Viele Jugendliche haben heute keinen Traumberuf mehr. Sie stehen schon kurz vor dem Schulabschluss und wissen dennoch nicht, wie es danach weitergeht. Mehr denn je brauchen sie eine Anleitung für die Praxis. Hier springt Uschi Knieling ein und vermittelt sie dann auch an Ausbildungsbetriebe. Aus dem Leben einer "Azubi-Headhunterin".

Jahrzehnte lang war Uschi Knieling als Zahntechnikerin angestellt. Jedes Jahr kamen neue Azubis in die Firma, doch mit jedem Jahr waren es weniger. Immer weniger von ihnen blieben nach der Ausbildung im Betrieb. Es fehlte an Motivation – und das auf beiden Seiten. "Die Abläufe wurden viel zu selbstverständlich hingenommen und keiner bemühte sich um den anderen", erzählt Knieling. Sie beobachtete, dass im Betrieb keiner darauf geschaut hat, was die Azubis brauchen, um sich dort eine Zukunft vorstellen zu können. Die Jugendlichen selbst waren von ihrem Beruf meist wenig begeistert. Sie arbeiteten getreu dem Motto: "Man muss ja nach der Schule irgendeine Ausbildung machen."
Dass diese Form der gegenseitigen Gleichgültigkeit nicht lange funktionieren kann, war für Uschi Knieling, die sich heute "Azubi-Headhunterin" nennt, schnell sichtbar. Im Angestelltenverhältnis konnte sie aber kaum etwas dagegen tun. Als sie ihre Anstellung verlor, setzte sie ihre langjährigen Beobachtungen in eine neue Geschäftsidee um. Sie machte sich selbstständig und vermittelt heute Azubis Ausbildungsplätze, die möglichst passgenau sind und damit eine langfristige Perspektive für beide Seiten versprechen.
"Azubi-Headhunterin": Erster Schritt Berufsperspektive erarbeiten
Ihr Ansatz ist dabei ein anderer als der von Beratungsstellen und Personalbüros. Als "Azubi-Headhunterin" geht sie auf die Jugendlichen zu und erarbeitet mit ihnen erst einmal eine Berufsperspektive. Denn das sei für die meisten Jugendlichen die erste Hürde: sich auf dem alles versprechenden Markt zu orientieren und einen praxisnahen Zugang zum Thema Berufswahl zu finden. Schon vor dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte Uschi Knieling durch ihre zwei Töchter mitbekommen, wie schwer das heute für Jugendliche sein kann. Viele Jahre hatte sie sich durch Aktivitäten in Schule und Vereinen in ihrer Region rund um Worms ein Netzwerk aufgebaut, Kontakt geknüpft und Erfahrungen gesammelt.
Ein wichtiges Fazit, das sie heute durch ihre persönlichen Beobachtungen und nun auch schon durch ihre Arbeit mit vielen Schülern zieht, lautet: "Jugendliche vereinsamen durch die viele Zeit am Handy". Es sei ein Trugschluss, dass die vielen Online-Kontakte ein Ersatz für ein stabiles soziales Umfeld sind. In der realen Welt klarzukommen – vor allem, wenn es um etwas so Konkretes wie den Einstieg ins Arbeitsleben geht – wäre eine große Hürde für viele. Hier könne man sich nicht hinter künstlichen Profilnamen oder KI-Bildern verstecken. "Face to face ein Vorstellungsgespräch zu bewältigen, wird dann zur besonders großen Herausforderung", nennt Uschi Knieling als Beispiel. "Die Jugendlichen sehen heute sehr taff aus. Sie verhalten sich so, aber sie sind es nicht, wenn man sich Zeit nimmt und mit ihnen spricht", ergänzt sie.
Dennoch erstaunt es sie immer wieder, wie viele Jugendliche, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, noch Unterstützung brauchen. Dabei geht es auch darum, einen offiziellen Termin wahrzunehmen oder ein Gespräch mit einer fremden Person zu führen. "Jugendliche brauchen heute mehr denn je jemanden, der sie an die Hand nimmt, die ersten Schritte mit ihnen geht und ihnen eine Anleitung gibt." Als "Azubi-Headhunterin" macht sie unter anderem genau das.
