Der Historiker Matthias Donath erklärt, wie sich private Handwerksbetriebe in der staatlich gelenkten Planwirtschaft der DDR zu behaupten wussten und wie sie den Wandel zur Marktwirtschaft nach der friedlichen Revolution erlebt haben.

Den 35. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung hat die Handwerkskammer Dresden zum Anlass genommen, den Wandel im ostsächsischen Handwerk zwischen 1985 und 1995 zu dokumentieren. Die Ergebnisse finden sich im Buch "Ende, Umbruch, Neuanfang", das im Sommer erschienen ist, um "eine schmerzliche Lücke in den Geschichtsbüchern" zu schließen, wie es im Vorwort heißt.
Frank Wetzel, langjähriger Sprecher des sächsischen Handwerkstages, hat dafür Zeitzeugen interviewt. Der Meißner Historiker Matthias Donath hat die Aussagen in den geschichtlichen Kontext gestellt. Im DHZ-Gespräch betont er, dass es 1990 für das Ost-Handwerk zur Übernahme des westdeutschen Wirtschaftssystems keine Alternative gab.
Herr Donath, was hat Sie bei der Recherche für das Buch am meisten überrascht?
Matthias Donath: Ich war sehr davon überrascht, wie stark die Repressalien in der DDR-Zeit tatsächlich waren. Das heißt, wie stark von staatlicher Seite vorgegeben war, was die wenigen privaten Handwerker machen durften. So mussten die Betriebe oft tricksen, um zum Beispiel die Vorgabe von maximal zehn Beschäftigten nicht zu überschreiten. Selbst sehr erfolgreiche Betriebe mit großer Nachfrage wie die Töpfer aus Neukirch in der Lausitz waren davon betroffen. Umso erstaunlicher ist es, dass in diesem ewigen Kampf gegen das dysfunktionale System der DDR so viele Handwerker durchgehalten haben.
Kreativität ohne Konkurrenzdenken
Wie sind die privaten Handwerker mit dem ständigen Mangel an Material, Werkzeugen und Rohstoffen umgegangen?
Vor allem mit viel Kreativität. Im Buch gibt es ein schönes Beispiel, wie ein Goldschmied für den Zentrifugalguss mit einer umgebauten elektrischen Kaffeemaschine experimentierte. Man musste sich irgendwie zu helfen wissen, hat selbst Technologien entwickelt oder Rohstoffe und Waren gehortet. Und es herrschte ein Tauschsystem, in dem sich die Handwerker bei Engpässen gegenseitig unterstützen konnten.
Gab es kein Konkurrenzdenken?
Die Mangelsituation führte zu einem sehr engen Zusammenhalt innerhalb der Handwerkerschaft. Gerade weil die Repressionen so groß waren, mussten die Betroffenen eine sehr enge Gemeinschaft entwickeln. Konkurrenz, wie sie in der Marktwirtschaft üblich ist, spielte gar keine Rolle. Die Preise für sämtliche Dienstleistungen und Produkte waren ja ebenfalls vom Staat vorgegeben.
Mit dem Mangel mussten in der DDR alle Verbraucher klarkommen, also auch die Kunden der privaten Handwerker, die vor allem für die Versorgung der Bevölkerung benötigt wurden.
Ja, allein deswegen gab es keine Konkurrenz. Die Nachfrage war immer größer als das Angebot. Man musste also limitieren, was mich ebenfalls überrascht hat. Ich war zu Beginn der friedlichen Revolution 14, habe manches selbst noch erlebt. Eine Uhrmacherwerkstatt hatte damals nur an einem Tag der Woche geöffnet. Dann war die Kapazität für Reparaturen für die nächste Woche ausgeschöpft.

Im Buch beklagt ein Handwerker, dass die privaten Meister gegenüber einer PGH benachteiligt wurden. War das ein lokales Phänomen oder kann man das so auf die ganze DDR projizieren?
Das kann man auf die gesamte DDR übertragen. Denn bis etwa 1980 war es das Ziel, das private Handwerk komplett abzuschaffen und durch Kollektivformen zu ersetzen, eben durch die Produktionsgenossenschaften des Handwerks. Die PGHs bekamen viel einfacher Kredite. Für sie galt auch die Grenze von zehn Mitarbeitern nicht. Das heißt, die PGHs konnten manches effektiver umsetzen. Und sie wurden bei der Belieferung bevorzugt. Das war Absicht.
NDPD, die Handwerkerpartei der DDR
Wurden die PGHs auch deshalb bevorzugt, weil sie politisch leichter zu beeinflussen waren, indem zum Beispiel loyale Leute an die Spitze gestellt wurden?
Das auf jeden Fall. Natürlich war der Freiraum bei einem privaten Handwerker deutlich größer. Trotzdem sind auch private Handwerker in diese ideologische Vereinnahmung einbezogen worden. Sehr viele, die wir interviewt haben, waren Mitglieder der NDPD ...
... also der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands.
Genau, sie galt in der DDR als eine Art Handwerkerpartei, in der viele dieser privaten Handwerker einen gewissen Freiraum fanden. Gleichzeitig war die NDPD aber natürlich als Blockpartei in das politische System der DDR eingebunden waren.
Mehrere der Gesprächspartner loben die Handwerkskammer des Bezirkes Dresden und ihren langjährigen Vorsitzenden Walter Baumgart für ihr Engagement und das kollegiale Miteinander mit den privaten Meistern. Wie groß war der Handlungsspielraum der Handwerkskammern im zentralistischen Wirtschaftssystem der DDR?
