Schreinerei am Bodensee So entsteht ein Gewerbebau mit Wohnzimmer-Atmosphäre

Holzbau Schmäh hat seinen neuen Gewerbebau als klares Bekenntnis gebaut: zu Nachhaltigkeit, zum Handwerk und einer Arbeitswelt, die Menschen und Umwelt gleichermaßen berücksichtigt. Das reicht von Mitarbeiterwohnungen bis hin zur Milch im Kaffee.

Holzbau Schmäh
Eingebettet in die Natur: Der neue Campus von Holzbau Schmäh besticht nicht nur durch seine verwendeten Naturmaterialien und die ausgezeichnete Energiebilanz. Lichtdurchflutete Räume und gemütliche Aufenthaltsbereiche sollen den Mitarbeitern einen Arbeitsplatz mit Wohlfühlatmosphäre bieten. - © Martin Maier Photography BFF

Der erste Eindruck passt nicht in die Schublade "Gewerbehalle". Wer den neuen ­Firmensitz von Holzbau Schmäh in Meersburg betritt, stößt auf warme Oberflächen, viel Licht – und auf einen Aufenthaltsraum, der eher an ein Hotel als an eine Werkstatt erinnert.

"Wir wollten ein Gebäude, das zeigt, wohin die Reise geht", sagt Geschäftsführer Sebastian Schmäh. "Nachhaltigkeit ist für uns kein Verkaufslabel, sondern eine Haltung. Und die beginnt bei der ­Ressource Mensch."

Das Haus ist dafür Manifest und Werkzeug zugleich. In der großen Halle wächst – sichtbar hinter Glas – das Verwaltungsgebäude als Holz-­Hybrid in die Höhe. Lehm aus der eigenen Baugrube steckt in den Decken, Massivholz bestimmt Wände und Tragwerk, die Dämmung besteht nahezu durchgängig aus Zellulose und Holzfaser. "Wir arbeiten mit wenig Leimanteilen, setzen auf Diagonalverschalungen statt großflächig verleimter Platten und dämmen ­ökologisch – wo der Brandschutz es zulässt, konsequent", erläutert Schmäh.

Selbst beim Flachdach ging das Team einen ungewöhnlichen Weg: "Als wir gebaut haben, war Holzfaser dort noch nicht als Produkt zugelassen. Wir haben trotzdem eine Lösung entwickelt – weg vom aufgeschäumten Material, hin zu einem ökologischen Aufbau."

Arbeits- und Lebensraum für die nächsten 100 Jahre

Über dem Holz liegt ein Biotop: Gründach, Bienenstöcke und eine Photovoltaikanlage bilden ein eigenes kleines Ökosystem. Das Grundstück, früher intensiv genutzt, wurde renaturiert, Hochstamm-Obstbäume gepflanzt. Die Grundrisse sind frei und robust gedacht, damit künftige Umnutzungen möglich bleiben. "Wir bauen für 100 oder 150 Jahre – nicht für 30", so Schmäh. "Denkmalschutz und Bestandserhalt prägen unsere Genetik. Diese Langlebigkeit wollten wir in die Gegenwart übersetzen."

Die Haltung zeigt sich ebenso im Inneren. Herzstück ist ein hoher, offener Gemeinschaftsraum mit Küche. Hier wird gefrühstückt, ge­kocht, gegrillt, vorgetragen. An der Südseite stehen geölte Eichensäulen, Vollholz aus der Denkmalpflege, 15 Jahre getrocknet. "Wir wollten keinen weiß gestrichenen Raufaserraum", sagt Schmäh. "Wenn wir hochwertige Gebäude für andere bauen, dann sollen unsere Mitarbeitenden das auch spüren." Kleinigkeiten machen den Unterschied: Bio-Kaffee, Vorzugsmilch und frisches Obst aus dem regionalen Anbau. "Das klingt banal, ist aber Ausdruck derselben Konsequenz."

Zum Firmensitz gehört noch mehr: Mitarbeiterwohnungen sind integriert, im obersten Geschoss arbeiten externe Partner – Architekten, Energieberater, Planer. Der Campus dient als Fortbildungsort, nach innen wie nach außen. "Wir wollen nicht nur ein Buch schreiben, wie es geht – wir wollen zeigen, wie es gelingt", sagt Schmäh. Führung, Feed­back-Kultur, Kommunikation: Themen, die seine Frau künftig in eigenen Kursen für Handwerksbetriebe anbietet. "Das Handwerk bildet hier oft zu wenig aus. Wir investieren bewusst in diese weichen Faktoren."

