Umgang mit Tod und Trauer Campus Vivorum: Willkommenskultur auf dem Friedhof

Als weltweit erstes Experimentierfeld für zukunftsfähige Friedhöfe gibt der Campus Vivorum Impulse für deren Umgestaltung zu Orten, die niemandem zur Last fallen und trotzdem selbstbestimmte Trauer ermöglichen. Initiator Günter Czasny hat dafür viel Expertise eingeholt – von der Wissenschaft bis zum Handwerk.

Eingang Campus Vivorum
Der Campus Vivorum gilt als Experimentierfeld für zukunftsfähige Friedhöfe. Den Eingang haben die norwegischen Architekten Beate Holmebakk und Per Tamsen gestaltet. - © Initiative "Raum für Trauer"

Ein Ort, der Geborgenheit schenkt, Trauer zulässt, aber nicht zwingend einen hohen Pflegeaufwand erfordert. So wirbt die Stadt Eislingen im Filstal für das neue Grabfeld, das demnächst auf dem Friedhof Nord eröffnet werden soll. Die Inspiration dazu liefert der Campus Vivorum im benachbarten Süßen. Auf einem 6.000 Quadratmeter großen Areal der Kunstgießerei Strassacker befindet sich dort eine Art Freiluft-Laboratorium für zu­kunftsfähige Friedhofskonzepte.

Auf dem Campus Vivorum bündelt sich, was in jahrelanger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Psychologen, Landschaftsarchitekten und Trendforschern erarbeitet wurde. Hier wird erlebbar, wie kreative Steinmetze, Friedhofsgärtner oder Bestatter die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Szene setzen. Alles mit einem festen Ziel: Impulse für menschen­zugewandte Friedhöfe zu geben, in denen die Grabpflege niemandem zur Last fällt und die trotzdem selbstbestimmte Trauerhandlungen ermöglichen. So formuliert es Günter Czasny, die treibende Kraft hinter dem Campus Vivorum.

Der Ziseleurmeister und Betriebswirt des Handwerks ist seit mehr als 20 Jahren stellvertretender Ge­schäftsführer der Kunstgießerei Strassacker, die zwei Drittel ihres Umsatzes mit sakraler Kunst und Schriftzeichen für Grabstätten er­­wirtschaftet. "Die Entwicklung der Friedhofskultur betrifft uns direkt. Deshalb habe ich mich frühzeitig mit dem Thema beschäftigt. Heute wissen wir, dass Trauerverhalten und Grabpflege nicht das Gleiche sind", sagt Czasny, der auch qualifizierter Trauerbegleiter ist. 

Widerspruch zwischen Denken und Handeln

Die Friedhöfe leiden seit Jahren unter dem gesellschaftlichen Wandel. Immer mehr Feuer- statt Erdbestattungen sowie alternative Bestattungsformen dünnen die Friedhöfe aus und treiben die Kosten bei den Betreibern in die Höhe. Kommunen und Kirchgemeinden reagieren mit neuen Beisetzungsangeboten wie Kolumbarienwänden oder anonymen Grabstellen.

Doch bei seinen Streifzügen durch die Friedhöfe im Land machte Czasny eine überraschende Entdeckung. Obwohl sich Hinterbliebene bewusst für eine pflegefreie Grabstätte entschieden hatten, stellten sie Blumen, kleine Engel oder Grablichter auf. Und zwar ausgerechnet dort, wo sie die Urne vermuten und nicht, wo es laut Friedhofssatzung erlaubt wäre.

Trauerbegleiter Günter Czasny
Für Günter Czasny und seine Mitstreiter von der Initiative "Raum für Trauer" ist die Bewahrung der Friedhofskultur eine Herzensangelegenheit – und der Campus Vivorum die Quint­essenz ihres Engagements. - © Ulrich Steudel

Dem Widerspruch, wie neue Grabformen gedacht und gehandhabt werden, versucht Czasny zusammen mit der Initiative "Raum für Trauer" seit Jahren auf den Grund zu gehen. Da­­bei wurden Experten aus Architektur, Landschaftsplanung, Friedhofsgestaltung, Trauerbegleitung, Psychologie und Theologie zu Rate gezogen. "Wir haben Grab und Friedhof infrage gestellt." Mit ernüchterndem Ergebnis: 67 Prozent der befragten Personen ist der Friedhof für ihre Trauer nicht wichtig. Im Grab sehen sie keinen Nutzen.

Der Psychiater und Psychologe Michael Lehofer widerspricht: "Das Grab ist quasi die Psychotherapie­praxis für Menschen, die traurig sind, weil sie andere verloren haben. Es ist auch der Ort, an dem die Erlösung von jenen Aspekten der Bindung zum Verstorbenen passiert, die uns unser Leben unbeschwert weiterführen lässt", schreibt der österreichische Professor. Günter Czasny zieht daraus den Schluss, dass für viele Menschen selbstbestimmtes Handeln am Grab eine positive Wirkung für ihre Trauer hat und dieses dadurch zu einem heilsamen Trauerort werden kann, direkt bei Urne oder Sarg. Dort, wo sich Hinterbliebene den Verstorbenen am nächsten fühlen.

