Eine neue Studie der Stiftung Klimaneutralität sorgt für Unruhe in der Bau- und Sanierungsbranche. Energieberater und Gebäudehüllen-Hersteller widersprechen der These, dass der Heizungstausch für die Erreichung Klimaziele genügt. Droht das Aus für Förderung von Dämmungen an Fassade und Dach?
Für Handwerksbetriebe, die von Dämmung, Fenstertausch oder Fassadensanierung leben, steht viel auf dem Spiel: Die Frage, ob Deutschland seine Klimaziele eher durch Heizungstausch oder durch energetische Sanierung der Gebäudehülle erreichen soll, entscheidet über Fördergelder – und damit über Aufträge für Dachdecker, Maler, Stuckateure, Fensterbauer und Fassadenbetriebe.
Eine Mitte Dezember vorgestellte Studie der Stiftung Klimaneutralität heizt diese Debatte nun an. Das Beratungsunternehmen Prognos, das die Studie für die Stiftung erstellt hat, vertritt darin eine Position, die im Widerspruch zu seinen eigenen früheren Untersuchungen steht – und die bei Energieberatern, Gebäudehüllen-Herstellern und im Handwerk auf Widerstand stößt.
Warum der Kurswechsel von Prognos brisant ist
Prognos gilt als eines der einflussreichsten Beratungsunternehmen für die Bundesregierung in Energiefragen. Seine Studien bilden häufig die Grundlage für politische Entscheidungen – etwa für die "Gebäudestrategie Klimaneutralität 2045" des Bundeswirtschaftsministeriums. In dieser Strategie aus dem Jahr 2022 schrieb Prognos noch, die energetische Sanierung bestehender Gebäude habe "das größte Potenzial zur Reduktion der Wärmenachfrage" und solle "mit höchster Priorität behandelt werden". Als Zielmarke nannte Prognos damals eine Sanierungsrate von 1,7 Prozent pro Jahr.
Die neue Studie liest sich anders. Die zentrale These: Die Klimaziele im Gebäudesektor seien auch bei einer dauerhaft niedrigen Sanierungsrate von rund einem Prozent erreichbar – dem heutigen Niveau. Der Fokus könne daher auf den Heizungstausch gelegt werden, Hüllensanierungen seien nur bei bestimmten Gebäuden notwendig. Für Handwerksbetriebe, die auf Sanierungsaufträge angewiesen sind, wäre eine politische Umsetzung dieser Empfehlung ein Einschnitt.
Was die Studie aussagt
Die Prognos-Analyse untersucht, welche Auswirkungen eine niedrigere Sanierungsrate auf das Energiesystem hätte. Ausgangspunkt ist das Szenario "Klimaneutrales Deutschland" (KNDE), das eine Sanierungsrate von 1,7 Prozent vorsieht. In der Sensitivitätsrechnung bleibt die Rate konstant bei rund einem Prozent.
Das Ergebnis laut Prognos: Der Endenergieverbrauch im Gebäudesektor würde im Jahr 2045 um 32 Terawattstunden steigen (+4 Prozent). Der Bruttostrombedarf erhöhe sich jedoch nur um 0,5 Prozent. Die kumulierten Systemkosten zwischen 2025 und 2045 lägen bei der niedrigeren Sanierungsrate sogar um 200 Millionen Euro niedriger als im Hauptszenario.
Aus diesen Zahlen leitet die Stiftung Klimaneutralität politische Empfehlungen ab: Die Förderung solle auf den Heizungstausch fokussiert werden, Effizienzmaßnahmen nur noch bei Gebäuden gefördert werden, die für einen wirtschaftlichen Wärmepumpenbetrieb saniert werden müssten. Sanierungsraten von 1,5 Prozent oder höher seien "nicht Voraussetzung, um kosteneffiziente Dekarbonisierung zu ermöglichen".
Energieberater warnen vor einseitigem Fokus auf Heizungstausch
Der Energieberatendenverband GIH sieht den Perspektivwechsel der Studie kritisch. Laut GIH empfehlen nahezu alle relevanten Studien – auch frühere Prognos-Untersuchungen – Sanierungsraten von mindestens zwei Prozent, um die nationalen und europäischen Klimaziele im Gebäudebestand sicher zu erreichen. Die aktuelle Sanierungsquote liege bei lediglich 0,7 Prozent.
"Erneuerbare Energien und Energieeffizienz müssen zusammengedacht werden", sagt Benjamin Weismann, Geschäftsführer des GIH-Bundesverbands. Während Heiztechnik vergleichsweise kurze Lebenszyklen habe, wirkten Hüllensanierungen über viele Jahrzehnte. „Eine einseitige Fokussierung auf den Heizungstausch greift daher zu kurz", so Weismann. In vielen Fällen sei es sinnvoll, zunächst den Wärmebedarf durch Dämmaßnahmen zu senken – dann könne die neue Heizanlage kleiner und kostengünstiger ausgelegt werden.
