Unternehmer-Parlament in Brüssel Deutsche Unternehmer kritisieren EU-Entscheidungen live vor Ort

Einmal am Rednerpult stehen und für seine Branche kämpfen: Diese Chance nutzten 700 Unternehmer im EU-Parlament – darunter eine deutsche Konditormeisterin, die die Probleme ihrer Zunft deutlich ansprach. Ob Handwerker oder großer Mittelständler, bei vielen Forderungen waren sich die deutschen Vertreter einig.

Handwerk und EU-Politik auf einem Bild: Konditormeisterin Sara Hofmann und Tischlermeister Franz Vogel nahmen Eric Mamer, Generaldirektor Ökopolitik in der EU-Kommission, in die Mitte. - © Hajo Friedrich

Einmal in die Rolle von Europaabgeordneten schlüpfen und für seine Sache einstehen: Diese Gelegenheit nutzten mehr als 700 Unternehmerinnen und Unternehmer aus 43 europäischen Ländern beim "Europäischen Parlament der Unternehmen" in Brüssel. In einer simulierten Parlamentssitzung im EU-Parlament konnten die Teilnehmer ihre Sorgen und Erwartungen direkt an hochrangige EU-Vertreter herantragen.

Teil der 90-köpfigen deutschen Delegation war unter anderem Sara Hofmann. Als Konditormeisterin und Bundesvorsitzende der Junioren des Handwerks vertrat sie die Branche. Sie machte deutlich: Die Energieproblematik trifft das Bäckerhandwerk besonders hart. "Wir Bäckereien sind auf fossile Brennstoffe angewiesen, etwa 80 Prozent von uns backen noch mit fossilen Brennstoffen, weil keine Alternative da ist, die wirtschaftlich tragfähig für uns ist", sagte Hofmann in ihrer Rede.

Die Handwerksbetriebe könnten nicht einfach ihren Standort wechseln, da die Kunden vor Ort ihre Backwaren nach regionalen Traditionen kaufen möchten. "Erneuerbare Energien sind sicherlich die Zukunft. Allerdings brauchen wir erstmal einen Energiemix, um eine Härte zu vermeiden und weiter produzieren zu können, da wo wir momentan sind", so Hofmann weiter.

In der Diskussion präsentierten die deutschen Unternehmer ihre konkreten Ideen. Ob Familienunternehmer oder Konzernvertreter, in gewissen Forderungen war sich die Mehrheit einig: Sie riefen nach mehr Unterstützung, deutlich weniger Bürokratie und einer effektiveren Strategie für die wirtschaftspolitischen Herausforderungen Europas.

Klare Botschaften aus der Wirtschaft

Die Abstimmungsergebnisse der simulierten Parlamentssitzung zeigten deutliche Kritikpunkte auf:

Auch ZDH-Präsident Jörg Dittrich (rechts) nutzte das Unternehmer-Parlament zum Austausch. Weiter auf dem Bild Konditormeisterin Sara Hofmann, EU-Botschafter Thomas Ossowski und Tischlermeister Franz Vogel. - © Hajo Friedrich
  • 99 Prozent leiden unter hohen Energiekosten, die Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen in die grüne Transformation erschweren
  • 98 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten keine spürbare Reduzierung der Verwaltungslasten erlebt
  • 93 Prozent erleben zusätzliche Engpässe und Herausforderungen in ihren Lieferketten aufgrund geopolitischer Spannungen
  • 91 Prozent fordern einen EU-Beauftragten für kleine und mittlere Unternehmen
  • 90 Prozent fordern mehr EU-Hilfe beim Nutzen von Freihandelsabkommen
  • 88 Prozent sehen den EU-Binnenmarkt als unzureichend integriert an, um frei agieren und konkurrieren zu können
  • 86 Prozent halten Nachhaltigkeitsberichte für unwirksam zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitiger Förderung der Nachhaltigkeit

Kritik an fehlender EU-Präsenz

Vladimír Dlouhý, Präsident von Organisator Eurochambres, kritisierte, dass kein einziges Mitglied der Europäischen Kommission an der Veranstaltung im Plenarsaal teilnahm. Er zeigte sich jedoch überzeugt, dass die Stimme von mehr als 700 Unternehmern bis zum Berlaymont-Gebäude der Kommission durchdringen werde, da sie zu stark sei, um überhört zu werden.

Das Europäische Parlament der Unternehmen wurde erstmals 2008 abgehalten und findet seither im Regelfall alle zwei Jahre statt. Organisator ist Eurochambres, Dachverband der Europäischen Industrie- und Handelskammern. Den Teilnehmern soll in diesem Forum ein umfassender Einblick in die komplexen Entscheidungsprozesse der EU-Institutionen gewährt werden. ewö