Der Spielraum war sehr begrenzt. Die Kammer wurde letztlich geleitet vom Rat des Bezirkes Dresden und stand unter der Kontrolle des ersten Sekretärs der SED-Bezirksleitung. Alles war hierarchisch durchorganisiert. Aber das ist eben typisch für die DDR. Man suchte immer kleine Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten. Diese geringen Spielräume muss Baumgart offenbar sehr gut ausgenutzt haben. Ich war auch überrascht darüber, dass so ein positives Bild von ihm gezeichnet wurde.
Berufsgruppen statt Innungen
In der DDR gab es keine Innungen, sondern die Handwerker eines Gewerkes waren in Berufsgruppen zusammengeschlossen. Was unterschied diese Berufsgruppen von den traditionellen Innungen?
Die Berufsgruppen waren keine eigenen Rechtspersonen. Das ist der große Unterschied. Innungen haben von ihrer Rechtsstellung her einen eigenen Charakter, auch eigenes Vermögen. Das alles gab es bei den Berufsgruppen in der DDR nicht. Zudem wurde die komplette Tradition zerstört. Die Rituale um die Handwerksladen mit den Pokalen, Schenkkannen und Urkunden waren ein wesentlicher Teil der Handwerkstradition, die Fahnen ein Zeichen des Zusammenhalts. Das ist in der DDR-Zeit komplett zerstört worden.
Springen wir an den Anfang vom Ende der DDR. Nach der Lektüre des Buches war das Handwerk in Ostsachsen 1989 nicht gerade die Speerspitze der friedlichen Revolution. Die Forderungen nach freier Marktwirtschaft und nach Reformen der Handwerksorganisation wurden erst nach dem Fall der Mauer laut. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?
Ich kann nur vermuten, was auch durch ein Interview bestätigt wird. Die Handwerker waren so stark in Arbeitsabläufe eingebunden, dass sie gar keine Zeit hatten, zu irgendwelchen Demonstrationen zu gehen. Ich erinnere an das klassische Beispiel eines Bäckers. Der musste seine Brötchen backen und konnte nicht plötzlich nach Leipzig oder Dresden zu irgendeiner Demonstration fahren. Da hatten die Arbeiter in volkseigenen Betrieben größeren Spielraum.
Deutsche Einheit: Handwerk schneller als die Politik
Nach dem anfänglichen Zögern war das Handwerk dann aber sogar schneller mit der deutschen Wiedervereinigung als die Politik. Schon im Juni 1990 wurde in Zwickau ein "Manifest der Einheit des deutschen Handwerks" verabschiedet. Was war aus Ihrer Sicht der Grund für diese offenbar vorausschauende Entscheidung?
Die privaten Handwerksmeister haben sich immer als Unternehmer im klassischen Sinne verstanden und blickten mit Sehnsucht nach Westen, von wo sie auch sofort Unterstützung angeboten bekamen. Vielen war sofort klar, dass es nur einen Weg gab, nämlich das erfolgreiche Wirtschaftssystem der Bundesrepublik zu übernehmen, das den Menschen Wohlstand gebracht hatte. Ich habe im Umfeld des Handwerks niemand gefunden, der dazu in Opposition gegangen wäre. Der sogenannte dritte Weg, also ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz, der damals ja in vielen Köpfen herumgeisterte, war kein Thema. Von diesem Modell waren, glaube ich, die Handwerker alle geheilt.
Langer Lernprozess auf dem Weg in die Marktwirtschaft
Das Handwerk war einer der wenigen Bereiche, in dem es in der DDR private Betriebe gab, wenn auch nur in sehr kleinem Maßstab. War diese Erfahrung für die Inhaber bei der Umstellung von der sozialistischen Planwirtschaft auf die soziale Marktwirtschaft Anfang der 1990er-Jahre von Vorteil?
Vielleicht nur ein kleines bisschen. Ich glaube, diese Umstellung auf das westdeutsche Wirtschaftssystem – wie werden Preise kalkuliert, wie sieht das Steuerrecht aus – das war ein sehr, sehr großer Lernprozess für alle. Vielleicht hatten die privaten Handwerker bessere Startbedingungen, weil sie schon wussten, wie ein Unternehmen funktioniert. Aber trotzdem war es ein sehr harter und langer Lernprozess, wie auch aus den Interviews hervorgeht.
Das Buch konzentriert sich auf das Handwerk im Bezirk der Handwerkskammer Dresden, also Ostsachsen. Können diese Erkenntnisse, die Sie bei der Recherche gewonnen haben, als Blaupause für andere Regionen in der ehemaligen DDR dienen?
Das kann ich deswegen nicht sagen, weil es diese Aufarbeitung anderswo noch nicht gegeben hat. Einzige Ausnahme ist Cottbus, wo anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Handwerkskammer das Handwerk in der DDR und in den Nachwendejahren behandelt wurde. Aber in anderen Gegenden in Sachsen oder Thüringen, wo man Ähnliches erwarten würde, ist das noch nicht gemacht worden. Es war daher eine wichtige Entscheidung des Präsidiums und der Geschäftsführung in Dresden, dieses Projekt jetzt anzugehen. Noch gibt es genug Zeitzeugen, die von dieser Epoche berichten können. Ein vollständiges Bild ergibt sich aber erst, wenn Vergleichsmaterial vorliegt. Vielleicht waren ja sogar in Leipzig Handwerker in führender Rolle bei den ersten Demonstrationen dabei. Aber das wissen wir eben nicht.