80 Prozent Ökostrom bis 2030 Reiche riskiert Koalitionskrach

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kündigt eine kosteneffizientere Energiewende an – ohne Abstriche bei den Klimazielen. Streit in der Koalition ist programmiert.

Ministerin Katherina Reiche setzt auf Pragmatismus: Energiewende mit 80 Prozent Ökostrom bis 2030. - © picture alliance/dpa | Katharina Kausche

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will die Energiewende pragmatischer und kostengünstiger gestalten und gleichzeitig an den Klimazielen festhalten. "Die Energiewende steht an einem Scheideweg", sagte die Ministerin bei der Vorstellung eines Monitoringberichts zur Energiewende. "Damit sie gelingt, müssen Verlässlichkeit, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Kostentragfähigkeit des Energiesystems für unseren Wirtschaftsstandort ins Zentrum rücken", so Reiche. Für neue PV-Anlagen auf Hausdächern solle es daher bald keine Förderung mehr geben – sie rechneten sich auch ohne Zuschüsse, betonte sie.

Reiche hält am Ökostrom-Anteil von 80 Prozent bis 2030 fest

Wie Reiche weiter ausführte, will sie weiterhin am Ziel der Klimaneutralität bis 2045 festhalten. Dies gelte auch für den Anteil von rund 80 Prozent Ökostrom bis 2030. Aktuell liegt dieser Wert bei knapp 60 Prozent. Insgesamt rechnet Reiche – ebenso wie die Autoren des Berichts, Experten des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln und der Beratungsgesellschaft BET Consulting – mit einem geringeren Stromverbrauch bis 2030 als bisher angenommen.

Monitoring-Bericht erwartet weniger Strombedarf

Derzeit liegt der Stromverbrauch bei 510 Terawattstunden (TWh). Für 2030 prognostizieren die Experten einen Bedarf von 600 bis 700 TWh jährlich. Reiche sieht den Wert eher am unteren Ende der Bandbreite. Bislang war mit 750 TWh gerechnet worden. Selbst wenn der Ausbau der Erneuerbaren langsamer voranschreite, könne das 80-Prozent-Ziel erreicht werden, sagte sie. Gründe für den geringeren Bedarf seien eine schwächere Elektrifizierung der Industrie, ein langsamerer Hochlauf der Elektrolyse-Kapazitäten für Wasserstoff sowie ein geringerer Absatz von Wärmepumpen und E-Autos.

Ministerin fordert effizientere Förderung

Die Energiewende bemesse sich nicht allein an der installierten Leistung. "Der Erfolg hängt auch davon ab, wie gut wir in der Lage sind, jede Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien optimal zu nutzen", erklärte Reiche. Momentan werde viel grüner Strom gefördert, aber nicht genutzt. Das müsse effizienter werden. Außerdem müsse die Versorgungssicherheit in Zeiten ohne Sonne und Wind garantiert sein.

Reiche will neue Gaskraftwerke 2025 ausschreiben

Auch deshalb sollen Ende 2025 neue Gaskraftwerke ausgeschrieben werden, die wasserstofffähig sind. Bis 2027 will Reiche zudem den von der EU geforderten Kapazitätsmarkt einführen. Ziel sei es, in wind- und sonnenarmen Zeiten verlässliche Stromkapazitäten bereitzustellen – aus Biomasse, Wasserkraft oder Großbatteriespeichern.

Heftige Debatten vorprogrammiert

Innerhalb der Koalition dürfte es zu Diskussionen kommen. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn warnte davor, die Prognosen zum Strombedarf zu konservativ anzusetzen. "Wir brauchen weiterhin ein Energiesystem, in dem der Ausbau dem Bedarf vorausgeht. Das Energiesystem darf in zehn Jahren nicht die Wachstumsbremse der deutschen Wirtschaft sein." Der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner betonte, je mehr Erneuerbare ausgebaut würden, desto geringer sei der Bedarf an teuren Gaskraftwerken. mit dpa