Sechs von zehn Beschäftigten haben sich schon einmal krankgemeldet, obwohl sie arbeitsfähig waren. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse Pronova BKK hervor. Als Gründe nennen die Befragten hohen Druck und mangelnde Motivation. Vor allem junge Arbeitnehmer nutzen diese Möglichkeit häufiger.

Insgesamt 60 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben laut der repräsentativen Studie "Arbeiten 2025" schon einmal eine sogenannte Bettkantenentscheidung getroffen und sich krankgemeldet, ohne wirklich krank zu sein. Sieben Prozent tun dies demnach häufig, 22 Prozent manchmal und 31 Prozent selten. Für die Studie wurden im Oktober 2025 bundesweit 1.230 Beschäftigte befragt.
Zwischen Selbstfürsorge und Ausweichstrategie
Die Gründe für eine solche Krankmeldung sind vielfältig. Laut der Studie wollen 31 Prozent damit verhindern, dass aus kleineren Beschwerden ernsthafte Gesundheitsprobleme werden. Genauso viele geben an, dass ihnen das Arbeitspensum zu viel erscheint. Patrizia Thamm, Resilienz-Trainerin bei der Pronova BKK, sagt dazu: "Wenn die Krankmeldung dazu dient, bei psychischer Überlastung oder körperlichen Beschwerden rechtzeitig zu handeln und wieder gesund zu werden, dann ist sie ein Ausdruck wachsenden Gesundheitsbewusstseins und eine legitime sowie wertvolle Strategie der Selbstfürsorge."
Allerdings spielen oft auch persönliche Gründe eine Rolle. Fast jeder Dritte nennt mangelnde Motivation als Ursache. Rund jeder Vierte möchte Stress oder Konflikten im Team aus dem Weg gehen, und für jeden Fünften haben private Termine Vorrang. "Wer sich bei jedem kleinen Problem, alltäglichem Stress oder nach jeder intensiven Arbeitsphase krankmeldet, bei dem handelt es sich um eine Ausweichstrategie", erläutert die Psychologin Thamm. Dies könne auf eine geringe Frustrationstoleranz oder fehlende Resilienz hinweisen.
Jüngere Generation zieht häufiger die Reißleine
Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Generationen. Vor allem junge Beschäftigte zwischen 18 und 29 Jahren melden sich häufiger ohne triftigen Grund krank. In dieser Altersgruppe treffen 45 Prozent die Bettkantenentscheidung, elf Prozent davon sogar häufig. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Anteil ab. In der Generation 60plus liegt er nur noch bei 16 Prozent. "Gerade die junge Generation legt viel Wert auf Sinn, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten. Fehlen diese Faktoren, kann das zu einem Motivationsdefizit führen", sagt Patrizia Thamm.
Viele arbeiten trotz Krankheit
Gleichzeitig ist die Belastung im Arbeitsalltag hoch. Obwohl knapp zwei Drittel der Befragten ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut bewerten, hat sich die Zufriedenheit im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozentpunkte verschlechtert. Die Folgen sind spürbar: 45 Prozent der Befragten gehen trotz Rückenschmerzen zur Arbeit. Jeweils 35 Prozent tun dies auch bei einer leichten Erkältung oder psychischer Belastung. "Engagement sollte nicht in Selbstaufopferung übergehen, denn dann wird die körperliche oder psychische Gesundheit ernsthaft gefährdet", betont Expertin Thamm.
Offene Kommunikation als Lösung
Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle, um einen Rahmen für den Umgang mit Belastungen zu schaffen. Die Studie macht eine Diskrepanz in der Wahrnehmung deutlich: Während ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen ihr Verhalten als gesundheitsbewusst einstuft, sehen mehr als die Hälfte aller Befragten die Fehltage jüngerer Kollegen kritisch. Sie vermuten zumindest gelegentlich, dass diese zu Hause bleiben, obwohl sie arbeitsfähig wären.
Patrizia Thamm rät zu mehr Offenheit in den Unternehmen: "Eine offene Kommunikationskultur ist zentral: Beschäftigte müssen Beschwerden ansprechen können, ohne Angst vor Stigmatisierung oder Konsequenzen." Regelmäßige Pausen, flexible Arbeitszeiten und Unterstützungsangebote könnten die Widerstandsfähigkeit der Mitarbeiter stärken. "Führungskräfte sollten zudem als Vorbilder auftreten. Wer selbst auf eine gesunde Balance achtet, signalisiert dem Team, dass Selbstfürsorge erwünscht ist." fre