Wenn Unzuverlässigkeit zur Belastung wird Wenn Gleichgültigkeit im Team ansteckt

Unzuverlässige Mitarbeiter können weitreichende Folgen haben – nicht nur für das Arbeitsklima, sondern auch für die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Gerade im Mittelstand ist es essenziell, frühzeitig Warnsignale zu erkennen und gegenzusteuern, bevor aus kleinen Problemen eine echte Negativspirale wird. Wie Führungskräfte handeln sollten.

Wenn ein Mitarbeiter dauerhaft unzuverlässig ist, leidet das ganze Team – und am Ende auch die Kundenzufriedenheit. - © LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Er rauchte heimlich in der Werkstatt, kam fast jeden Morgen eine viertel Stunde zu spät – und selbst gegenüber Kunden hielt er vereinbarte Zusagen nicht ein: Der Mitarbeiter einer Schreinerei aus dem Norden Baden-Württembergs war über die Jahre langsam aber sicher zum Problem für seinen Arbeitgeber geworden. Denn mit seiner unproduktiven, unzuverlässigen Art steckte er das gesamte Team an, die Beschwerden von Kunden häuften sich. Eine gefährliche Entwicklung, warnt Uwe Bloching, Partner bei der Unternehmensberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. Denn gerade der Mittelstand stehe unter wachsendem Druck, effizienter zu arbeiten, die Kosten im Griff zu behalten und schnell auf Veränderungen am Markt zu reagieren. "Unternehmen sind heute nur dann wettbewerbsfähig, wenn interne Prozesse effizient und sicher ablaufen", so der Experte.

Frühzeitig reagieren, bevor Schaden entsteht

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber wenn verpasste Termine, halbfertige Projekte und ständige Ausreden zur Regel werden, gilt es für Vorgesetzte, gegenzusteuern. Denn wer als Chef solche Muster ignoriere, riskiere schnell mehr als nur Verzögerungen, warnt Michaela Goll, die als Coach und Unternehmensberaterin kleine und mittlere Unternehmen beim Aufbau klarer Führungsstrukturen und wirksamer Vertriebsprozesse unterstützt. "Unzuverlässige Mitarbeiter können ganze Teams demotivieren, Kundenbeziehungen gefährden und die Produktivität massiv senken." Doch oft werde zu spät reagiert, weil Warnsignale nicht richtig gedeutet werden. "Leistungseinbrüche kommen selten plötzlich – sie bauen sich auf", so Goll. "Wer früh erkennt, wann Engagement in Gleichgültigkeit kippt, kann gegensteuern, bevor Schaden entsteht."

Wenn Gleichgültigkeit zum System wird

Gleichgültigkeit wiederum geht häufig auf eine mangelnde Bindung der Mitarbeitenden gegenüber ihrem Arbeitgeber zurück. So zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Gallup, dass 66 Prozent der Arbeitnehmer lediglich Dienst nach Vorschrift machen – und nur eine geringe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen haben. 21 Prozent der Arbeitnehmer gaben sogar an, innerlich bereits gekündigt zu haben und sich überhaupt nicht mehr mit ihrem Arbeitgeber zu identifizieren. Nur etwa jeder zehnte Angestellte (13 Prozent) identifiziert sich der Studie zufolge stark mit seiner Firma und ist bereit, sich freiwillig für deren Ziele einzusetzen.

Dieser Mangel an Motivation wiederum führt zu ausbleibenden Arbeitsergebnissen, unter denen wiederum das gesamte Team zu leiden hat. "Unzuverlässigkeit beeinträchtigt nicht nur den jeweiligen Arbeitsbereich, sondern zieht auch negative Auswirkungen auf andere nach sich", betont Goll. Die Konsequenz: ein schlechtes Arbeitsklima und unnötiger Zeitverlust durch Nacharbeiten. Dadurch sinkt die Produktivität. Das wiederum kann dazu führen, dass sich gute Mitarbeitende nach einem anderen Job umsehen, in dem nicht jeder machen kann, was er will. Die Stimmung verschlechtert sich weiter und letztlich gehen auch die Umsätze zurück – das Unternehmen ist in einer Negativspirale gefangen.

