Anlagetipp Silber überholt Gold: Chancen in knappen Märkten

Silber fristete lange ein Nischendasein im Schatten des großen Bruders Gold. 2025 hat sich das Bild gedreht. Silber legte prozentual noch stärker zu als Gold. Gleichzeitig wird der Markt enger, weil die Industrie immer mehr Silber verschlingt. Für Anleger stellt sich die Frage: Ist Silber nur Spekulation oder ein sinnvoller zusätzlicher Baustein neben Gold?

Silber im Aufwind: Industrieller Bedarf trifft auf knappes Angebot. - © Destina - stock.adobe.com

Edelmetalle stehen im Fokus der Investoren, die sich in Zeiten globaler Krisen nach Sicherheit sehnen. Gold wird vor allem als Wertspeicher und Reservewährung geschätzt. Silber dagegen hat eine Doppelrolle: als Edelmetall und als wichtiger Rohstoff für die Industrie. Etwa 55 Prozent der Silbernachfrage entfallen auf industrielle Anwendungen, vor allem in den Bereichen Photovoltaik, Elektronik, E-Mobilität und Kommunikationstechnik. Laut Silver Institute stieg die industrielle Silbernachfrage 2024 auf 680 Millionen Unzen – der vierte Rekord in Folge.

Gleichzeitig sehen Analysten ein strukturelles Angebotsdefizit, denn der Markt verbraucht mehr Silber, als neu aus dem Boden kommt. Für Anleger ist diese Kombination aus knapper werdendem Angebot und wachsender industrieller Bedeutung der Kern der Silber-Story.

Mehr Achterbahn

In Euro gerechnet ist der Goldpreis je Feinunze in den letzten zehn Jahren von Tiefstständen um 1.000 Euro auf aktuell gut 3.500 Euro gestiegen, das entspricht einem Plus von mehr als 250 Prozent. Die Feinunze Silber liegt heute bei knapp 47 Euro, nachdem sie zwischenzeitlich bei etwa elf Euro notierte – ebenfalls ein Zuwachs von etwa 250 Prozent über zehn Jahre. In US-Dollar betrachtet ist der Silberpreis seit Herbst 2023 von etwa 20,70 Dollar je Unze auf Höchststände über 54 Dollar gestiegen – ein Plus von rund 160 Prozent. Gold legte im gleichen Zeitraum um etwa 140 Prozent zu. Silber hat Gold also überholt, allerdings bei stärkerer Volatilität.

Die Weltbank rechnet damit, dass Gold 2026 nur noch moderat steigt und dann auf einem deutlich höheren Niveau verharrt. Für Silber erwartet sie neue Rekordpreise sowie ein weiteres, wenn auch abgeschwächtes Wachstum.

Investmentbanken zeichnen teils deutlich optimistischere Szenarien: Die Bank of America nennt ein Kursziel von 65 Dollar je Unze bis 2026, die Deutsche Bank beispielsweise kalkuliert für 2027 mit einem durchschnittlichen Silberpreis um 60 Dollar. Andere Analysten sehen eher eine Spannbreite von 40 bis 50 Dollar. Nicht alle Institute sind so positiv eingestellt. Die Weltbank weist etwa darauf hin, dass ein schwächeres Weltwirtschaftswachstum auf den Silberpreis drücken kann, weil der industrielle Verbrauch sensibel auf Konjunkturschwankungen reagiert.

Zudem haben Zentralbanken ihre Goldbestände in den letzten Jahren massiv ausgebaut, halten aber kaum nennenswerte Silberreserven. Daher hat Silber diesen institutionellen Rückhalt nicht. Wer Silber beimischt, sollte also stärkere Schwankungen einkalkulieren.

Chancen und Risiken 

Genau das macht Silber interessant: Gold als langfristige Wertreserve, Silber als kleinere Beimischung mit Wachstumsfantasie. Die Produktauswahl sollte bewusst erfolgen: Physisches Silber folgt zwar unmittelbar dem Spotpreis, unterliegt in Deutschland aber anders als Anlagegold in der Regel der Mehrwertsteuer. Silber-ETFs oder -ETCs bilden den Preis ohne Lageraufwand ab, schwanken dafür börsentäglich und sind steuerlich gesondert zu betrachten. Silberminen-Aktien reagieren meist noch volatiler als der Silberpreis selbst, weil zusätzlich Unternehmensrisiken und Managemententscheidungen einwirken.

Zum Autor: Mirko Kohlbrecher ist Investmentstratege bei der Spiekermann & CO AG in Osnabrück.