Mit dem Kia EV3 will der koreanische Hersteller zögernde E-Interessenten zum Umstieg bewegen. Bei der Fahrkultur hängt der Stromer Diesel und Benziner ab.

Wer heute ein neues Auto sucht, steht vor einer schwierigen Entscheidung. Die liebgewordenen Verbrenner gelten als Auslaufmodell, den als zukunftsträchtig angepriesenen Elektrofahrzeugen trauen viele Verbraucher nicht. Der Autor dieses Beitrags, seit vielen Jahren zufriedener Dieselfahrer, wagt für einen zweiwöchigen Test den Umstieg auf einen batterieelektrischen Pkw.
Die Wahl fiel auf einen Kia EV3, von 100 Fachjournalisten aus 30 Ländern zum "Weltauto des Jahres" gekürt und für sein auffälliges Design mit dem Red Dot Award geadelt. Wie schlägt sich der koreanische Stromer im mobilen Alltag?
Auf den ersten Blick sticht der EV3 mit seinem futuristischen Blechkleid ins Auge, mit dem er sich wohltuend aus der Masse der Mittelklassewagen hervorhebt. Der Innenraum vermittelt ein wertiges Ambiente mit einer Kombination aus modernem Display mit Touchfunktion und manuell bedienbaren Schaltern, die zudem gut beleuchtet sind.
Kraftvolle Beschleunigung, angenehme Geräuschkulisse
Nach dem Druck auf den Startknopf tut sich allerdings nichts. Kein Geräusch, das auf die Bereitschaft zum Losfahren hinweist, nur das grün leuchtende Wörtchen "ready" verrät, dass das Auto startklar ist. Nahezu lautlos beginnt die Jungfernfahrt. Der Kia EV3 fährt nicht einfach, er gleitet dahin. Das bedeutet keineswegs, dass er träge wäre. Im Gegenteil: Den Druck aufs Gaspedal beantwortet der Motor, abhängig vom gewählten Fahrmodus, mit einem mehr oder weniger kräftigen Schub. Wie stark der Elektromotor den Kia EV3 wirklich beschleunigt, wird dem Fahrer erst klar, als er nach der 14-tägigen Testphase wieder in seinen zugegebenermaßen zehn Jahre alten 2er-BMW umsteigen muss. Bei der Fahrkultur hängt der Stromer den Verbrenner ab, mit der kraftvollen Beschleunigung bei angenehmer Geräuschkulisse können Diesel und Benziner nicht mithalten.
Besonderes Augenmerk gilt beim E-Auto der verbleibenden Reichweite. Ein gewisses Unbehagen, nicht an jeder Ecke schnell auftanken zu können, lässt sich nicht leugnen. So bekommt der Spruch vom vorausschauenden Fahren eine völlig neue Bedeutung. Vor allem, wenn man, wie in diesem Test, nicht auf die heimische Wallbox zurückgreifen kann.
Nicht alle öffentlichen Ladesäulen alltagstauglich
Informationen über das Ladenetz liefert zum Beispiel die App "EnBW mobility+", die alle öffentlichen Ladestationen anzeigt, unabhängig vom jeweiligen Anbieter. Beim Blick aufs Handy überrascht die hohe Dichte an Ladesäulen. Doch Vorsicht: Nicht alle erweisen sich als alltagstauglich. Wer sein E-Auto an einem Typ2-Wechselstromanschluss (AC) auflädt, braucht viel Geduld. An einer der 22-kW-Säulen des nahen Supermarkts dauerte es vier Stunden, um den 81,4-kWh-Akku des Kia EV3 von 23 auf 71 Prozent seiner Kapazität aufzuladen. Die gekaufte Energie von 43 kWh hat 26,30 Euro gekostet und reicht für rund 250 km.
Deutlich schneller lädt der EV3 an Gleichstromsäulen (DC) mit mindestens 150 kW. Hier dauerte es etwa eine Stunde, um die Batterie von 25 Prozent voll aufzuladen. Für die 61,22 kWh wurden 48,36 Euro abgebucht, macht 79 Ct/kWh. Aber vor dem Laden exakte Angaben zum Preis zu erfahren, ist schier unmöglich. Von der Preistransparenz, wie sie konventionelle Tankstellen bieten, ist das öffentliche E-Ladenetz noch meilenweit entfernt.

Keine Preistransparenz
Für Reichweitenangst besteht beim Kia EV3 dagegen kein Grund. Zwar zeigt der vollgeladene Testwagen trotz sommerlicher Temperatur nicht die versprochene WLTP-Reichweite von 563 km an, aber auch 505 km sollten für Langstrecken reichen, wenn man sich rechtzeitig bei einer Pause die Beine vertreten möchte.
Als Käuferschicht peilt Kia mit dem EV3 "bisher zögernde E-Interessenten" an. Das Potenzial, Skeptiker von den Vorteilen des E-Autos zu überzeugen, kann man dem EV3 ohne weiteres bescheinigen. Vorausgesetzt, man ist bereit, den höheren Kaufpreis zu akzeptieren. Für den Testwagen in der Ausstattungsvariante "Earth" plus einiger Extras würden 48.650 Euro inkl. Mwst. fällig (Grundpreis: 43.690 Euro). Viel entscheidender dürfte aber sein, ob die Interessenten ihr E-Auto an der heimischen Wallbox laden können, möglichst mit selbst erzeugtem Sonnenstrom. Allein auf das öffentliche Netz angewiesen zu sein, trübt den Fahrspaß, den der Kia EV3 bereitet, dann doch stark ein.
