35 Jahre Wiedervereinigung Als privater Handwerker in der DDR: 3 Zeitzeugen erinnern sich

35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung verblassen die Erinnerungen an die Planwirtschaft in der DDR. Drei Meister blicken zurück.

Holzspielzeugmachermeister Johannes Günther
Holzspielzeugmachermeister Johannes Günther arbeitet auch im Alter von 92 Jahren noch im Familienbetrieb mit. - © privat

Die friedliche Revolution und Fall der Mauer 1989, die ein Jahr später in die deutsche Wiedervereinigung mündeten, haben das Leben der Handwerker im Ostteil Deutschlands radikal verändert. Der abrupte Wechsel von der Planwirtschaft der DDR mit ihren Mangelerscheinungen in die soziale Marktwirtschaft war für sie Befreiung und Herausforderung zugleich. Ein Dachdeckermeister, ein Holzspielzeugmachermeister und ein Bäckermeister blicken zurück.

Claus Dittrich (85), Dachdeckermeister aus Dresden

Als ich 1961 mit 21 Jahren den großväterlichen Betrieb übernommen habe, waren die privaten Handwerker dem Staat ein Dorn im Auge. Der Druck, sich als junger Meister einer PGH anzuschließen oder in einem VEB zu arbeiten, war enorm und erhöhte sich mit der Verstaatlichungswelle nach 1972 weiter. Die Zahl der Privatbetriebe in den 21 Bauberufen ist im Raum Dresden-Freital zwischen 1972 und 1976 von 580 auf 310 gesunken.

Dachdeckermeister Claus Dittrich
Dachdeckermeister Claus Dittrich. - © privat

Mit Diplomatie und Glück ist es unserer Familie gelungen, einer Zwangsverstaatlichung zu entgehen. Ab Ende der 1970er-Jahre wurden private Handwerksbetriebe wieder zugelassen. Aber an der Planwirtschaft änderte sich nichts. Alles war vorgegeben, Material wurde ebenso zugeteilt wie Lehrlinge oder Aufträge. So hatte die kommunale Wohnungs­verwaltung ein festes Budget für Reparaturen, die wir dann ausführen mussten.

Aber die Vielfältigkeit des Lebens lässt sich nicht planen. Wenn es für unsere Fahrzeuge keine Ersatzteile gab oder es an Gerüst fehlte, wie hätten wir dann unsere Aufträge ausführen können? In solchen Fällen haben sich die Handwerker immer gegenseitig geholfen. Wir waren eine Notgemeinschaft.

Die Zahl der Mitarbeiter im privaten Handwerk war auf zehn begrenzt. Mit neun Beschäftigten gehörten wir schon zu den größeren Handwerksbetrieben. Allerdings haben vier meiner besten Leute einen Ausreiseantrag gestellt und später die DDR verlassen. Drei konnten wir ersetzen.

Die deutsche Einheit war für Ost und West ein großes Glück. Es gab nun auch im Osten unternehmerische Freiheit und jede Menge Arbeit. So konnten wir die Flachdachabdichtung des Kulturpalastes in Dresden übernehmen. Aber bei aller Euphorie passierten auch Fehler. Unser Betrieb ist zu schnell gewachsen, das mittlere Management fehlte. Das hat den Betrieb Ende der 1990er-Jahre in eine existenzielle Notlage gebracht. Vor allem meiner Frau Anne­­liese, meinem Sohn Jörg und unseren treuen Mitarbeitern ist es zu verdanken, dass unser Betrieb gerettet wurde.

Johannes Günther (92), Holzspielzeugmachermeister aus Seiffen

Holzspielzeugmachermeister Johannes Günther
Holzspielzeugmachermeister Johannes Günther. - © privat

Wir privaten Handwerker konnten uns in der DDR nicht frei entwickeln, weil es an allem mangelte. Benötigte unser Betrieb einen neuen Drechsel-Halbautomaten, mussten wir beim Rat des Kreises, Abteilung Örtliche Versorgungswirtschaft, einen Antrag stellen. Über unsere Einkaufs- und Liefergenossenschaft Dregeno bekamen wir dann eine Maschine zugewiesen, mussten aber lange warten. Für 15 Anträge standen nur zwei bis drei Maschinen zur Verfügung. Auch das Holz wurde zugeteilt.