Der GIH begrüßt zwar einzelne Aspekte der Studie, etwa die Betonung des Netzausbaus und die Beibehaltung der 65-Prozent-Regel beim Austausch von Öl- und Gasheizungen. Der Verband warnt jedoch vor der verunsichernden Wirkung auf eine ohnehin angeschlagene Bau- und Sanierungsbranche. Notwendig seien verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen und planbare Förderimpulse.
Politische Ableitungen nicht vom Gutachten gedeckt
Noch deutlicher fällt die Kritik des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG) aus. Laut BuVEG-Geschäftsführer Jan Peter Hinrichs habe das Pressegespräch zur Studie "einen bemerkenswerten Charakter": Der erste Teil sei ein Meinungs- und Forderungstext der Stiftung Klimaneutralität, der in weiten Teilen nicht vom anschließenden Prognos-Gutachten gedeckt werde.
Der BuVEG verweist auf die Widersprüche zu früheren Prognos-Studien. In einer Dialogreihe des Bundeswirtschaftsministeriums 2024 habe Prognos eine energetische Sanierungsrate von 1,7 Prozent als Zielszenario genannt und betont, dass rund die Hälfte aller deutschen Gebäude derzeit nicht auf den effizienten Einsatz einer Wärmepumpe vorbereitet sei.
Hinrichs betont: "Ohne energieeffiziente Gebäudehülle kann auch die effiziente Elektrifizierung der Wärmeversorgung nicht gelingen." In energetisch schlechten Gebäuden seien Wärmepumpen gezwungen, mit hoher Vorlauftemperatur zu arbeiten – das Ergebnis seien höhere Energiekosten als zuvor. Rund 30 Prozent der Häuser lägen in den schlechtesten Energieeffizienzklassen.
Soziale Dimension: Ärmere Haushalte besonders betroffen
Der BuVEG widerspricht auch der These der Stiftung Klimaneutralität, eine Kostenverlagerung in den Stromsektor sei "aus sozialer Perspektive vorteilhaft". Die Stiftung argumentiert, das Stromsystem ermögliche eine "breitere Walzung" der Kosten auf viele Verbraucher.
Laut BuVEG greift dieses Argument zu kurz: Gerade die ärmsten Menschen wohnten in energetisch schlechten Gebäuden und seien daher hohen Stromkosten ausgesetzt. Wer besonders viel Strom verbrauche, müsse auch mehr bezahlen – das sei vom energetischen Zustand des Gebäudes abhängig.
Was die Debatte für Handwerksbetriebe bedeutet
Für Handwerksbetriebe im Bau- und Ausbaugewerbe hätte die Debatte Auswirkungen. Sollte sich die Lesart der Stiftung Klimaneutralität politisch durchsetzen, könnten Fördergelder stärker auf den Heizungstausch konzentriert werden – zulasten von Aufträgen für Dämmung, Fassade, Fenster und Dach. Der GIH fordert daher, öffentliche Mittel stärker auf die Reduktion des Wärmebedarfs durch Hüllensanierungen auszurichten.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat in der Vergangenheit in seinen energiepolitischen Leitlinien betont, dass energetische Sanierung der Gebäudehülle und moderne Gebäudetechnik ein "enormes Energieeffizienzpotenzial" bieten. Der Einbau von Wärmepumpen sei in vielen Bestandsgebäuden erst dann technisch und wirtschaftlich sinnvoll, wenn die Gebäudehülle zuvor auf einen besseren Effizienzstandard gebracht werde.
Der BuVEG mahnt zur Zusammenarbeit: "Die Klimaneutralität im Gebäudebestand kann nur im Zusammenspiel der verschiedenen Lösungen gelingen", so Hinrichs. Maßgeblich sei beim sehr unterschiedlich beschaffenen Gebäudebestand der Dreiklang aus Heizung, Gebäudehülle und Technik. "Ein Ausstechen und Gegeneinander ist wenig zielführend – sinnvoll wäre ein gemeinsames Unterhaken."
Der Gebäudesektor trägt in Deutschland zu 40 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen bei. Eigenheimbesitzer sind zunehmend verunsichert durch widersprüchliche Signale aus Politik und Wissenschaft. 55 Prozent der befragten Eigentümer empfinden die staatlichen Förderprogramme als unattraktiv. Die aktuelle Debatte um die Notwendigkeit der Gebäudehüllensanierung dürfte die Verunsicherung weiter verstärken und damit die ohnehin niedrige Sanierungsbereitschaft zusätzlich dämpfen.
