Stift und Papier gehören in vielen Gesellenprüfungen der Vergangenheit an. Was alles nötig ist, damit Prüfungen digital abgehalten werden können und welche Vor- und Nachteile damit verbunden sind.

Ansaugen, Verdichten, Boom, Ausstoßen: So antwortete ein Prüfling auf die Frage nach den vier Arbeitstakten eines Motors – und brachte damit seinen Prüfer Daniel Winkler in die Zwickmühle. Der Prüfling hatte die Handlung offensichtlich richtig verstanden, mit "Boom" aber keine korrekte Antwort gegeben.
Heute prüft Winkler nicht mehr selbst, sondern ist beim Bundesinnungsverband des Kraftfahrzeughandwerks (BIV-Kfz) für digitale Gesellenprüfungen zuständig. Für ihn einer der größten Vorteile digitaler Prüfungen ist ihre Klarheit: "Es gibt keine missverständlichen Formulierungen mehr wie in Papierprüfungen, keine unleserliche Schrift, keinen Erst- und Zweitprüfer und Bauchgefühl bei der Bewertung. Stattdessen haben wir die Ergebnisse per Knopfdruck und sparen sogar Kosten ein", schwärmt er. Und trotzdem behielten die Prüfer den vollen Einblick.
Mehr als die Hälfte der rund 16.000 Gesellenprüfungen, die das Kfz-Gewerbe jährlich bundesweit durchführt, ist inzwischen digital, zumindest im Theorieteil. Einzelne Bundesländer wie Hessen sind sogar schon vollständig digitalisiert. Auf diese Weise sei inzwischen ein großer Erfahrungsschatz aus mittlerweile 42.000 digitalen Prüfungen entstanden, und es geht weiter. Im kommenden Jahr will das Kfz-Gewerbe die Dokumentation der praktischen Gesellenprüfung digitalisieren.
Dezentrales Prüfungswesen im Handwerk
Wie stark digitale Anwendungen im handwerklichen Prüfungswesen über alle Gewerke und Regionen hinweg verbreitet sind, lässt sich kaum ermitteln. Handwerkskammern, Innungen beziehungsweise Prüfungsausschüsse führen die Prüfungen vor Ort dezentral durch.
Es gibt eine von der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH) weiterentwickelte Prüfungssoftware (UCAN), die in Meister- und Fortbildungsprüfungen sowie in Gesellenprüfungen eingesetzt wird. 16 Handwerkskammern arbeiten derzeit mit dem System, weitere acht befinden sich in der Vorbereitung zur ersten digitalen Prüfung. Ob diese Lösung oder eine andere aus dem vielfältigen Markt für Prüfungssoftware die eigenen Bedarfe am besten deckt, das entscheiden Handwerkskammern und Verbände frei, betont der Zentralverband der Deutschen Handwerks (ZDH).
Dienstleister stellt Prüfungsoberfläche für digitale Prüfung bereit
Das Kraftfahrzeuggewerbe hat sich für die Zusammenarbeit mit einem privatwirtschaftlichen mittelständischen Dienstleister entschieden. Der stellt die Prüfungsoberfläche für die Gesellenprüfungen bereit, der BIV Kfz erstellt die Aufgabenvorschläge und die Landeswahlausschüsse wählen daraus ihre Prüfungen aus. Damit es während der Prüfung keine unliebsamen Überraschungen gibt, können sich alle Beteiligten mittels einer Demo-Prüfung vorbereiten.
Ob digitale Prüfungen für eine Region oder ein Gewerk sinnvoll sind, hängt von den spezifischen Anforderungen ab, betont der ZDH. Eine Branche wie das Kfz-Gewerbe mit hohem Prüfungsvolumen profitiert mehr davon als Berufe mit geringen Prüfungszahlen. Grundsätzlich sollten digitale Prüfungen einen erkennbaren Mehrwert schaffen und den Digitalisierungsgrad des beruflichen Alltags widerspiegeln, betont das Bundesinstitut für Berufsbildung.
Die Umstellung auf digitale Prüfungen ist zunächst mit einigem Aufwand verbunden. Als erstes gilt es, ein passendes System auszuwählen und für die technische Ausstattung zu sorgen. "Wir haben iPads angeschafft und stellen sie interessierten Innungen zur Verfügung, damit sie – wenn sie das wollen – schriftliche Prüfungen digital durchführen können", beschreibt beispielsweise Tobias Mandel, Abteilungsleiter Prüfungen bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Es gäbe aber auch die Möglichkeit, Mietgeräte der Dienstleister zu nutzen, ergänzt Daniel Winkler. Diese Lösung habe den Charme, dass die Geräte auf dem aktuellen Stand sind und nicht die Organisation selbst für Updates und Wartungen sorgen muss.
Umstellung von Papier auf digitale Prüfungen komplex
Mit der komplexeste Teil bei der Umstellung von Papier- auf digitale Prüfungen ist aus Winklers Sicht das Erstellen der Prüfungsaufgaben. "Es reicht nicht, Papierprüfungen eins zu eins zu kopieren", macht er deutlich. Die Kfz-Branche verwende sehr unterschiedliche Aufgabenarten, um Wissen breit abzufragen. Die Prüflinge müssen anhand verschiedener realistischer Szenarien zeigen, wie sie Fehlerursachen eingrenzen, Messungen durchführen, Ergebnisse interpretieren und letztlich den Schaden beheben würden.
Die Aufgaben sind dabei so gestellt, dass reine Glückstreffer und auch Betrug ausgeschlossen sind, sagt Winkler. Zugriff auf einen Browser oder gar ChatGPT haben die Prüflinge über das Prüfungsgerät ohnehin nicht, ergänzt Tobias Mandel. "Sie können ausschließlich auf die Prüfungssoftware zugreifen." Ob ein Kandidat nur rät oder ob er seine Sache versteht, zeige die Auswahl der Antwort- oder Zuordnungsmöglichkeiten sehr zuverlässig, so Winkler. Zudem werten die Prüfungs- oder Landeswahlausschüsse abschließend die Qualität der Prüfung aus.
Für die Prüflinge ist der Umstieg von Papier- auf digitale Prüfungen kein Problem, ist Winklers Erfahrung. Es komme ihnen entgegen, dass die Aufgaben in der digitalen Theorieprüfung mit der Erfahrung aus der Praxis verzahnt sind. Die Tatsache, dass sie nicht in eigenen Worten formulieren müssen, entschärft die Prüfungssituation zusätzlich. Sprachschnitzer wie ein "Boom" entscheiden nicht mehr über ihr Bestehen.