Die meisten Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung um Jahre – und damit auch das Inflationsrisiko für ihr Vermögen. Im Interview erklärt Vermögensverwalterin Carmen Bandt, warum eine Nullrendite-Strategie fatal ist, wie ein guter Anlagemix aussieht und warum die persönliche Risikobereitschaft oft mehr zählt als das biologische Alter.

Warum ist es keine gute Idee, Vermögen für den Ruhestand unter dem sprichwörtlichen Kopfkissen zu sammeln?
Carmen Bandt: Mal vom Diebstahlrisiko abgesehen, bedeutet so eine Strategie den Verzicht auf Rendite. Wenn Sie die Inflation überhaupt nicht ausgleichen, nimmt die Kaufkraft des angesparten Vermögens jedoch stetig ab. Da die meisten Menschen beim Eintritt in den Ruhestand aber nicht mit Jahren, sondern im besten Fall mit Jahrzehnten rechnen dürfen, sollten sie sich dann auch noch einen schönen Lebensabend leisten können. Was vielen nicht bewusst ist, dass sie sich für 1000 Euro schon bei einer angenommenen Inflation von drei Prozent in 23 Jahren nur noch etwa die Hälfte der Waren und Dienstleistungen kaufen können, die sie heute dafür bekommen. Und wer will schon im hohen Alter seinen Lebensstandard halbieren?
Lässt sich so etwas nicht durch eine private Rentenversicherung verhindern?
Ein bisschen unfair beschrieben, ist das Kopfkissenprinzip genau das Modell, das viele Rentenversicherungen anbieten. Sie bekommen irgendwann Betrag X ausbezahlt, der sich nicht mehr ändert. Also eigentlich akzeptieren Sie ab dann eine Nullrendite, egal wie sich das Preisniveau entwickelt. Einen Vorteil haben solche Verträge, sie zahlen, bis man in die Kiste fällt. Sie decken also das Langlebigkeitsrisiko ab, aber einen hohen Lebensstandard bis zum Schluss garantieren sie nicht.
Wie kann eine gute Anlagestrategie dabei helfen, das Vermögen tatsächlich altersgerecht anzulegen und ist es dafür irgendwann zu spät?
Das Ziel sollte es sein dafür zu sorgen, dass ein guter Anlagemix es ermöglicht, die Preissteigerungen auszugleichen. Wer ausschließlich auf Sicherheit setzt, wird es jedoch kaum schaffen, die Inflation auszugleichen. Eine Vermögensentwicklung über die Geldentwertung hinaus ist eigentlich nur möglich, wenn auch in gewissem Umfang Risiken eingegangen werden. Wer das nicht macht, tappt ganz sicher in die Inflationsfalle. Das kann fatal sein und zu echten Existenzproblemen im hohen Alter führen. Deswegen ist es nie zu spät, sich mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen. Denn mit jedem Geburtstag, den wir feiern, nimmt unsere statistische Lebenserwartung zu.

Sollte ein Depot eines 90-Jährigen anders aussehen als bei einem 50-Jährigen?
Grundsätzlich macht es Sinn, Risiken auch altersgerecht auszubalancieren und in einen Mix aus Aktien und festverzinslichen Wertpapieren zu investieren. Theoretisch würden dann mit steigendem Alter die relativ schwankungsresistenten Rentenpapiere mehr Gewicht und die chancenreichen, aber auch volatileren Aktien weniger Gewicht bekommen. Aber nach meiner Erfahrung ist das oft mehr eine Frage der persönlichen Risikobereitschaft. Ich kenne 90-Jährige, die zu 100 Prozent in Aktien investiert bleiben, weil sie hier einfach die besten Chancen sehen. Kann jemand gut mit Schwankungen leben, hat vielleicht auch noch andere Reserven und denkt eventuell schon an die nächste Generation, kann das eine sehr gute Strategie sein. Soll dagegen der Lebensunterhalt vollständig aus den Erträgen und dem Verzehr des Kapitalstocks gesichert werden, ist eine weniger riskante Rentenstrategie empfehlenswerter.
Studien haben ergeben, dass die Deutschen ihre statistische Lebenserwartung um rund sieben Jahre unterschätzen. Was bedeutet das für die Altersvorsorgeplanung?
Das muss auf jeden Fall eingeplant werden, denn das heißt ja auch, man hat das Inflationsproblem noch sieben Jahre länger. Ich kalkuliere zum Beispiel bei meinen Kunden immer mit 95 Jahren. So ist ein ausreichender Puffer vorhanden und in den meisten Fällen ist es ja nicht das Ziel, alles komplett aufzubrauchen, sondern die Kunden denken schon an die Zukunft von Kindern und Enkeln. Grundsätzlich können dann die Vermögensteile, die ein Kunde in den nächsten 10 Jahren ziemlich sicher nicht braucht, eigentlich immer mit gutem Gewissen auch in chancenreichen Aktien investiert werden - unabhängig vom Alter.
Ist es nicht generell sinnvoller gleich alles zu überschreiben und so Erbschaftssteuern zu sparen?
Alles an die nächste Generation zu Lebzeiten weiterzugeben, ist schon ein sehr großer Vertrauensvorschuss. Natürlich macht es aus steuerlichen Aspekten Sinn, hier rechtzeitig zu handeln und die alle 10 Jahre auflebenden Freibeträge im besten Fall mehrfach zu nutzen. Aber es ist auch nicht jedermanns Sache, dann vielleicht irgendwann vor den eigenen Kindern als Bittsteller zu stehen. Deswegen macht es hier Sinn, sich gut beraten zu lassen und etwa bei der Übertragung von Immobilien ein Wohnrecht eintragen zu lassen. Auch Nießbrauchmodelle, bei denen sich Schenkende zum Beispiel die Nutzung von Mieterträgen oder Depotgewinnen zu Lebzeiten vorbehalten, können hier gute Lösungsansätze sein und einen angenehmen Lebensabend sichern.
Jüngere Bundesbürger unterschätzen Lebenserwartung
Laut statistischen Daten wird der Durchschnitt der Deutschen zwischen 80 und 89 Jahre alt. Gerade jüngere Befragte unter 50 Jahre unterschätzen jedoch in einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) die eigene Lebenserwartung. Hinzu kommt noch ein statistischer Effekt: Mit jedem gefeierten Geburtstag nimmt die Wahrscheinlichkeit älter zu werden zu. Laut der aktuellen sogenannten Periodensterbetafel des Statistischen Bundesamts kann ein Mann, der seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, im Schnitt noch mit 14,18 Jahren rechnen. Wenn er jedoch seinen 80. zelebriert, wird er statistisch betrachtet sogar 88 Jahre alt. Bei Frauen liegen diese Werte noch höher, bei 16,86 und 9,57 Jahren. Eine 80-Jährige wird also im Durchschnitt fast 90. Natürlich gibt es darauf keine Garantie und es kann im Einzelfall immer ganz anders kommen, aber dass wir statistisch oft älter werden als viele denken, sollte bei der Finanzplanung einkalkuliert werden.
