Lebenslinien – der Name der BR-Reihe war wohl selten passender als in der Episode über die Konditormeisterin Barbara Krönner. Die Linie ihres Lebens war wenig gerade, ist geprägt von Durchhaltewillen, dem Einstellen auf neue Situationen – und zeigt ganz nebenbei, wie das Leben als Selbstständiger auch seine Spuren in Familie und Umfeld hinterlässt.

Es war wie so oft eine medizinische Diagnose, die ein Leben neu ordnet, ja auf den Kopf stellt. Bei Barbara Krönner, Konditorin aus dem oberbayerischen Murnau, war es ein Schlaganfall, der ihr klarmachte, dass sie so wie zuletzt nicht mehr weitermachen konnte. Seit Jahrzehnten war sie da schon mit der eigenen Konditorei in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen selbstständig, war diese Konditorei neben ihren drei Kindern ihr Lebensinhalt – als die Ärzte ihr sagten, dass sie gerade noch mal Glück gehabt hätte. Tage zuvor hatte es Anzeichen gegeben, doch sie war erst auf den letzten Drücker ins Krankenhaus gegangen. Dann also der harte Schnitt: Sie trat kürzer in der Konditorei. Wie gut, dass ihre beiden Söhne denselben Beruf wie sie gelernt hatten und einer schon zur Zeit des Schlaganfalls im mütterlichen Betrieb mitarbeitete. So konnte die Nachfolge in die Wege geleitet werden, Krönner fand Entlastung.
Bis es zu diesem Entschluss kam, hat Barbara Krönner ein bewegtes Leben geführt. Ein Leben, das die Redakteure des Bayerischen Rundfunks in eher sachlichen Bildern, aber dafür umso präziser und detailgetreu für ihre gelungene Dokumentation "Alles für meine Konditorei" einfingen. Und ein Leben, dessen Verlauf ganz deutlich zeigt, welchen Aufwand Selbstständige – nicht nur, aber natürlich auch im Handwerk – für ein erfolgreiches berufliches Leben betreiben müssen, und wie dieser Aufwand sich auch auf die engste Familie und damit das Privatleben nicht immer nur positiv auswirkt.
"Das Café war das Zuhause"
Als sie 1998 die Konditorei in Murnau übernahm, hatte Barbara Krönner schon den ersten Rückschlag in ihrem beruflichen Leben eingesteckt. Ihr Bruder war zuvor von der Mutter zum Nachfolger des elterlichen Cafés in Garmisch-Partenkirchen bestimmt worden. Des Cafés, in dem Krönner und ihr Bruder nicht nur ihre Kindheit verbracht, sondern das auch die Heimstatt der Familie war. "Das Café war das Zuhause", sagt Krönner im Gespräch mit den BR-Journalisten. Das bedeutete auch, dass die Familienverhältnisse im Vergleich mit anderen Familien eher speziell waren, zumal der Vater zusehends in ein Alkoholproblem hineinrutschte. "Ich wollte aus diesen anstrengenden Strukturen raus", sagt Barbara Krönner. Also fuhr sie mit ihrer besten Freundin Ski, ging in die Berge, die von Garmisch aus ja nicht weit weg waren. Sie reiste zu Freunden in die USA, doch die Mutter brauchte zuhause immer mehr Unterstützung. Barbara Kröner machte die Mittlere Reife, lernte zunächst als Steuerfachgehilfin, ehe sie den Beruf des Konditors erlernte und schließlich mit einer Bestnote ihren Meister machte. Und auch wenn "das Fernweh in all dieser Zeit blieb", wie es in der Dokumentation hieß, so zog es sie doch immer wieder zurück in die Heimat. "Das Gummiband war da", beschreibt es Krönner. "Nach drei oder vier Monaten war ich immer wieder daheim."
