Unterschätzte Gesprächskunst Smalltalk lernen: Was ein gutes Gespräch ausmacht

Fast 40 Prozent der jungen Erwachsenen meiden Smalltalk – dabei schafft ein lockeres Gespräch Vertrauen und öffnet Türen. Eine Kommunikationstrainerin erklärt, welche Themen sich eignen, warum gutes Zuhören wichtiger ist als Reden und wie man mit der 10-Sekunden-Regel jedes Gespräch in Gang bringt.

Kartonage in Form von Sprechblasen hängt vor hellblauer Wand
Die Kunst des Smalltalks: Wer ins Gespräch kommt, schafft Verbindung – im Alltag wie im Beruf. - © mit KI generiert

Einen guten Ruf hat der Smalltalk nicht. Und in Mode ist die Kunstform der unverfänglichen Plauderei erst recht nicht. Laut einer Yougov-Umfrage im Auftrag der Sprachlernplattform Babbel fühlen sich viele Bundesbürger in Smalltalk-Situationen unwohl, empfinden sie als Zeitverschwendung. Vor allem die Jüngeren reagieren allergisch auf beiläufige Konversationen, von den 18- bis 24-Jährigen versuchen knapp 40 Prozent, Smalltalk zu vermeiden, von den Über-55-Jährigen dagegen nur 21 Prozent, Männer sind größere Smalltalk-Muffel als Frauen. Mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommen? Bloß nicht!

"Smalltalk wird oft als langweilig, oberflächlich oder anstrengend angesehen", weiß auch Gabriela Meyer, Kommunikationstrainerin und Buchautorin aus Soltau in Niedersachsen, die selbst Seminare zu dem Thema anbietet. "Dabei kann er eine große Quelle von Inspiration sein, mir berufliche Vorteile bescheren, mir neue Kontakte geben." Meyer weiß, wovon sie spricht. Die Norddeutsche mit griechischen Wurzeln, die die kalten mitteleuropäischen Winter lieber in Athen verbringt, nimmt am Mittelmeer ein anderes, gesprächigeres Klima wahr. "Ich selbst bin über ein spontanes Gespräch mit einer älteren Dame am Strand an alle meine Handwerker hier vor Ort gekommen", erzählt sie. In einem Restaurant habe sich ein Gespräch mit der Einheimischen ergeben, diese habe ihr einen örtlichen Handwerker empfohlen, der wiederum weitere Maler, Maurer und Elektriker vermittelte, die Meyers Bleibe in der griechischen Hauptstadt auf Vordermann brachten. Die Anekdote zeigt: Smalltalk im Alltag kann zu Aufträgen führen.

Wie man ein Gespräch beginnt

Es lohnt sich also, mit Kundinnen und Kunden zu schnacken, babbeln oder töttern – und eben nicht nur geschäftliche Formalitäten auszutauschen. "Wenn ich keine Fragen stelle und kein Interesse zeige, erfahre ich nichts Neues. Und das gilt übrigens auch bei schwierigen Kunden oder Menschen, die einem nicht so sympathisch sind. Interesse zu zeigen, ist sehr wichtig, um ein Gespräch in Gang zu bringen und beim Gegenüber einen positiven Eindruck zu hinterlassen", so Meyer. "Man kann im Kleinen anfangen, Smalltalk zu üben, im Alltag, beim Bäcker, im Supermarkt. Tatsächlich haben mir viele rückgemeldet, dass ihnen das hilft", empfiehlt Meyer jenen Menschen, die sich unsicher fühlen, aber den Willen zur netten Unterhaltung haben. Im Übrigen sei ein guter Smalltalker nicht automatisch immer der Typ Dampfplauderer, der unentwegt quasselt und emotional mit den Händen gestikuliert, sondern könne ebenso gut derjenige sein, der vor allem zuhört, Interesse zeigt, unaufgeregt nachfragt.