"Jugendliche brauchen heute mehr denn je Unterstützung"
Kontakte baut sie auf, indem sie in Schulen geht und dort ihr Angebot vorstellt. "Meistens bin ich dann ein paar Minuten mit im Unterricht und lade die Jugendlichen der achten und neunten Klassen zu einem Workshop ein", erklärt sie. Der Workshop findet dann zwar in der Schule, aber in der unterrichtsfreien Zeit statt. Die Schülerinnen und Schüler kommen also freiwillig. Sie möchten sich anschauen, wie Uschi Knieling dabei helfen kann, ein Berufsziel zu entwickeln und zu verstehen, wie der Weg zu einem Ausbildungsplatz aussehen kann. Sie zeigt, wie man eine Bewerbung schreibt und übt mit dem ein oder anderen, wie man sich im Vorstellungsgespräch verhalten sollte – und wie besser nicht. Die Workshops sind kostenlos. Wer davon überzeugt ist, dass sich mithilfe der "Azubi-Headhunterin" der richtige Berufswunsch und später sogar ein passender Ausbildungsplatz finden lässt, kann individuelle Beratungen und Trainings buchen. Diese sind dann das, von dem die "Azubi-Headhunterin" lebt.
Da Uschi Knieling ein großes Netzwerk aufgebaut hat, kennt sie viele Betriebe und weiß, wer Ausbildungsplätze in welchen Berufen zu vergeben hat. So kann sie dann auch gezielt vermitteln. Mittlerweile ist sprechen Betriebe sie aber auch an und fragen, ob sie nicht jemanden Passenden für sie hätten. Kontakte entstehen aber auch über Anfragen auf ihrer Website, die sie als zentral für ihre Selbstständigkeit bewertet. Die Jugendlichen, mit denen sie arbeitet, begleitet sie oftmals eine längere Zeit. So kennt sie ihre Stärken und Schwächen. Sie kann absehen, wer zu wem passen kann. Dennoch rät sie sowohl den Jugendlichen als auch den Betrieben, wieder mehr Bereitschaft zum Ausprobieren zu zeigen.
Es fehle oftmals nicht nur an Motivation, sondern auch an Mut. "Vielleicht ist auch das ein falsches Bild, das die sozialen Netzwerke vermitteln, aber nicht alles, was man anpackt, muss ein großer Erfolg werden. Man darf auch Dinge ausprobieren, um dann zu wissen, was man wirklich möchte", sagt sie. Entsprechend sollten Betriebe auch viel mehr Praktikumsplätze anbieten und darauf hinweisen, dass auch daraus ein Ausbildungsplatz entstehen kann – dann, wenn alles gut zusammenpasst.
"Azubi-Headhunterin" rät: Praktika bringen Vorteile
Praktikumsplätze würden auch die Hemmschwelle, für die Jugendlichen senken, Kontakt aufzunehmen. "Wenn klar ist, dass es erst einmal nur ein Test ist und nicht zwingend der Traumjob sein muss, sinkt auch die Nervosität – und die ist bei wirklich vielen sehr groß", sagt die Trainerin. Denn als solche arbeitet sie mit den Jugendlichen Tag für Tag am meisten. Sie erlebt, dass trotz des riesigen Informationsangebots im Internet und den Hilfen, die es durch KI mittlerweile gibt, immer weniger Jugendliche in der Lage sind, einen korrekten Lebenslauf zu verfassen – geschweige denn ein Anschreiben für die Bewerbungsunterlagen. "Am schwierigsten ist es aber für viele, sich auf die Situation im direkten Gespräch mit einer Ausbilderin oder einem Ausbilder vorzubereiten", sagt sie. Das müsse oftmals lange geübt werden.
Doch bevor es so weit ist, geht es darum, den Berufswunsch erst einmal zu finden. Dazu müssen die Jugendlichen auch lernen, ihre eigenen Vorlieben, Talente und Ziele zu beschreiben. Oftmals ist das etwas, was erarbeitet werden muss. So ist der Job der "Azubi-Headhunterin" zwar einer, der schlussendlich Ausbildungsplätze vermittelt. Zuvor übernimmt sie aber sehr viele Aufgaben in der Berufsvorbereitung. Aufgaben, die viele für selbstverständlich halten, deren Vermittlung aber in vielen Schulen und auch in Familien zu kurz kommt – geschweige denn im Internet in praxisnaher Form zur Verfügung steht.
Auch im folgenden Video-Interview erklärt Uschi Knieling, wie sie als "Azubi-Headhunterin" arbeitet: