Ausbildungsserie Mehr als nur Fachwissen: Was Azubis heute lernen müssen

In ihrer Lehre müssen Azubis lernen, selbstständig zu planen, zu entscheiden und Verantwortung für die eigenen Ergebnisse zu übernehmen. Ausbildungsberater Peter Braune erklärt in seiner Ausbildungsserie, was hinter dem Schlüsselbegriff "Handlungskompetenz" steckt – und warum sie für den beruflichen Erfolg entscheidend ist.

Nicht nur ausführen, sondern eigenständig planen: Moderne Ausbildung fördert die Fähigkeit von Auszubildenden, Arbeitsschritte vorauszudenken und Probleme selbst zu lösen. - © DimaBerlin - stock.adobe.com

Ein Ausbilder, der Wert auf eine gute Lehre legt, erkundigt sich in einem Online-Forum für Ausbilder nach dem Begriff der "Handlungskompetenz". Die Antworten aus dem Forum zeigen, dass sich die Anforderungen an Lehrlinge grundlegend gewandelt haben. Es geht nicht mehr nur darum, was Auszubildende wissen, sondern wie sie dieses Wissen in der Praxis anwenden.

Was Handlungskompetenz bedeutet

Laut den Beiträgen im Fachforum beschreibt Handlungskompetenz die Fähigkeit, erlernte Kenntnisse und Fertigkeiten auf neue und unterschiedliche Aufgaben zu übertragen. Ausbilder erwarten demnach, dass Lehrlinge lernen, selbstständig zu planen, ihre Arbeit durchzuführen und die Ergebnisse anschließend zu kontrollieren. Einmal erworbene Kompetenzen sollen durch neue Erfahrungen und Herausforderungen im Berufsalltag stetig erweitert und verbessert werden.

Lernen nach dem Modell der vollständigen Handlung

Die Ausbildung soll sich laut den Forumsteilnehmern an der beruflichen Praxis orientieren. Dafür wird das "Modell der vollständigen Handlung" angewendet, das einen kompletten Arbeitsprozess in sechs Schritten abbildet:

  1. Informieren: Der Lehrling beschafft sich die nötigen Informationen für eine Aufgabe.
  2. Planen: Er plant den Arbeitsablauf weitgehend selbstständig. Je nach Erfahrung kann hier Unterstützung durch den Ausbilder erfolgen.
  3. Entscheiden: In einem Fachgespräch wird der Plan überprüft und der endgültige Lösungsweg festgelegt.
  4. Ausführen: Der Lehrling führt die geplanten Arbeiten eigenständig durch.
  5. Kontrollieren: Anschließend prüft er selbst, ob das Ergebnis dem ursprünglichen Plan entspricht (Soll-Ist-Vergleich).
  6. Bewerten: Der Lehrling bewertet das Ergebnis und den Arbeitsprozess.

Die 4 Säulen der Kompetenz

Die Handlungskompetenz setzt sich aus vier Teilbereichen zusammen, die je nach Beruf und Aufgabe unterschiedlich stark gewichtet sein können. Aus den Diskussionen im Forum gehen dafür folgende Beispiele hervor:

Fachkompetenz
Hier geht es um berufsspezifisches Wissen und Können. Ein angehender Kfz-Mechatroniker muss etwa lernen, Probefahrten und Abgasmessungen durchzuführen oder Zusatzeinrichtungen einzubauen. Ein Bäckerlehrling muss Zutaten auswählen, Mengen berechnen, Teige mischen und verschiedene Arbeitstechniken anwenden können.

Methodenkompetenz
Dieser Bereich umfasst die Fähigkeit, Arbeitsabläufe zu verstehen und Probleme zu lösen. Dazu gehört, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, Zusammenhänge zu erfassen und daraus Entscheidungen abzuleiten. Lehrlinge sollen lernen, Arbeitsabläufe zu beobachten, kleinere Probleme zu erkennen und diese den zuständigen Mitarbeitern zu melden.

Sozialkompetenz
Im Umgang mit Kollegen und Kunden sind soziale Fähigkeiten entscheidend. Lehrlinge sollen lernen, bei Meinungsverschiedenheiten ein ruhiges Gespräch zu führen und tolerant gegenüber anderen Ansichten zu sein. Kundenorientiertes Verhalten, also Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, gehört ebenso dazu wie das richtige Verhalten bei einem Arbeitsunfall: die verletzte Person beruhigen, Erste Hilfe leisten und den Rettungsdienst informieren.

Selbstkompetenz
Dies beschreibt persönliche Einstellungen und Haltungen. Ausbilder erwarten, dass Lehrlinge auch ohne Aufsicht diszipliniert und konzentriert arbeiten. Sie sollen Initiative ergreifen, sich freiwillig einsetzen und nicht auf Anweisungen warten, wenn sie ein dringendes Problem erkennen. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion: die eigenen Arbeitsmethoden, Stärken und Schwächen regelmäßig zu beurteilen und gezielt an Verbesserungen zu arbeiten.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.