Über Politik und Religion beginne man ein lockeres Gespräch zwischen Tür und Angel definitiv nicht, auch nicht über Finanzen oder Beziehungen, eher schon über Themen wie Sport, Reisen oder ganz klassisch das Wetter. "Was wir in Deutschland auch häufig machen, ist schnell in die Tiefe zu gehen, zu tief", sagt Meyer. "Dann bekommt das Gespräch etwas Tragendes. Für ein Gespräch unter Menschen, die sich nahestehen, ist das wunderbar, aber für eine Smalltalk-Situation ist es unangemessen. Bei einem kleinen Plausch muss man nicht versuchen, besonders schlau zu wirken." Tenor: Keine Angst vor Oberflächlichkeit. Aber auf eine Prise Fein- und Fingerspitzengefühl komme es schon an. "Ich muss auch als Handwerker in der Lage sein, zu gucken, wer ist eigentlich vor mir, wofür interessiert sich der Mensch, was für eine Sprache ist angemessen. Jüngere Leute kann ich vielleicht direkt duzen, ältere eher nicht." Hilfreich sei die 10-Sekunden-Regel, nach der man mit einem persönlichen Einstiegssatz beginnt und darauf eine Frage folgen lässt. Beispiel: "Wir sind heute für die Dämmung da. Was ist Ihnen bei der Umgestaltung des Raumes sonst am wichtigsten?"

Networking im Internet und vor Ort

Smalltalk im Alltag kann ein Baustein sein, um neue Kunden zu gewinnen, zu halten oder das berufliche Netzwerk zu vergrößern. Das Fundament legen Betriebe heute aber zweifellos im Netz. Laut einer Erhebung des Digitalverbandes Bitkom nutzt schon die Hälfte der deutschen Handwerksunternehmen soziale Medien wie nebenan.de, Facebook oder Instagram, um auf sich aufmerksam zu machen. 40 Prozent sind auf Bewertungsplattformen wie Yelp oder Trustpilot aktiv, fast jedes Unternehmen besitzt mittlerweile eine eigene Webseite. Dennoch wird Vertrauen oft erst von Angesicht zu Angesicht aufgebaut. Glücklicherweise gibt es für Handwerker Gelegenheiten en masse, um mit Branchenkollegen ins Gespräch zu kommen, mögliche Kooperationen auszuloten oder sich über die lokalen Entwicklungen auszutauschen.

Die Handwerkskammer Hamburg etwa empfiehlt zur Kontaktpflege die Sommerfeste in den Bezirken oder die einmal pro Quartal stattfindenden "Werkstatt-Talks" zu digitalen Themen. Besonders gut angenommen worden seien im vergangenen Jahr Veranstaltungen wie der Workshop "Stimm- und Sprechtraining", die KI-Werkstatt in der Speicherstadt und das regionaltypische Grünkohlessen des Harburger Handwerks. Ob Einschreibungsfeier, Jahresempfang, Workshop, Besichtigung, Expertenvortrag, Ausbilder-Frühstück, Vollversammlung, Berufsmesse oder Erste-Hilfe-Grundkurs – all die Zusammenkünfte von Handwerkskammern und Innungen bieten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, an Informationen zu gelangen oder sogar eine enge Partnerschaft zu begründen.

An eine Veranstaltung strategisch herangehen

"Man kann an eine Veranstaltung strategisch herangehen, sich vornehmen, eine bestimmte Person kennenzulernen", rät Gabriela Meyer. "Wenn man auf die Person zugeht, ist es ratsam, mit etwas Positivem einzusteigen. Oder Gemeinsamkeiten zu suchen, über die man sprechen kann. Smalltalk dient dazu, Gemeinsamkeiten zu finden." Ein Kompliment für die Präsentation, die der Kollege gerade gehalten hat oder die Frage, ob der andere die Veranstaltung auch so gelungen finde wie man selbst, können der Türöffner für eine fruchtbare Konversation sein. Strategisch noch besser, man lässt auf den analogen einen digitalen Annäherungsversuch folgen. "Wenn ich jemanden auf einer Veranstaltung kennengelernt habe, fasse ich 24 bis 48 Stunden später nach und stelle ihm per LinkedIn eine Kontaktanfrage", so Meyer. Eine wichtige Regel laute: Erst geben, dann nehmen. Wer etwas wolle, müsse zuerst etwas anbieten, beispielsweise ein Lob, eine Information oder auch ein kaltes Getränk von der Bar. "Sofort etwas verkaufen wollen ist ein riesiges No-Go", so Meyer.

Die Handwerkskammer Hamburg hat für das neue Jahr schon einen heißen Tipp: Die Woche der Wärmepumpe im März oder die Woche der Klimaanpassung im September seien Formate, bei denen sich Fachbetriebe wunderbar vernetzen könnten. Genügend Gesprächsstoff für einen Plausch am Buffet bieten die Themen allemal, und wer weiß, vielleicht wird man hier einen gelungenen Smalltalk ausnahmsweise sogar mit einem Seitenhieb auf die Politik einleiten können.