Instrumentenbau Ohne diese Erfindung wäre der Tango undenkbar

Robert Wallschläger hat in Sachsen mit seiner Bandoneon-Manufaktur eine lange Tradition wiederbelebt. Manche Instrumente sind mit unglaublichen Geschichten verbunden.

Therese Wallschläger bei der Montage von Tonzungen. - © Heidi Diehl

Auf die Frage, wo das Bandoneon, das Herz und die Seele des Tangos erfunden wurde, würden wohl viele ihr letztes Hemd darauf verwetten, dass es selbstverständlich in Argentinien war. Wo sonst, verkörpert es doch das Lebensgefühl der Argentinier wie kein anderes Instrument.

Doch falsch gedacht: Nicht in Südamerika, sondern gut 9.000 Kilometer weiter nördlich liegt der Ursprung des Bandoneons – im sächsischen Chemnitz. Erfunden von Carl Friedrich Uhlig, einem Strumpfwirker und leidenschaftlichen Musiker. In Wien hatte er das Akkordeon kennengelernt, es faszinierte ihn sehr, aber er erkannte schnell, dass es nicht ganz so einfach zu erlernen ist. Deswegen wollte Uhlig das Instrument verbessern, sodass man es ohne Notenkenntnisse spielen und überall mit hinnehmen kann. Am 19. Juli 1834 offerierte er im "Chemnitzer Anzeiger" ein "Accordion nach neuer Art nebst einem Unterricht", das sich schon bald als Concertina einen Namen machte.
Jeder, der bis zehn zählen kann, konnte es leicht erlernen.

Knöpfe statt Tasten

Denn statt durch Tasten wie beim Akkordeon entstanden die Töne von Uhligs Concertina durch fünf nummerierte Knöpfe auf jeder Seite mittels Zungen, die sich beim Auf- und Zuziehen des Balges wechselseitig öffnen und schließen, so dass jeweils verschiedene Töne erzeugt werden. Schnell weitete sich die Bekanntheit des Instruments über die Stadtgrenzen von Chemnitz hinaus aus. Einer von Uhligs ehemaligen Mitarbeitern, Carl Friedrich Zimmermann, experimentierte mit der Concertina, entwickelte sie weiter und begann 1848 im nahegelegenen Carlsfeld ein Modell zu produzieren, das über mehr Knöpfe und somit einen größeren Tonumfang als Uhligs verfügte. Sein Instrument, das bis zu 108 Töne erzeugen konnte, entsprach etwa dem des Krefelder Musikalienhändlers Heinrich Band, der 1844 die ersten Concertinas aus Sachsen importiert und ebenfalls weiterentwickelt hatte. Ab 1855 vermarktete der gewiefte Geschäftsmann das Instrument unter seinem eigenen Namen als "Bandonion", spanisch "Bandonéon". Seitdem streiten sich Krefeld und Chemnitz darüber, wo die Wiege des Instruments stand.

Etwa um 1870 gelangten die ersten Bandoneons nach Argentinien und Uruguay. Auswanderer brachten sie mit an den Rio de la Plata, wo sein Klang den Nerv der von Heimweh geplagten Immigranten im Hafen von Buenos Aires und Montevideo traf. Bald spielten auch Einheimische das Instrument, das wie kein anderes ihr Lebensgefühl in Tönen ausdrücken konnte. Schnell eroberte es die Straßen von Buenos Aires, Tanzsäle und Bars und avancierte bald schon zur Seele des Tangos.

Konkurrenz durchs Akkordeon

Die Nachfrage nach dem Instrument stieg, im fernen Sachsen entstanden immer mehr Manufakturen, um den Bedarf zu befriedigen. Carl Friedrich Zimmermann, der die ersten Instrumente noch in der Dachkammer seines Carlsfelder Elternhauses fertigte, leitete nur wenige Jahre später ein Unternehmen mit zeitweilig 76 Angestellten. Als er 1864 nach Philadelphia auswanderte, übernahm sein Mitarbeiter Ernst Louis Arnold die Fabrik. Nach dessen Tod führte sie sein älterer Sohn Hermann fort. Der jüngere, Alfred, gründete 1911 eine eigene Firma im Ort und produzierte in den 1930er-Jahren 600 Instrumente monatlich, die zu 85 Prozent unter dem Label "AA" nach Südamerika exportiert wurden.

In Deutschland hingegen, wo das Instrument vor allem in Vereinen gespielt wurde, stagnierte der Absatz, seit die Nazis ab 1933 viele Vereine verboten, weil sie in ihnen so etwas wie eine Keimzelle möglichen Widerstands vermuteten. Nach dem Krieg verdrängte das Akkordeon das "Klavier der kleinen Leute", die Carlsfelder Manufakturen wurden 1948 enteignet und dem VEB Klingenthaler Harmonikawerke angegliedert, die Nachfrage sank, bis im Jahr 1964 die Produktion endgültig eingestellt wurde. Carlsfeld verstummte, und das Bandoneon geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

Fremdenverkehrsverein erinnerte an Tradition

Bis 1993 der örtliche Fremdenverkehrsverein mit einem Konzert an die lange Tradition erinnerte. Auch ein junger Carlsfelder hatte dort seinen ersten Auftritt – der damals neunjährige Robert Wallschläger, der seit einem Jahr Bandoneon spielte. Sein Vater, ein passionierter Sammler historischer Instrumente, hatte seinen Sohn ermuntert, das Instrument zu erlernen. Damals konnte niemand im Ort ahnen, dass dieser Junge die Tradition des Carlsfelder Bandoneonbaus ein paar Jahre später wiederbeleben würde.