Jede Menge Platz: Auf einer Fläche von 3.000 Quadratmetern befinden sich neben Büro- und Wohngebäuden auch die Fertigungsstätten. - © MarMaier Photography BFF

Ein Ort der Begegnung für Mitarbeiter und Kunden

Das Projekt ist ambitioniert, aber auch mutig – wirtschaftlich betrachtet. "Wir haben siebeneinhalb Millionen investiert und rund eineinhalb Millionen an Fördergeldern eingeworben", so Schmäh. "Die Förderwelt war eine Herausforderung: mal waren wir zu früh mit dem Antrag, mal zu spät, vieles widerspricht sich." Auf der Energieseite setzt die Firma auf Photovoltaik, Dachbegrünung, eine Hackschnitzelheizung und einen Batteriespeicher. "Unser 60‑kW‑Speicher rechnet sich bei den aktuellen Preisen erst nach 15 bis 20 Jahren. Das ist ehrlich gesagt ernüchternd. Aber wir bauen für Jahrzehnte – da zählt die Richtung."

Der Effekt auf Marke, Kundschaft und Personal ist bereits spürbar. "Sichtbarkeit ist enorm wichtig – für wertige Planer, für Kunden, für Mitarbeitende", sagt Schmäh. "Fast alle, die hier waren, gehen mit dem Wunsch, mit uns zu arbeiten – oder bei uns anzufangen." In Zahlen heißt das: über 60 Beschäftigte, davon rund 20 in Ausbildung. „Wir haben mehr als doppelt so viele Bewerbungen wie Plätze“, berichtet Schmäh. "Das bestätigt uns: Wer Sinn, Qualität und Haltung glaubwürdig verbindet, gewinnt."

Der Handwerksbetrieb wächst seit zwei Jahrzehnten organisch – heute bis an die Grenzen des Standorts. "Wir sind tief in Meersburg verwurzelt und wollten bleiben", sagt Schmäh. "In diesem Gebäude könnten wir noch 15 bis 20 Personen zusätzlich integrieren – dann ist gut. Wir jagen keinem Wachstum um jeden Preis hinterher." Der Markt sei anspruchsvoller geworden, man müsse genauer schauen. "Aber ich bin überzeugt: Wer sich klar positioniert und ehrlich nachhaltig arbeitet, wird Aufträge und Menschen finden."

Auch Digitalisierung ist ein Thema. Aber mit Maß. "Wir nutzen Laseraufmaß, Laser­scans, CAD; jedes Baustellen-Team hat iPads. Wir holen uns Hilfsmittel", sagt Schmäh. "Aber wir versuchen, das Handwerk zu erhalten." Er beobachtet mit Skepsis, wenn große Holzbaubetriebe in Fließbandlogik investieren: "Ein Zimmermann, der nur noch mit dem Stapler vorne reinfährt und hinten wieder raus, im Dreischichtbetrieb – das wollen viele nicht. Unsere Leute schätzen die Abwechslung zwischen Halle und Baustelle, klein und groß."

Holzbau Schmäh
Eine Investition in die Zukunft: Der hochmoderne Firmensitz ist auch ein Pluspunkt, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. - © Maier Photography BFF

Finalist für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis

Auch architektonisch blieb vieles Verhandlungssache mit Planern und Architekten, denn Schmäh wollte nichts von der Stange. Er erzählt von einer Waldkantenschalung – Bretter, die die natürliche Stammkante behalten. "Wie beim guten Stück Fleisch: Man verwertet nicht nur das Filet. Am Stamm ist mehr als die perfekte Bretterware." Der Architekt habe zunächst gezögert, dann den Gedanken aufgenommen. "Wenn Holzbauer, Planer und Bauherr miteinander ringen, kommt am Ende meist ein gutes Ergebnis dabei heraus."

Dass der Bau für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur nominiert ist und zu den vier Fina­listen des prestigeträchtigen Wettbewerbs zählt, freut ihn doppelt. "Es ist nicht nur ein Preis für Architekten. Es braucht den Bauherrn und das ­bauende Handwerk, das es mit Begeisterung trägt. Wir blicken sehr gespannt auf die Siegerehrung im November."

Der Betrieb möchte ein Vorreiter sein für seine Branche und ermutigt andere Betriebe sich genauso konsequent auf Nachhaltigkeit zu fokussieren. "Die Zukunft wird im Holzbau sein", ist Schmäh sicher. "Mit kluger Kombination mineralischer Baustoffe, wo statisch nötig – aber ressourcenschonend, mit möglichst wenig Erdaushub und einem Blick aufs Ganze." Sein Appell richtet sich an Kolleginnen und Kollegen: "Habt Mut. Denkt groß – und zeigt, was ihr könnt. Viele machen es schon gut, nur sieht man es von außen nicht."

Der Betriebsinhaber leugnet aber zugleich nicht, dass das Projekt auch ein großer Kraftakt für sein Team und ihn war - mental, körperlich und finanziell. "Ich würde es dennoch immer wieder so machen", sagt Sebastian Schmäh lachend. "Genau so."