Campus Vivorum gibt Impulse für Veränderung

Diese Orte so zu gestalten, dass Menschen sich wohlfühlen, miteinander in Kontakt treten oder sich zur Kontemplation ungestört zurückziehen können, dafür bietet der Campus Vivorum Anschauungsunterricht.

Das beginnt am Eingang, der von den norwegischen Architekten Beate Holmebakk und Per Tamsen mit viel Symbolkraft gestaltet wurde. Unter der Last der schweren Holzbalken wölben sich die Natursteinsäulen, die das Dach tragen. Es folgen Flächen, die den unterschiedlichsten Ansprüchen Raum bieten: Abschied nehmen, Erinnerungen teilen, Begegnungen genießen, zum Beispiel bei einem kleinen Picknick mit Kindern. Flächen, die der Vielfalt der Kulturen und Religionen Rechnung tragen oder den Hinterbliebenen Zeit bieten, über die endgültige Bestattungsform von Verstorbenen nachzudenken. Es gibt auch einen Rückzugs- und Trauer­ort für Menschen, deren Angehörige an einem weit entfernten Ort begraben sind.

Projektleiter Max Geiger auf dem Campus Vivorum
Projektleiter Max Geiger berät Friedhofsträger, die ihre Friedhöfe umgestalten möchten. Die Stadt Eislingen hat bereits ein neues Grabfeld umgesetzt. - © Ulrich Steudel

"Wenn die rund 32.000 Friedhöfe in Deutschland wieder Anziehungskraft entfalten wollen, müssen sie sich den Bedürfnissen der Bürger anpassen. Der Campus Vivorum liefert Beispiele dafür, wie das mit einfachen Mitteln gelingen kann", sagt Projektleiter Max Geiger bei einer Führung durch das herbstlich bunt gefärbte Gelände.

Inspirationen für die Entwicklung der Friedhöfe

Das Interesse am Campus Vivorum ist riesig. Seit der Eröffnung im Juni 2023 haben sich mehr als 200 Be­­suchergruppen mit Fachleuten aus dem gesamten Bundesgebiet in Süßen über die Ideen für einen zu­kunftsfähigen Friedhof informiert. Unter ihnen viele Steinmetze, wie die aktuelle Klasse der Meisterschule aus Aschaffenburg.

Schulleiterin Ulrike Ader: "Unsere Absolventen sind im Schnitt Mitte 20. Sie haben oft keine Erfahrung mit dem Tod, sollen aber Hinterbliebene bei der Auswahl eines Grabmals beraten. Der Besuch im Campus Vivorum war für den Unterricht zum Thema ,Sterben – Tod – Erinnern‘ ein wichtiger Baustein." Viele Steinmetz-Innungen organisieren Reisen mit Vertretern der ört­lichen Friedhofsträger nach Süßen, um sich Inspirationen für die Entwicklung ihrer Friedhöfe zu holen.

Demnächst will Bestattermeister Markus Maichle mit Verantwortlichen der Stadt Bad Buchau den Campus Vivorum besuchen. Er war von Beginn an in das Projekt eingebunden. "Niemand kennt die Wünsche der Hinterbliebenen besser als wir Bestatter. Ich bin stolz darauf, dass ich diese Impulse mitgeben konnte", sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes. Für Maichle erfüllen Friedhöfe neben der Trauerbewältigung wichtige Funktionen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Friedhöfe bieten Raum für Erholung, dienen als Treffpunkt und sind in den Städten als parkähnliche Landschaften wichtig für den Klimaschutz." Der Campus Vivorum liefere einen wertvollen Beitrag, um das Ansehen der Friedhöfe wieder mehr Gewicht zu verleihen.

"Vielleicht die letzte Chance, die Friedhöfe als Kulturraum zu erhalten"

Mitglieder des Arbeitskreises "Friedhof und Grabmal" im BIV Steinmetze
Mitglieder des Arbeitskreises "Friedhof und Grabmal" im Bundesverband Deutscher Steinmetze haben aktiv an der Gestaltung des Campus Vivorum mitgearbeitet. - © BIV Steinmetze

Der Vorsitzende des Arbeitskreises "Friedhof und Grabmal" im Bundesverband Deutscher Steinmetze geht noch einen Schritt weiter. Hermann Ru­dolph aus Obergünzburg sieht in dem Projekt die vielleicht letzte Chance, die Ab­­wärtsspirale in der Entwicklung der Friedhöfe umzukehren und sie als Kulturraum und soziale Begegnungsorte zu erhalten. Dazu haben auch die Steinmetze ihren Beitrag geleistet. Die Grabzeichen und gestalteten Räume auf dem Gelände in Süßen stammen überwiegend vom Entwurf bis zur handwerklichen Ausführung von Mitgliedern des eigens um einige Kollegen erweiterten Arbeitskreises. "Der Campus Vivorum bietet den Entscheidern in den Kommunen und Kirchgemeinden neutrale Anregungen für die Planung, um Friedhöfe ohne großen Aufwand so zu gestalten, dass ihre Akzeptanz in der Bevölkerung wieder steigt", sagt Steinmetzmeister Ru­dolph.

In der Stadt Eislingen hat man erste Anregungen bereits aufgegriffen. Weitere Friedhofsträger werden diesem Beispiel folgen. Und viele Steinmetze, deren Betriebe als Nachbarn in enger Symbiose mit den Fried­höfen existieren, dürfte das wieder ermutigen. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.