Auf eine lange Familientradition kann der heute 41-Jährige nicht zurückblicken, wenngleich sein Ur­großvater Fürchtegott Wallschläger, wie viele Carlsfelder, schon Bandoneons in der Fabrik von Alfred Arnold produzierte. Interesse an dem Instrument fand der Junge durch das Spiel. Als Robert als 13-jähriger die Harmonikabau-Firma Hessmüller im nahen Morgenröte-Rautenkranz besuchte, faszinierte ihn das so, dass er beschloss, selbst Handzuginstrumentenbauer zu werden. Eine Lehrstelle fand er 2000 in Klingenthal, drei Jahre später nahm er als bester Azubi Sachsens am Bundeswettbewerb der Handzuginstrumentenbauer in Mannheim teil und gewann. "Das Stipendium, das ich dafür bekam, investierte ich sofort in die Meisterausbildung", erzählt Robert Wallschläger. "Mein Meisterstück war natürlich ein Bandoneon. Als ich dafür von den Juroren die höchstmögliche Punktzahl bekam, konnte ich mein Glück kaum fassen", erinnert er sich.

Robert und Therese Wallschläger arbeiten nicht nur zusammen, sondern musizieren auch gemeinsam. - © Heidi Diehl

Meisterbrief in der Tasche

Mit dem Meisterbrief in der Tasche wollte sich der gerade 22-Jährige so schnell wie möglich selbstständig machen. Aus Mangel an Räumlichkeiten begann er damit 2007 – wie einst Carl Friedrich Zimmermann – im Elternhaus, anfangs allein, seit 2012 mit seiner Frau Therese, die ebenfalls den Beruf einer Handzug­instrumentenmacherin erlernt hat.

2012 konnte er endlich das 300 Jahre alte Gebäude erwerben, in dem bereits Ernst Louis Arnold Bandoneons produzierte. "Irgendwie wehte sein Geist noch immer durch die Räume", sagt Robert Wallschläger, "ein inspirierender Gedanke. Aber das Haus war abrissreif. Doch für Therese und mich stand fest, dass es ein Kulturgut ist, das erhalten werden muss. Noch während der Sanierungsarbeiten zogen wir ein. Heute fragen wir uns manchmal, wie wir den Dreck und Lärm ausgehalten haben."

Auftragswerk für Argentinier

Längst sind Ruhe und eine weitere Angestellte ins Haus eingezogen. Rund 90 Instrumente hat Robert Wallschläger inzwischen gebaut. Jedes ein Auftragswerk, auch schon von einem Argentinier. Das macht den jungen Instrumentenbauer sehr stolz, weiß er doch, dass heute rund 98 Prozent der Argentinier auf historischen Instrumenten spielen, die einst in den Firmen von Ernst Louis und Alfred Arnold gebaut wurden. "Nun erklingt in Südamerika auch ein Wallschläger-Bandoneon. Das ist schon ein tolles Gefühl."

180 bis 220 Arbeitsstunden und bis zu 1.200 Einzelteilen stecken in jedem Instrument, viele von Hand hergestellt. Mindestens neun Monate Geduld muss der Kunde schon haben, ehe er sein Bandoneon in den Händen hält. Daneben repariert Robert Wallschläger auch historische Instrumente. Seit Corona, als die Leute Zeit hatten, ihre Keller und Dachböden zu entrümpeln und dabei so manch vergessenes Bandoneon wiederfanden, steigt die Nachfrage nach Reparaturen. "Da erfährt man unglaubliche Geschichten", erzählt Wallschläger. Wie diese: Ein älterer Herr brachte vor ein paar Monaten ein 125-jähriges Instrument, das eigentlich schrottreif ist. Doch als der Mann erzählte, dass es seinem Urgroßvater im Ersten Weltkrieg im Schützengraben bei Verdun bei einem Querschläger das Leben rettete, wusste Robert Wallschläger, dass er sein ganzes Können in die Reparatur dieses Instruments stecken würde.

Seit dem Abschluss seiner Meisterausbildung ist Robert Wallschläger Mitglied in den Prüfungsausschüssen der Handwerkskammer Chemnitz Handzuginstrumentenbauer-Gesellen und -Meister, 2009 übernahm er den Vorsitz bei den Gesellenprüfungen. Hin und wieder arbeiten auch Praktikanten der Berufsschule bei ihm, und er unterrichtet Meisterschüler im technischen Zeichnen.

Auch als Musiker aktiv

Auch seine Freizeit widmet er dem Bandoneon. 2001 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Bandoneonvereins Carlsfeld. Heute ist Wallschläger Vereinsvorsitzender. Seinen Nachwuchs bildet der Verein selber aus. Einmal in der Woche unterrichtet Robert Wallschläger Schüler an zwei Grundschulen.

Nach Jahren des Verstummens jubiliert das Bandoneon nun wieder in Carlsfeld. Robert Wallschlägers Manufaktur – eine von weltweit nur acht – hat erfolgreich Alfred Arnold nachgeeifert. Was 1993 mit dem ersten Konzert begann, hat sich zu einer guten Tradition entwickelt. Im Oktober findet es bereits zum 31. Mal statt. Erneut wird dort auch der bekannte argentinische Bandoneon-Virtuose Mariano Goday dabei sein, der wie viele Argentinier davon überzeugt ist, dass das Bandoneon die beste deutsche Erfindung sei. In Carlsfeld spielen zu dürfen, sei lange sein Wunsch gewesen, denn: "Für einen Bandoneonspieler gibt es zwei heilige Orte – Buenos Aires und Carlsfeld."