Nur 35 Prozent der Deutschen geben Handwerkern etwas extra. Und die Trinkgeld-Taste am Kartenlesegerät? Die kann in Bäckereien schnell nach hinten losgehen, zeigt eine neue Studie.

Der Auftrag ist erledigt, die Baustelle aufgeräumt, und zum Abschied gibt es vom Kunden einen feuchten Händedruck – statt Trinkgeld, wie es früher üblich war. Für viele Deutsche ist das Trinkgeld heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Handwerk ist es sogar die Ausnahme. Das zeigt eine Studie der Hochschule Fresenius, in der die psychologischen und sozialen Mechanismen des Trinkgelds analysiert wurden. Grundlage war eine repräsentative Appinio-Umfrage mit 750 Teilnehmenden.
Weniger Trinkgeld vor allem für Handwerker
Zwischen den Bereichen klaffen demnach große Unterschiede in der Trinkgeldbereitschaft. Die Forscher sprechen von einer Trinkgeld-Schere, die immer weiter auseinandergeht.
Zwar ist das Trinkgeld im Restaurant (82 Prozent) und bei Lieferdiensten (66 Prozent) weiterhin fest verankert. Doch in anderen Dienstleistungsbereichen bröckelt die Bereitschaft massiv. So greift beim Taxifahren nur noch jeder Zweite ins Portemonnaie. Bei Handwerkern (35 Prozent) und im Pflegebereich (26 Prozent) ist Trinkgeld mittlerweile die Ausnahme.
Wie die Trinkgeld-Taste die Interaktion verändert
Untersucht wurde auch, wie sich die Digitalisierung auf das Trinkgeld-Verhalten der Deutschen auswirkt. Im Fokus stand dabei die Trinkgeld-Taste, die beim Kartenzahlen abfragt, wie viel Trinkgeld der Kunde hinzufügen möchte. Sie ist mittlerweile in Restaurants weit verbreitet.
Weil das System den Kunden aktiv zu einer Entscheidung zwingt, entsteht ein psychologischer Druck, den es beim Bargeld nicht gab. Das sonst in Deutschland verbreitete Prinzip der Freiwilligkeit werde dadurch ausgehebelt, so die Autoren der Studie.
Die Studie differenziert jedoch stark nach Kontext: Im Restaurant mit Service am Tisch werde die Taste oft als hilfreiche "Eselsbrücke" gegen das Vergessen wahrgenommen. In schnellen To-Go-Situationen mit wenig oder keinem Service – etwa in der Bäckerei – empfänden Kunden sie hingegen als unangemessen. "Beim bloßen Überreichen eines Brötchens am Tresen wirkt dieser technische Zwang zur Entscheidung schnell wie eine Nötigung", sagt Frederic Hilkenmeier von der Hochschule Fresenius. uls
