er nach der Gründung kaum noch gekommen.

Das Rhönrad

1925 meldete Otto Feick das "Reifenturn- und sportgerät" zum Patent an. Der aus der Pfalz stammende Sohn eines Schmieds war 1923 in die Heimat seiner Frau nach Schönau an der Brend in der bayerischen Rhön gezogen, wo er eine Metallverarbeitungswerkstatt eröffnet hatte. Ein Jahr nach der Patentanmeldung ließ er sich den Namen Rhönrad schützen. Feick war als Kind in zwei verbundenen Wagenreifen vor der Schmiede seines Großvaters den Berg heruntergerollt. Im Militärgefängnis im französisch besetzten Mainz hatte er sich daran erinnert und das Konzept entwickelt. Anfang der 1930er-Jahre gab es erste Turniere. Erst 1960 fanden die ersten westdeutschen Meisterschaften statt. Die Kosten eines Rhönrads liegen zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Quelle: Wikipedia