Betriebsbesuch Özdemir verspricht dem Handwerk Unterstützung

Der grüne Spitzenpolitiker Cem Özdemir besucht den Betrieb der Ulmer Handwerkspräsidentin Katja Maier. Özdemir übt dabei scharfe Kritik an der Bundesregierung. Bei Betriebsübergaben und beruflicher Bildung will er das Handwerk unterstützen.

Der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, Cem Özdemir (3.v.r.), besuchte den Betrieb der Ulmer Handwerkskammer-Präsidentin Katja Maier (2.v.l.). - © Steffen Range/DHZ

Eine Stunde Zeit nahm sich Cem Özdemir für den Betrieb der Präsidentin der Handwerkskammer Ulm, Katja Maier. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl in Baden-Württemberg besuchte ihre Zimmerei auf der Ostalb – und nutzte den Termin auch für Kritik an der schwarz-roten Koalition in Berlin.

Holzbau Maier ist familiengeführt in dritter Generation, verfügt über ein eigenes Sägewerk und bezieht Holz aus dem Umland. Der Handwerksbetrieb in Westhausen-Lippach bietet ein breites Spektrum vom Einfamilienhaus über Gewerbehallen bis hin zu Tiny Houses. Zwischen Sägen, Stämmen und Dämmplatten informierte sich Özdemir über die Lage im Handwerk.

Scharfe Kritik an Berliner Haushaltspolitik

Özdemir ließ keinen Zweifel an seiner Unzufriedenheit mit der Bundesregierung. Vor allem Haushaltsentscheidungen der schwarz-roten Koalition kritisierte er scharf. "Das Geld ist da", sagte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister. Doch die Regierung Merz setze falsche Prioritäten – etwa durch die vorgezogene Mütterrente. Besonders störe ihn, dass ein im Koalitionsvertrag verankertes Versprechen gebrochen worden sei: die Entlastung bei der Stromsteuer.

Beitrag zur Zuwanderung

Gleichzeitig prangerte Özdemir die fehlende Modernisierung an. Deutschland sei ein "analoges Land", ausgeruht auf Erfolgen von gestern – und das räche sich jetzt. Handwerksunternehmerin Maier pflichtete ihm bei und berichtete, dass beispielsweise die hochgelobte digitale Baugenehmigung in der Praxis oft nicht funktioniere.

Zur Sprache bei seinem Betriebsbesuch kam auch die Zuwanderung von Fachkräften. Laut Handwerkskammer Ulm wurden im Kammergebiet seit 2020 bereits rund 1.000 ausländische Fachkräfte in die Betriebe integriert. Allein 2024 wurden 280 Berufsabschlüsse anerkannt, im laufenden Jahr bis Mai 70 weitere. Die meisten Zugewanderten kamen aus Bosnien, Serbien, dem Kosovo und der Türkei. Vertreter des Handwerks würdigten, dass die Vorgängerregierung dem Thema Zuwanderung große Bedeutung beigemessen habe. Allerdings sieht es die Kammer mit Sorge, sollten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse Parallelstrukturen aufgebaut werden.

Denn das bestehende System, bei dem das Handwerk selbst für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sorgt, habe sich bewährt. Eine Anerkennung dauere im Schnitt rund sechs Wochen, maximal acht – "schlank, schnell und einfach für die Betriebe", so die Bewertung aus der Praxis. Die Grünen verweisen regelmäßig auf Leistungen des Handwerks bei der Integration.

Ausbildung als Schlüsselthema

Ein Schwerpunktthema des Betriebsbesuchs war die berufliche Bildung. Präsidentin Maier berichtete über die erfreuliche Entwicklung der Ausbildungszahlen im Gebiet ihrer Handwerkskammer. 2025 starteten dort 2.811 Jugendliche in eine Ausbildung – so viele wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Vor allem die Berufe Kfz-Mechatronik (+18 Prozent), Bäcker, Konditoren, Fleischer (+25 Prozent) sowie Zimmerer (+11 Prozent) verzeichneten deutliche Zuwächse. Ein Grund mehr, die Ausbildungsstätten des Handwerks stärker zu fördern.

Özdemir knüpfte daran an und verwies auf die Schweiz als Vorbild in der gesellschaftlichen Wertschätzung der Ausbildung. Vielfalt müsse auch bedeuten, handwerkliche Berufe, berufliche Schulen und Möglichkeiten der Weiterbildung in Zukunft stärker in den Fokus zu nehmen. "Das ist ganz entscheidend für unser Land", hatte er bereits auf dem Landesparteitag der Grünen im Frühjahr 2025 gesagt. Auch die Frage nach Karrierewegen ohne Studium sei ihm wichtig: "Da geht es auch darum, gläserne Decken einzureißen und Menschen ohne Studium bisher verschlossene Karrierewege zu ermöglichen", so Özdemir auf dem Parteitag.

Maier forderte ihrerseits den Ausbau der Meisterprämie. Hier hatte sich Özdemir bereits in der Vergangenheit aufgeschlossen gezeigt: "Ich will darum ganz gezielt einen Schwerpunkt auf die berufliche Bildung setzen mit einer Kombination aus kostenlosem Meister plus einer weiterentwickelten Meistergründungsprämie, die Neugründungen und Betriebsübernahmen erleichtert."

Betriebsübergaben als Kernproblem

Ein weiteres wichtiges Thema wurde ebenfalls diskutiert: Betriebsübergaben und Nachfolge. Rund 3.800 der über 20.000 Handwerksbetriebe zwischen Ostalb und Bodensee stehen laut Handwerkskammer Ulm in den nächsten Jahren altersbedingt zur Übergabe an.

"Wenn die Übergaben nicht klappen, wird sich das Gesicht des Landes Baden-Württemberg verändern", warnte Kammer-Hauptgeschäftsführer Tobias Mehlich. Özdemir stimmte zu: "Das Stadtbild verändert sich, wenn Traditionsbetriebe schließen." Sein Wunsch: "Eine Metzgerei, eine Bäckerei, ein Raumausstatter, ein holzverarbeitender Betrieb gehören einfach zu einem Flecken."

Werben ums Handwerk

Der Grünen-Politiker sieht im Handwerk einen zentralen Partner, um die Zukunft Baden-Württembergs zu gestalten und stellte beim Betriebsbesuch klar: "Das Thema Handwerk ist bei uns in der Partei gut verankert." Bereits bei seiner Bewerbung um die Spitzenkandidatur hatte er die Zusage gegeben: "Unsere Mittelständler, unsere Unternehmen, sie haben den Anspruch, jeden Tag immer ein Stück besser zu werden, immer über sich hinauszuwachsen und mein Anspruch ist es, ihnen dafür die beste Rückendeckung zu geben."

Handwerker dürften diese Ankündigung mit Interesse hören. Zur Landtagswahl 2026 hat das baden-württembergische Handwerk 26 Forderungen formuliert. Der Spitzenverband Handwerk BW fordert unter anderem Bürokratieabbau, eine funktionierende Infrastruktur, die Stärkung der beruflichen Bildung und Unterstützung bei Betriebsübergaben.

Cem Özdemir rechnet sich gute Chancen aus, Nachfolger des populären, langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Die Grünen) zu werden. Als aussichtsreich gilt auch der CDU-Spitzenkandidat und Unions-Fraktionschef Manuel Hagel. Gewählt wird am 8. März 2026.