Und dort wird sie auch gebraucht, denn es bahnt sich immer mehr an, dass es eine Entscheidung zum elterlichen Café geben muss – eine Entscheidung, die auch das Leben von Krönner und ihrem Bruder tief beeinflussen wird. Der Vater stirbt früh, und die Geschwister haben unterschiedliche Vorstellungen, wie es mit dem Café weitergeht. "Wir werden es gemeinsam nicht schaffen, das fortzuführen", beschreibt Krönner die Einsicht, die die Mutter mit ihrer Entscheidung zugunsten des Bruders schließlich umsetzt. Irgendwie muss es ja weitergehen – auch das so ein typischer Satz, wenn es um die Nachfolge in einem selbstständig geführten Betrieb geht.
Start ohne Netz und doppelten Boden
Nachdem sie eher zufällig die Möglichkeit erhalten hatte, das Café mit Konditorei in Murnau zu pachten war, tut sie dies mit 34 Jahren – völlig ohne Netz und doppelten Boden, wie bei so vielen Selbstständigen. Zudem muss sie ein neues Konzept etablieren, zu unterschiedlich sind dabei die Vorstellungen von Krömmer und manchem Angestellten. "Warum sollen wir das Besteck polieren", hätten die Angestellten damals gefragt, das habe es doch bislang auch nicht gebraucht. Doch Krönner setzt sich durch, zieht ihr Konzept durch und erschließt sich so auch neue Kundenschichten. Die Bilder aus dem heutigen Café in Murnau ähneln nicht ganz umsonst denen aus dem elterlichen Café in Garmisch. Auf einem höheren Niveau als früher wird es nun geführt – aber natürlich auch mit viel Aufwand. Während das Café für die Gäste "wie ein zweites Zuhause" ist, ist Barbara Krönner sechs Tage die Woche von ihrem Zuhause weg, lebt viel für die Konditorei mit Café, sieht die Kinder selten.
Für die drei Kinder von Krönner ist diese Distanz zwischen Garmisch und Murnau ohnehin nicht leicht, und als sich Krönner und ihr Mann Mike nach 15 Ehejahren trennen, wird die Situation in der Familie noch einmal angespannter. Einer der Söhne will gar nicht nach Murnau zur Mutter, will in Garmisch bleiben. "Murnau wurde ein eigenes Lebensumfeld", beschreibt Krönner die Entfremdung von Garmisch. In Murnau lernt sie erneut einen Mann kennen, ordnet ihre Verhältnisse wieder, doch auch diese Beziehung scheitert nach weiteren zehn Jahren, gerade, als die Corona-Maßnahmen sie ohnehin vor große Herausforderungen stellen. Sie beginnt zu rauchen, trinkt zu viel. Schließlich kommt der Schlaganfall, und mit ihm die große Umkehr, gerade noch rechtzeitig. "Da ist etwas bei mir wie filigranes Glas zerbrochen", schildert sie den entscheidenden Moment.
Im Spannungsfeld von Arbeit und Familie
Es ist die vorerst letzte große, wichtige Entscheidung im Leben von Barbara Krönner gewesen, kürzerzutreten, und sie habe sich als richtig erwiesen, wie sie sagt. Jetzt gehe es darum, die Zeit anders zu verbringen, was auch eine Herausforderung sei. Es war eine Entscheidung von mehreren in einem Leben, das, wie so oft bei Unternehmern, geprägt war vom Spannungsfeld von Arbeit und Familie, zwischen Lebenswerk und Kindern. Heute sagt Barbara Krönner, dass ihre Kinder immer an erster Stelle gekommen seien, vor der Konditorei, und lächelt dabei. Ihr Sohn Mike, der den Betrieb übernimmt, schenkt der Mutter am Ende der eindrücklichen, emotionalen Dokumentation das wohl schönste Kompliment: "Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit, wie ihn die Mama damals gemacht hat, habe ich Riesenrespekt. Ob ich den Mut gehabt hätte, effektiv von null zu starten – das weiß ich nicht." Und ihre Tochter Martina, die sie im Verkauf entlastet, sagt mit Blick auf den Familienbetrieb den Satz, den viele Selbstständige von ihren Kindern gerne hören: "Es wäre schade, wenn es das nicht mehr geben würde."
>> Zur Sendung Lebenslinien: Alles für meine Konditorei