Öffentliches Schreiben an Bundesregierung Verbände fordern flexiblere Arbeitszeiten

29 Fachverbände appellieren gemeinsam an die Bundesregierung, die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche zu ersetzen. Das Bündnis will damit eine im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform vorantreiben. Die Gewerkschaften sehen das kritisch.

Im Koalitionsvertrag kündigte die Regierung an, die Höchstarbeitszeitung flexibler gestalten zu wollen. Das Thema hängt seitdem bei der Regierung in der Warteschleife. - © kwarner - stock.adobe.com

Ein breites Bündnis aus Wirtschaftsverbänden drängt die Bundesregierung zur Umsetzung einer veränderten Arbeitszeitregelung. In einem öffentlichen Appell fordern 29 Fachverbände, die gesetzlich geregelte tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen. Die Verbände berufen sich dabei auf eine entsprechende Vereinbarung im Koalitionsvertrag.

Zu den Unterzeichnern gehören auch etliche Handwerksverbände wie der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, der Deutsche Brauer-Bund, der Verband der Fleischwirtschaft sowie der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft. Die weiteren 25 Verbände repräsentieren weitere Branchen der deutschen Wirtschaft.

Rechtlicher Rahmen der EU bereits vorhanden

Die Verbände argumentieren, dass die europäische Arbeitszeitrichtlinie bereits den notwendigen Rahmen biete, um Flexibilität und Arbeitnehmerschutz miteinander zu vereinen. Im Koalitionsvertrag heißt es laut dem Appell: "Die Arbeitswelt ist im Wandel. Beschäftigte und Unternehmen wünschen sich mehr Flexibilität. Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen."

Das Bündnis betont, diese politische Absichtserklärung müsse nun endlich in die Tat umgesetzt werden. Die rechtlichen Voraussetzungen hierfür sollten zeitnah geschaffen werden, da die EU-Arbeitszeitrichtlinie entsprechende Regelungen bereits ermögliche.

Verbände sehen Vorteile für Betriebe und Beschäftigte

Nach Angaben der Verbände würden sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte von der Reform profitieren. Betriebe könnten mit der Umstellung auf wöchentliche Höchstarbeitszeiten besser auf Produktionsspitzen oder unvorhersehbare Arbeitsbelastungen reagieren. Dies ermögliche eine flexiblere Anpassung an moderne Arbeitsprozesse.

Für die Beschäftigten würden bei gleichbleibender Stundenzahl mehr Zeitautonomie und persönliche Freiräume entstehen, argumentieren die Verbände. Dies fördere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erheblich. Das deutsche Arbeitszeitgesetz müsse daher modernisiert werden, um den Anforderungen der sich wandelnden Arbeitswelt gerecht zu werden.

Die Verbände appellieren an die Bundesregierung und die regierungstragenden Fraktionen, praxisnahe und zukunftsfähige Regelungen umzusetzen und die deutsche Arbeitszeitgesetzgebung entsprechend zu modernisieren.

Gewerkschaften warnen vor Aufweichung

Die Gewerkschaften wie der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB stehen den Reformplänen kritisch gegenüber. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi warnt vor einer einseitigen Verschiebung zulasten der Beschäftigten. Eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes wäre kontraproduktiv, da überlange Arbeitszeiten zu Erkrankungen führten, die Wirtschaft und Gesundheitssystem schwer belasteten.

Deutlich schärfere Kritik kommt von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). "Am 8-Stunden-Tag darf nicht gerüttelt werden – denn schon heute arbeiten die Beschäftigten, zum Beispiel in der Süßwarenindustrie, in den Bäckereibetrieben und im Gastgewerbe am Limit", sagte NGG-Vorsitzender Guido Zeitler. Wer ihre Tage noch weiter verlängern wolle, ignoriere die Realität aus Mehrarbeit, Wochenenddiensten, körperlicher Belastung und fehlender Erholung. Gerade in Branchen mit Schichtarbeit, Personalmangel und hoher Arbeitsdichte wäre eine Ausweitung der Arbeitszeit laut Zeitler ein Brandbeschleuniger für gesundheitliche Probleme und Fachkräfteschwund. Die derzeitigen arbeitszeitrechtlichen Leitplanken schützten die Menschen und müssten deshalb unangetastet bleiben. ewö