Strukturen überprüfen und Routinen durchbrechen

Ein erstes Warnsignal für eine solche Abwärtsentwicklung sei es, "wenn Führungskräfte mit denselben Personen immer wieder dieselben Themen besprechen müssen, ohne dass sich Ergebnisse verändern", erklärt Unternehmensberaterin Goll. "Auch ein erhöhter Krankenstand, Unruhe im Team oder mangelnde Eigenverantwortung einzelner Mitarbeiter sind deutliche Hinweise." Ein weiterer Faktor können falsche Strukturen sein, in denen Verantwortung ungleich verteilt ist. "Dann hängt zu viel Arbeit an wenigen Personen", so Goll. "Das äußert sich in Kunden- und Kollegenreklamationen oder einer spürbaren Unruhe im Team."

In vielen Fällen liegt das Problem also gar nicht bei den Mitarbeitenden selbst – sondern in eingefahrenen Prozessen, die das Unternehmen lähmen. Es gelte, "die eigene Arbeitssituation und -weise regelmäßig zu überprüfen", rät Julia Hoch, Management-Professorin an der California State University Northridge (CSUN) in den USA. Sinnvoll sei es daher, Situationen regelmäßig im Team kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. "Dadurch können Abläufe und Strukturen verändert werden", so die Expertin. Wichtig ist es dann, Veränderungen auch zuzulassen und anzunehmen – und den Alltagstrott und eingeschliffene Routinen zu durchbrechen.

Führung neu denken – und konsequent handeln

Dabei gelte es auch, traditionelle Führungsmuster hinter sich zu lassen und neue Wege zu gehen, rät Hoch. So seien moderne Chefs insbesondere als Mentoren für ihre Mitarbeiter gefragt – und hätten vor allem die Aufgabe, diesen eine inspirierende Vision zu vermitteln. Dadurch lasse sich die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden steigern – und diese würden dann angeregt, kreativ und innovativ zu denken. Auf diese Weise würden sie sich "im positiven Sinne herausgefordert fühlen, die Unternehmensprozesse zu hinterfragen und zu optimieren", so die Expertin. Für PwC-Partner Bloching ist diese Herangehensweise richtig: "Mitarbeiter sind die wertvollste Ressource eines Unternehmens. Deshalb brauchen Unternehmen zukunftsfähige Personalkonzepte, die Mitarbeiter motivieren und fördern."

Michaela Goll pflichtet den beiden Personalexperten bei. Wichtig sei es, Themen frühzeitig anzusprechen und für klare, gerechte Leistungskriterien zu sorgen. "Wichtig ist eine transparente Kommunikation, die Leistungen sichtbar macht und Anerkennung zeigt, aber ebenso offen anspricht, wenn Leistungsabfälle oder Differenzen auftreten“, so die Unternehmensberaterin. "Gute Leistungen müssen anerkannt werden, während Konflikte sofort angesprochen und gelöst werden sollten." Wenn ein Mitarbeiter mit angezogener Handbremse fahre, habe das in der Regel einen Grund. "Diesen gilt es zu erkennen und systematisch anzugehen", so Goll.

Wenn sich jedoch herausstellt, dass das Problem nicht beim Unternehmen und dessen Strukturen liegt, sondern beim Mitarbeiter selbst, muss man konsequent sein. "Unternehmen müssen den Mut haben, sich schneller und konsequenter von Mitarbeitern zu trennen", betont Goll. Das gelte auch dann, wenn man angesichts des Fachkräftemangels Sorge habe, offene Stellen nicht sofort besetzen zu können. "Genau diese Angst führt häufig dazu, dass schlechte Mitarbeiter im Team verbleiben", warnt die Unternehmensberaterin. Dadurch verschlechtere sich das Arbeitsklima – und potenziell gute Kräfte würden abgeschreckt.