Als ich 1958 den Familienbetrieb übernommen habe, war die Situation besonders schlimm. Ab Anfang der 1980er-Jahre wurde es etwas besser. Absatzprobleme hatten wir keine. Der Verkauf lief komplett über die Dregeno. Wurden unsere Waren ins westliche Ausland geliefert, bekamen wir am Jahresende eine Exportprämie, die wir unter den Mitarbeitern – es waren meist drei oder vier – aufgeteilt haben.

Positiv in Erinnerung ist mir das gute Verhältnis unter den Handwerkern. Die Dregeno war bei uns im Dorf auch ein kultureller Mittelpunkt. Es wurden Veranstaltungen organisiert, die den Zusammenhalt gestärkt haben. Nach der Wende konnten wir endlich durchstarten. Das Private lag uns ja. Nur der Verkauf war neu. Plötzlich mussten wir darum kämpfen, unsere Waren loszuwerden. Aber wir hatten Glück mit einem Großauftrag. So konnten wir in Maschinen investieren und neue Mitarbeiter einstellen.

Gunter Weißbach (72), Bäckermeister aus Stollberg

Bäckermeister Gunter Weißbach
Bäckermeister Gunter Weißbach. - © privat

Der Mangel war vor der Wende unser ständiger Begleiter. Ich bin viel umhergefahren auf der Suche nach Ersatzteilen oder habe Erdbeeren aus Meißen geholt. Wir hatten nur einen Backofen. Filialen gab es keine, dafür viele Auflagen. Wir durften maximal zehn Mitarbeiter haben, unabhängig davon, ob sie in Voll- oder Teilzeit beschäftigt waren. Die Löhne für das private Handwerk waren festgelegt und geringer als in der PGH und noch weniger als im VEB. Meiner mithelfenden Ehefrau durfte ich überhaupt keinen Lohn zahlen.

Auch die Preise waren reguliert. Brot und Brötchen mussten überall in der DDR gleich viel kosten. Bei Feinbackwaren gab es Rohstoffauflagen. Wenn wir unsere Backstube renovieren wollten, wurden die Fliesen zugeteilt. Selbst der Urlaub wurde vorgeschrieben. Von den zwölf Bäckereien in Stollberg durften maximal zwei gleichzeitig geschlossen haben.

Der Fall der Mauer und die deutsche Einheit waren für uns wie eine Befreiung. Endlich konnten wir richtig durchstarten. Für die 400 D-Mark Begrüßungsgeld, das wir als Familie erhalten haben, haben wir bei der Bäko in Hof eingekauft. So konnten wir im heimischen Laden Westprodukte anbieten. Bis zur Währungsunion hatten wir zwei Kassen – eine für West- und eine für Ostgeld.

Wir haben frühzeitig zwei Verkaufsmobile angeschafft, um neue Standorte zu testen. Schnell ist unsere Bäckerei von zehn auf 25 bis 30 Mitarbeiter und fünf Filialen gewachsen. Gute Mitarbeiter und Lehrlinge zu finden, war damals überhaupt kein Problem.

1990 herrschte richtige Aufbruchstimmung. Ich war Gründungsmitglied des Landesinnungsverbandes Saxonia, bei dessen Aufbau wir von Kollegen aus Westfalen-Lippe beraten wurden. Am 17. Juni 1990 haben wir in Stollberg die erste Bäko Genossenschaft Ostdeutschlands gegründet. Rückblickend frage ich mich manchmal, wie wir das damals alles geschafft haben. Für DDR-Nostalgie habe ich jedenfalls kein Verständnis.